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Springer Gabler Verlag (Herausgeber), Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Verteilungstheorie, online im Internet:
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Verteilungstheorie

Kurzerklärung

Die Verteilungstheorie hat zum Ziel, die Verteilung des laufenden Einkommens bzw. des Vermögens systematisch zu analysieren. Die Analyse kann auf verschiedene Einkommens- bzw. Vermögensarten oder auf verschiedene Gruppen von Einkommensbeziehern bzw. Vermögensbesitzern ausgerichtet sein. Bei den Theorien der Einkommensverteilung wird zwischen der personellen Einkommensverteilung und der funktionalen Einkommensverteilung unterschieden.

Eine einheitliche Verteilungstheorie gibt es in den Wirtschaftswissenschaften nicht. Theorien der Einkommensverteilung müssen jeweils im Zusammenhang mit ihrem übergeordneten Paradigma betrachtet werden.

Ausführliche Erklärung
Schwerpunktbeitrag von  Prof. Dr. Hagen Krämer

Die Verteilungstheorie hat zum Ziel, die Verteilung des laufenden Einkommens bzw. des Vermögens systematisch zu analysieren. Die Analyse kann auf verschiedene Einkommens- bzw. Vermögensarten oder auf verschiedene Gruppen von Einkommensbeziehern bzw. Vermögensbesitzern ausgerichtet sein. Zur theoretischen Analyse der Vermögensverteilung liegen nur wenige eigenständige Ansätze vor; i.d.R. steht die Analyse der Vermögensverteilung in direkter Verbindung mit einer Theorie der Einkommensverteilung, da zwischen der Stromgröße Einkommen und der Bestandsgröße Vermögen eine enge Beziehung besteht. Daneben spielt für die Vermögensverteilung die Vererbung von Vermögen und deren Besteuerung eine größere Rolle. Im Unterschied zur Vermögensverteilung existieren für die Erklärung der Einkommensverteilung zahlreiche analytische Erklärungsansätze, die sich teilweise stark voneinander unterscheiden. Eine einheitliche Verteilungstheorie gibt es in den Wirtschaftswissenschaften daher nicht. Theorien der Einkommensverteilung – und diese stehen im Folgenden im Mittelpunkt – müssen jeweils im Zusammenhang mit ihrem übergeordneten Paradigma betrachtet werden.

Bei den Theorien der Einkommensverteilung wird zwischen der personellen Einkommensverteilung und der funktionalen Einkommensverteilung unterschieden. Die personelle Einkommensverteilung betrachtet die Verteilung der im Wirtschaftsprozess entstandenen Einkommen auf Personen (Individuen oder Haushalte). Unter der funktionalen Einkommensverteilung wird die Aufteilung der gesamtwirtschaftlichen Einkommen auf funktionale Einkommensarten (Lohn, Profit, Zins und Rente) oder auf die Produktionsfaktoren verstanden, die zur Erwirtschaftung des Sozialprodukts beigetragen haben oder an seiner Verteilung partizipieren (wie reine Besitzeinkommen). Beide Betrachtungsweisen sind eng miteinander verwoben. Aus der Verteilung der Einkommen auf die Produktionsfaktoren lässt sich bei Kenntnis der Verteilung der Produktionsfaktoren auf die Individuen bzw. die Haushalte die personelle Einkommensverteilung ableiten. Trotz der in modernen Ökonomien vorzufindenden Querverteilung (Einkommensbezug einer Person aus verschiedenen Einkommensarten) hat die funktionale Einkommensverteilung daher nach wie vor eine hohe Relevanz für die Frage der Einkommensungleichheit.

I. Funktionale Einkommensverteilung

Traditionellerweise steht die funktionale Einkommensverteilung im Zentrum der ökonomischen Verteilungstheorien. Dies hängt vor allem mit ihrer engen Wechselwirkung mit Fragen der Bestimmung von Produktion und Wirtschaftswachstum zusammen. Da sich Fragestellungen, Methoden und die Struktur der Analyse der verschiedenen ökonomischen Paradigmen unterscheiden, sind sowohl die Bestimmungsgründe der funktionalen Verteilung als auch die Aussagen über die langfristigen Entwicklungsprozesse der Verteilung unterschiedlich.

1. Verteilung bei den ökonomischen Klassikern

a) Einkommen der sozialen Klassen

Während es in der Verteilungstheorie des heute dominierenden neoklassischen Paradigmas um die Einkommen der Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und Boden geht, die gemäß ihrer Funktionen im Produktionsprozess als solche definiert werden, behandelten die Klassiker der politischen Ökonomie (Adam Smith, David Ricardo, John Stuart Mill, Karl Marx u.a.) die Frage nach den Bestimmungsgründen der Einkommen der sozialen Klassen. Dabei existierte eine eindeutige Zuordnung von Einkommensarten zu den sozialen Klassen. Die einzige Quelle, aus der die Arbeiter Einkommen beziehen, ist der Lohn; die Landbesitzer erhalten ausschließlich eine Grundrente und das einzige Einkommen der Kapitaleigner (Kapitalisten) ist der Profit. Dagegen existiert in der ab Ende des 19. Jahrhunderts aufkommenden neoklassischen Verteilungstheorie keine klare Beziehung mehr zwischen Faktoreinkommen und sozialen Klassen. Aus der Höhe der Kapitaleinkommen kann bspw. nicht abgeleitet werden, ob diese nur einer bestimmten sozialen Klasse zufließen oder ob sie mehr oder weniger gleichmäßig allen Mitgliedern der Gesellschaft zukommen.

b) Einkommensverteilung und das Surpluskonzept

Die Verteilungstheorie der ökonomischen Klassik wird auch als surplustheoretischer Ansatz der Einkommensverteilung bezeichnet. Unter einem Surplus (Mehrprodukt) – einem zentralen Konzept der klassischen Analyse – versteht man einen Überschuss des Sozialprodukts im Verhältnis zu den im Produktionsprozess verbrauchten Gütern. Hierzu gehören neben den abgenutzten Produktionsmitteln und den eingesetzten Rohstoffen vor allem die Güter, die die Arbeiter zum Leben brauchen (Reproduktionsmittel). Der verbleibende Überschuss kann an die anderen sozialen Klassen verteilt werden. Bedeutsam ist die Annahme, dass aus dem Profit der Kapitaleigner die Mittel für die Akkumulation (Investition) entstehen, durch die die Wirtschaft erst wachsen kann. Hieran zeigt sich der zentrale Zusammenhang von Verteilung und Wachstum in der ökonomischen Klassik. Charakteristisch für die klassische Verteilungstheorie ist darüber hinaus die grundsätzliche Sichtweise von Produktion, Verteilung und Verbrauch des Einkommens als Kreislaufprozess.

c) Lohn, Grundrente, Profit

Die Lohnhöhe wird durch ein historisch und sozial veränderliches Subsistenzniveau bestimmt. Dieses ist nicht in einem biologischen Sinne zu verstehen, sondern wird aus den jeweiligen sozialen Bedingungen heraus bestimmt. Die Eigenschaft der Lohnhöhe, in Richtung des Subsistenzniveaus zu tendieren, wurde entweder über ein starkes Bevölkerungswachstum (Thomas Malthus) oder über die Tendenz des technischen Fortschritts, Arbeitskräfte freizusetzen (Karl Marx), begründet.

Den entscheidenden Beitrag zur Erklärung der Grundrente lieferte David Ricardo. Gemäß seinem Konzept der Differentialrente wird eine Grundrente nur auf den fruchtbareren Böden bezahlt. Die höchste Rente erzielt der Grundbesitzer, der den fruchtbarsten Boden besitzt. Der am wenigsten fruchtbare Boden von allen Böden, die kultiviert werden (der Grenzboden), wirft keine Rente mehr ab.

Das Einkommen der Kapitaleigner (der Profit) ist eine Residualgröße, die sich ergibt, wenn vom Produktionsergebnis die Löhne und die Grundrenten abgezogen werden. Auch wenn sich die Begründungen im Einzelnen unterscheiden, so ist ein weiteres gemeinsames Element der klassischen Verteilungstheorien, dass langfristig von einem tendenziellen Fall der Profitrate ausgegangen wird. Hieraus leitet sich die bei den Klassikern verbreitete Auffassung ab, demnach die ökonomische Entwicklung in der langen Frist in eine Stagnation münde.

d) Lohn-, Renten- und Profitquote

Zu den Einkommensquoten und ihren langfristigen Entwicklungen lassen sich bei den Klassikern nur wenige explizite Aussagen finden, da diese sich vorwiegend mit den Verteilungsgrößen Lohn, Grundrente, Profit bzw. der Lohn-, Profit-, Rentensumme befassten. Wie zuvor schon Adam Smith äußerte David Ricardo die Erwartung, dass die Rentenquote langfristig steigen werde. Spätere Interpretationen von Ricardos Schriften kommen zu unterschiedlichen Einschätzungen, ob dies aus seinen anderen Überlegungen zwangsläufig folgen muss. Offensichtlich ist jedoch, dass in der Klassik nicht von einer langfristigen Konstanz der quotalen Einkommensverteilung ausgegangen wird. Die Verteilungsquoten können sich, je nach der Entwicklung ihrer Einflussfaktoren, im Laufe der Zeit ändern.

2. Verteilung in der neoklassischen Theorie (Marginalismus)

a) Mikroökonomische Grenzproduktivitätstheorie der Verteilung

Der mikroökonomischen Grenzproduktivitätstheorie der Verteilung geht es im Wesentlichen um eine Bestimmung der Nachfrage nach den einzelnen Produktionsfaktoren auf den jeweiligen Faktormärkten; sie kann im eigentlichen Sinne daher nicht als eine originäre Verteilungstheorie bezeichnet werden. Gleichzeitig mit der Bestimmung der Faktornachfrage werden auch die einzelnen Faktorpreise (Lohn, Kapitalzins, Grundrente) ermittelt. Anders als in der ökonomischen Klassik ist das Grundprinzip der Faktorpreisbestimmung für alle Produktionsfaktoren identisch. Unter der Verwendung diverser Annahmen, darunter insbesondere derjenigen vollkommener Konkurrenz, wird jeder Produktionsfaktor im Marktgleichgewicht gemäß dem Wertgrenzprodukt der letzten Einheit entlohnt, die noch beschäftigt wird. Das Wertgrenzprodukt der Arbeit entspricht dem nominalen Lohnsatz und das Wertgrenzprodukt des Kapitals dem nominalen Kapitalzins. Da sich das Einkommen eines Produktionsfaktors aus dem Produkt von Faktorpreis und ‑menge ergibt, ist die Theorie der Preisbildung auf einem Faktormarkt in diesem Modellrahmen gleichzeitig eine Theorie der Einkommensverteilung. Damit die Summe der Einkommen aller Produktionsfaktoren das Produktionsergebnis vollständig ausschöpft, muss außer der Annahme vollkommener Konkurrenz auch noch die Existenz konstanter Skalenerträge unterstellt werden.

b) Die makroökonomische Version der Grenzproduktivitätstheorie der Verteilung

Die makroökonomische Version der Grenzproduktivitätstheorie der Verteilung beabsichtigt, die auf der mikroökonomischen Ebene gewonnenen Gesetzmäßigkeiten auf die Gesamtwirtschaft zu übertragen. Die Einkommen der Produktionsfaktoren entsprechen auch auf gesamtwirtschaftlicher Ebene ihren jeweiligen Faktorpreisen. Wird wie allgemein üblich eine Cobb-Douglas-Produktionsfunktion angenommen, verteilt sich das produzierte Einkommen komplett auf die beteiligten Produktionsfaktoren. Die gesamtwirtschaftliche Lohnquote (Profitquote) wird mit der Produktionselastizität der Arbeit (des Kapitals) gleichgesetzt. Änderungen von Lohnsatz oder Profitrate haben keinen Einfluss auf die quotale Einkommensverteilung, da diese eine entsprechend kompensierende Faktorsubstitution auslöst. Die Einkommensquoten ändern sich allenfalls, wenn sich die Produktionselastizitäten durch (nicht-neutralen) technischen Fortschritt ändern. Wird eine CES-Produktionsfunktion mit einer Produktionselastizität ungleich eins verwendet, kann auch eine Änderung der Kapitalintensität einen Einfluss auf die Höhe der Einkommensquoten ausüben. Prinzipiell gilt damit, dass die neoklassische Verteilungstheorie die funktionale Verteilung aus den „technischen Bedingungen“ bzw. aus rein ökonomischen Gesetzmäßigkeiten ableitet. Im Standardansatz der Grenzproduktivitätstheorie der Verteilung gibt es demzufolge keinen Platz für Marktmacht, für soziale Einflussfaktoren oder die Berücksichtigung von Verteilungskonflikten, wie sie in der Realität beständig auftreten.

Wie im Rahmen der bedeutsamen kapitaltheoretischen Kontroverse deutlich geworden ist, erweist sich allerdings die Annahme der Existenz einer gesamtwirtschaftlichen Produktionsfunktion und die Vorgabe einer definierten „Menge an Kapital“ unabhängig von den Preisen der verschiedenen Kapitalgüter und damit der Profitrate als unhaltbar. Hierbei tritt nämlich das Problem auf, dass zur Bestimmung des Wertes des aggregierten Kapitalstocks die Preise der einzelnen, heterogenen Kapitalgüter bekannt sein müssen, um diese zu einem gesamtwirtschaftlichen Kapitalstock aufaddieren zu können. Die Preise der einzelnen Kapitalgüter sind jedoch ohne Kenntnis des Kapitalzinses (der Profitrate) nicht bestimmbar. Wie Piero Sraffa gezeigt hat, müssen beide – die Preise der Kapitalgüter und die Profitrate – simultan bestimmt werden. Obwohl hier offenkundig wird, dass die makroökonomische Version der Grenzproduktivitätstheorie auf einem Zirkelschluss basiert, der ihr theoretisches Fundament infrage stellt, ist sie heute immer noch weit verbreitet. Auf Basis dieser Theorie werden häufig auch weitreichende verteilungs- und beschäftigungspolitische Empfehlungen gegeben.

3. Postkeynesianische Verteilungstheorie

a) Gemeinsamkeiten der postkeynesianischen Verteilungstheorien

Im Rahmen der postkeynesianischen Wirtschaftstheorie sind verschiedenartige Beiträge zur Verteilungstheorie entstanden, die häufig im Zusammenhang mit anderen ökonomischen Fragestellungen entwickelt wurden. Trotz ihrer Unterschiede im Einzelnen greifen sie zentrale Elemente der Theorie von John Maynard Keynes auf. Dazu gehören vor allem die Mechanismen, die in der von Keynes aufgeführten Metapher vom „Krug der Witwe“ beschrieben wurden. Dies ist zum einen die Auffassung, dass die Ausgaben, die die Unternehmen als Investitionen tätigen, ihnen wieder als Einnahmen zurückfließen. Dies bedeutet, dass die Unternehmerschaft als Ganzes es selbst in der Hand hat, durch Festlegung ihrer Ausgaben über ihre Einkommen zu entscheiden; oder in den Worten von Nicholas Kaldor (1955-56): „Capitalists earn what they spend, and workers spend what they earn“. Zum anderen verbindet sie der Bezug auf den zentralen Kern der keynesianischen Theorie, nämlich die Feststellung, dass die Investitionen unabhängig von der geplanten Ersparnis sind und sich letztere über den Multiplikatorprozess an erstere anpassen.

b) Nicholas Kaldors Kreislauftheorie der Verteilung

Als Prototyp der postkeynesianischen Verteilungstheorie gilt das Verteilungsmodell von Nicholas Kaldor aus den 1950er-Jahren, das als Kreislauftheorie der Verteilung bezeichnet wird. Kaldor behandelt die Einkommensverteilung im Zusammenhang mit seiner Wachstumstheorie. Zentraler Baustein ist dabei die Annahme von unterschiedlich hohen einkommensspezifischen Sparquoten, wobei die Sparquote aus Profit- größer ist als die aus Lohneinkommen. Unter dieser und weiteren Voraussetzungen wird die quotale Einkommensverteilung gemäß der bekannt gewordenen Kaldor-Formel der Einkommensverteilung neben den Sparquoten wesentlich durch die exogen bestimmte Investitionsquote bestimmt. Kritisiert werden an Kaldors Theorie u.a. die Annahmen der Vollbeschäftigung und der Konstanz der Nominallöhne. Unklar bleibt vor allem, warum die Arbeiter in einer Vollbeschäftigungssituation eine Änderung der Reallöhne zu ihren Ungunsten hinnehmen sollten. Unbefriedigend ist im Kaldor-Modell letztlich insbesondere die Tatsache, dass die Einkommensverteilung eine passive Rolle spielt, da sie vor allem die Aufgabe hat, das Vollbeschäftigungsgleichgewicht herzustellen.

c) Erweiterungen

Andere Verteilungstheorien des Postkeynesianismus, wie z.B. die von Joan Robinson, kommen ohne die Vollbeschäftigungsannahme aus. In den Ansätzen von Michal Kalecki und Josef Steindl wird darüber hinaus auch explizit die Möglichkeit einer dauerhaften Unterauslastung der Produktionskapazitäten zugelassen. Luigi Pasinetti berücksichtigte die Tatsache, dass bei einer positiven Sparquote der Arbeiter Vermögen gebildet werden und Arbeiterhaushalten damit auch Kapitaleinkommen zufließen. Der Ansatz Pasinettis bietet die Möglichkeit einer Verbindung der postkeynesianischen Verteilungstheorie mit einer Analyse der Vermögensverteilung. Von besonderer Relevanz ist jedoch die Feststellung, dass der Modellrahmen der postkeynesianischen Analyse für die Entwicklung einer Verteilungstheorie, die über den engen Marktrahmen hinausgeht und die Einflüsse von institutionellen, soziologischen und politischen Aspekten mitberücksichtigt, besser geeignet erscheint als das in dieser Hinsicht geschlossene neoklassische Paradigma. Denn die postkeynesianischen makroökonomischen Modelle besitzen prinzipiell einen Freiheitsgrad, der wie bei den Klassikern durch die Verteilung geschlossen werden kann. Dies eröffnet grundsätzlich die Möglichkeit, spezifische Verteilungstheorien zu entwickeln, die nicht ausschließlich durch produktionstechnische Gesetzmäßigkeiten geprägt sind.

4. Monopolgradtheorien der Verteilung und machttheoretische Ansätze

a) Monopolgradtheorien der Verteilung

Wird berücksichtigt, dass es in Wirtschaft und Gesellschaft Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen am Produktionsprozess beteiligten Gruppierungen um die Verteilung des Einkommens gibt, müssen Elemente eines Verteilungskampfes in die Analyse integriert werden. Die Einkommensverteilung wird dann wie schon bei Adam Smith wesentlich durch die relativen Kräfteverhältnisse der Konfliktparteien bestimmt. Verteilungstheorien, die versuchen, Verteilungskonflikte zu berücksichtigen, stehen häufig in der Tradition von Michal Kalecki. Dieser verwarf die Annahmen der vollkommenen Konkurrenz auf den Märkten für Industriegüter, der Vollbeschäftigung und der Vollauslastung der Kapazitäten. Kalecki ging davon aus, dass die Unternehmen ihre Preise durch Zuschlagskalkulation auf die Stückkosten festlegen (Mark-up-Preissetzung). Die Kräfteverhältnisse der Konfliktparteien finden bei Kalecki Ausdruck im sogenannten Monopolgrad, ein Begriff, der bereits von Abba Lerner verwendet wurde. Der deutsche Ökonom Erich Preiser, der ebenfalls wichtige Beiträge zu einer Monopolgradtheorie der Verteilung geleistet hat, bezeichnete den (strukturellen) Monopolgrad treffend als „die Übersetzung historischer Machtverhältnisse in ökonomische Kategorien“ (Preiser 1970). In diesen Ansätzen wird die funktionale Einkommensverteilung daher zu einem wesentlichen Teil auch von Verteilungsauseinandersetzungen mit beeinflusst. Die Lohnquote, die bei Kalecki als Lohnanteil am Nettoproduktionswert der Industrie definiert ist, wird bei ihm von zwei Faktoren determiniert: zum einen durch den Monopolgrad, in dem außer den Kräfteverhältnissen von Unternehmen und Gewerkschaften noch der Grad der Unternehmenskonzentration eingeht, zum anderen durch das Verhältnis der Kosten der (importierten) Rohstoffe zu den Lohnkosten. Während der Anteil der Löhne (bzw. Profite) am gesamten Einkommen aus diesen mikroökonomischen Überlegungen heraus bestimmt wird, werden Lohn- und Profitsumme bei Kalecki unter Bezugnahme auf die Kreislauftheorie ermittelt. Wie im Kaldor-Modell sind hierbei die autonomen Ausgabenentscheidungen der Kapitaleigner entscheidend. Da beide Ebenen für die Einkommensverteilung eine Rolle spielen, wird von einem Dualismus in der Verteilungstheorie Kaleckis gesprochen.

b) Weiterentwicklungen der Verteilungstheorie Kaleckis

Moderne Ansätze auf Basis der Theorie von Michal Kalecki nehmen den Gedanken auf, dass die Verteilung einen bedeutsamen Einfluss auf die Akkumulation und damit das langfristige Wirtschaftswachstum hat. Im Modell von Rowthorn/Dutt/Amadeo wird der Zusammenhang von Auslastungsgrad der Produktionskapazitäten und den Profiterwartungen betont, die wiederum die Akkumulationsentscheidungen bestimmen. Bei Bhaduri/Marglin wird zusätzlich noch die Bedeutung der Lohnstückkosten für die Investitionsentscheidungen der Unternehmer hervorgehoben und gezeigt, dass eine Verteilungsänderung, bspw. zugunsten der Löhne, je nach Situation entweder zu einer ökonomischen Expansion oder Kontraktion führen kann. Die Konzeption von verschiedenartig ausgeprägten Akkumulationsregimes hat in jüngerer Zeit die Entwicklung einer ganzen Reihe von darauf aufbauenden Modellen angestoßen, die das Bhaduri/Marglin-Modell um wichtige und bislang in der Verteilungsanalyse weitgehend vernachlässigte monetäre und außenwirtschaftliche Aspekte erweitern.

c) Partialanalytische Machtmodelle

Während Kaleckis Verteilungstheorie sich in ein ökonomisches Gesamtmodell einordnet, stellen partialanalytische Theorien, die Machtelemente berücksichtigen, vornehmlich auf die Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt ab. Zu diesen gehören z.B. auch die Collective-Bargaining-Modelle, die wie vergleichbare Ansätze vorwiegend im Rahmen der Arbeitsmarktökonomik behandelt werden.

5. Ausblick

Während die Klassiker der Politischen Ökonomie noch davon ausgingen, dass die Einkommensanteile der jeweiligen sozialen Klassen langfristig variabel sein können, ergibt sich im Lehrbuchmodell der neoklassischen Verteilungstheorie, in dem üblicherweise eine Cobb-Douglas-Produktionsfunktion verwendet wird, genau wie in den meisten postkeynesianischen Ansätzen eine langfristige Konstanz der Lohnquote. Untersuchungen über die Entstehungsgeschichte der Verteilungstheorien haben ergeben, dass deren maßgebliche Modelle unter dem Einfluss der vermuteten Konstanz der quotalen Einkommensverteilung entstanden sind und mit dem Ziel konstruiert wurden, im Einklang mit diesem scheinbaren empirischen Phänomen zu stehen. Die in zahllosen Modellen von Wachstum und Verteilung als stilisiertes Faktum unterstellte Konstanz der Lohnquote – auch als Bowley's Law bezeichnet – hält jedoch einer genaueren empirischen und methodischen Überprüfung nicht stand. Die Verteilungstheorie von Kalecki bietet von ihrer Anlage her die prinzipielle Möglichkeit, auch länger anhaltende Phasen mit einer steigenden oder fallenden Lohn- bzw. Profitquote zu modellieren. Modelle der funktionalen Einkommensverteilung, in denen Verteilungskonflikte zu Änderungen der quotalen Einkommensverteilung führen können, finden daher eher innerhalb des klassischen oder des kaleckianischen Theorierahmens brauchbare Anknüpfungspunkte.

II. Personelle Einkommensverteilung

1. Primär- und Sekundärverteilung

Die personelle Einkommensverteilung bezeichnet die Verteilung des Einkommens auf Individuen oder auf Gruppen von Einkommensbeziehern, die nach verschiedenen Merkmalen gegliedert sein können. Theorien der personellen Einkommensverteilung beziehen sich i.d.R. auf die Verteilung von Einkommen, die im Marktprozess entstehen (Primärverteilung). Sekundäreinkommen ergeben sich durch Umverteilungen im Steuer- und Transfersystem, das in der Finanzwissenschaft ausführlich behandelt wird. Erklärungsansätze, die ökonomisch-politische Prozesse in den Mittelpunkt stellen, werden vor allem im Rahmen der Neuen Politischen Ökonomie entwickelt.

2. Theorien der personellen Einkommensverteilung

Ziel der meisten Theorien, die sich mit der personellen Einkommensverteilung befassen, ist der Versuch, die (zunehmende) Ungleichheit der primären Einkommensverteilung zu erklären. Es existiert eine Reihe von personellen Verteilungstheorien, die teilweise sehr unterschiedliche Erklärungsansätze dafür liefern. Theorien auf Basis der mikroökonomischen Grenzproduktivitätstheorie der Verteilung, wie bspw. der Kompensationsansatz, erklären Einkommensunterschiede durch Unterschiede in der Gefährlichkeit bzw. Attraktivität zwischen verschiedenen Jobs oder sie behandeln die Bedeutung von Marktmacht, die bspw. auf dem Arbeitsmarkt durch Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften ausgeübt wird. Ebenfalls im Rahmen der Grenzproduktivitätstheorie bewegen sich Erklärungen für Einkommensdifferenzen, die auf Diskriminierung abstellen oder die Existenz von Effizienzlöhnen hervorheben. Andere Ansätze erklären Einkommensunterschiede durch persönliche Merkmale und Eigenschaften der Einkommensbezieher, die deren Beschäftigungs- und Einkommenschancen bestimmen. Diese Eigenschaften können entweder zufallsbedingt verteilt sein (stochastische Theorien), durch Ausbildung und/oder Berufserfahrung erworben werden (Humankapitaltheorien), durch Vererbung von Talenten oder durch die familiäre Herkunft beeinflusst sein. Einen anderen Ansatz verfolgen Theorien, die die unterschiedliche Höhe von Ausgaben und Ersparnissen im Lebenszyklus in den Mittelpunkt stellen. Weitere Gruppen von Theorien untersuchen, welchen Einfluss auf die Verteilung der Zusammenschluss von Personen zu Klubs hat bzw. wie es Individuen oder Gruppen gelingt, Privilegien zu erlangen und zu verteidigen, die ihnen die Erzielung eines Einkommens oder Vermögens ermöglicht, das nicht mit ihrer ökonomischen Leistung korrespondiert (Rent Seeking). Andere Ansätze berücksichtigen die Existenz von Hierarchien in Organisationen. Wieder andere Theorien behandeln die Tatsache, dass aus (vererbten) Vermögen Einkommen entstehen und vice versa. Da zukünftig die Bedeutung von ererbten Vermögen zumindest in der entwickelten Welt stark zunehmen wird, ist die Analyse der Vermögensverteilung daher für die Untersuchung der Einkommensverteilung von wachsender Bedeutung.

3. Perspektiven personeller Verteilungstheorien

Kritisch wird die Tatsache gesehen, dass die meisten Theorien der personellen Einkommensverteilung im Wesentlichen partialanalytisch ausgerichtet sind und daher Wechselwirkungen mit anderen ökonomischen Größen und Prozessen nicht systematisch berücksichtigen können. Jüngere Entwicklungen wie Multi-Agenten-Modelle bieten neue Ansatzmöglichkeiten, um Entstehung und Auswirkungen von Einkommensunterschieden in Systemzusammenhängen zu studieren. Weiterentwicklungen von Theorien der personellen Einkommensverteilung erscheinen auch im Hinblick auf die Erklärung einiger zentraler gesellschaftlicher und ökonomischer Phänomene angebracht. So fehlt es bislang z.B. an einer schlüssigen Theorie über das in jüngerer Zeit festzustellende starke Wachstum der Höchsteinkommen ebenso wie an einer wissenschaftlichen Erklärung über die beachtliche Dynamik bei der Entwicklung der Vergütungen von Topmanagern.

Literaturhinweise
Bücher
Zeitschriften
  • Adler, M./Schmid, K.D.:  Factor Shares and Income Inequality - Empirical Evidence from Germany 2002-2008
    SOEPpaper Nr. 460 ,  Berlin: The German Socio-Economic Panel (SOEP), DIW Berlin ,  2012
  • Anselmann, Chr./Krämer, H.:  Completing the Bathtub? The Development of Top Incomes in Germany 1907-2007
    SOEPpaper Nr. 451 ,  Berlin: The German Socio-Economic Panel (SOEP), DIW Berlin ,  2012
  • Clark, J.B.:  Distribution as Determined by a Law of Rent
    1891 S. in: Quarterly Journal of Economics, S. 289-318
  • Kaldor, N.:  Alternative Theories of Distribution
    1955/56 S. in: Review of Economic Studies, S. 83-100
  • Kalecki, M.:  The Determinants of Distribution of the National Income
    1938 S. in: Econometrica, S. 97-112
  • Kurz, H.D.:  Kapital und Zins
    2012 S. in: Wirtschaftspolitische Blätter, S. 7-28
  • Lerner, A.:  The Concept of Monopoly and the Measurement of Monopoly Power
    1933/34 S. in: Review of Economic Studies, S. 157-175
  • Pasinetti, L.:  Rate of profit and Income Distribution in Relation to the Rate of Economic Growth
    1962 S. in: Review of Economic Studies, S. 267-279 (deutsch: Schlicht, E. (1976): Einführung in die Verteilungstheorie, Rowohlt: Reinbek, S. 205-222)
  • Piketty, T.:  On the long-run evolution of inheritance: France 1820-2050
    2011 S. in: Quarterly Journal of Economics, S. 1071-1131
  • Preiser, E.:  Erkenntniswert und Grenzen der Grenzproduktivitätstheorie
    1953 S. in: Schweizerische Zeitschrift für Volkswirtschaft und Statistik, S. 25-45; wiederabgedruckt in: Preiser, E. (1970): Bildung und Verteilung des Volkseinkommens, 4. Aufl., Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 265-289
  • Rothschild, K.:  Theme and Variations. Remarks on the Kaldorian Distribution Formula
    1965 S. in: Kyklos, S. 652-669 (deutsch: Thema und Variationen. Bemerkungen zur Verteilungsformel Kaldors, in: Frisch, H. (Hrsg.) (1967): Beiträge zur Theorie der Einkommensverteilung, Berlin: Duncker & Humblot, S. 81-95)

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