| 
 | 
 | 
 | 
Wirtschaftslexikon
  Detailsuche
Digitale Fachbibliothek
in 50.000 Fachbüchern + 300 Fachzeitschriften 

ANZEIGE

Bücher
Eicke Bastian Möller zeigt für den mittelfristigen Planungshorizont einer Operationsabteilung im Krankenhaus auf, wie robuste zyklische Operationspläne unter Berücksichtigung von ... Vorschau
Statistik (von statista.com)
Pro-Kopf-Ausgaben für Medikamente
Durchschnittliche Pro-Kopf-Ausgaben für Arzneimittel in Deutschland in den Jahren 1999 bis 2010 (in Euro)
Statistik: Pro-Kopf-Ausgaben für Medikamente
(Kostenpflichtige Statistik)
Statista: hochwertige Statistiken, Umfragen und Studien aus über 10.000 Quellen
Meine zuletzt besuchten Definitionen
Schwerpunktbeiträge des Tages
Inhaltsverzeichnis I. Medienmanagement als wirtschaftswissenschaftliche Disziplin II. Das Medienunternehmen als Institution III. Medienmanagement als Prozess I. Medienmanagement als wirtschaftswissenschaftliche Disziplin 1. Medienökonomie und Medienmanagement: Gegenstand der Medienökonomie ist die ökonomische Analyse der Bedingungen journalistischer Produktion, der Distribution und des Konsums von Medieninhalten und Trägermedien. Unterschieden werden ... mehr
von  Prof. Dr. Insa Sjurts
„Handel ist Wandel“ ist ein gefälliges Sprichwort, das von Führungskräften in Handelsunternehmen allzu gerne benutzt wird, wenn es darum geht, die andauernd notwendige Veränderungsbereitschaft in Handelsunternehmen in prägnante Worte zu fassen. Inhalt dieses Schwerpunktbeitrags sind die aktuellen Veränderungen in der ... mehr
von  Prof. Dr. Alexander Hennig, Prof. Dr. Willy Schneider

Gesundheitsökonomische Evaluation

Definition

ANZEIGE

Kurzerklärung:

Bei der gesundheitsökonomischen Evaluation werden Kosten und Outcomes (z.B. Auswirkungen auf Gesundheitsstatus und Lebenserwartung) von Gesundheitstechnologien verglichen. Der Technologiebegriff ist dabei - wie im Health Technology Assesssment - weit gefasst und beinhaltet diagnostische Verfahren (z.B. Magnetresonanzthomographie) und therapeutische Interventionen (z.B. Operationsprozeduren, Medikation oder Psychotherapien), aber auch Präventionsprogramme (z.B. Kampagnen für einen gesundheitsorientierten Lebensstil) und organisatorische Ansätze (z.B. Disease Management Programme).

Ausführliche Erklärung:

Bei der gesundheitsökonomischen Evaluation werden Kosten und Outcomes (z.B. Auswirkungen auf Gesundheitsstatus und Lebenserwartung) von Gesundheitstechnologien verglichen. Der Technologiebegriff ist dabei - wie im Health Technology Assesssment - weit gefasst und beinhaltet diagnostische Verfahren (z.B. Magnetresonanzthomographie) und therapeutische Interventionen (z.B. Operationsprozeduren, Medikation oder Psychotherapien), aber auch Präventionsprogramme (z.B. Kampagnen für einen gesundheitsorientierten Lebensstil) und organisatorische Ansätze (z.B. Disease Management Programme).

I. Studienformen der gesundheitsökonomischen Evaluation

Die grundsätzlichen Studienformen der gesundheitsökonomischen Evaluation sind
(1) Kosten-Minimierungs-Analyse,
(2) Kosten-Effektivitäts-Analyse,
(3) Kosten-Nutzwert-Analyse und
(4) Kosten-Nutzen-Analyse. Die Studienformen unterscheiden sich hinsichtlich der ausgewiesenen Outcomedimension. Die Outcomes lassen sich differenzieren in: klinische Parameter (wie Blutdruck oder Lungenfunktionskapazität), gesundheitliche Outcomes (wie Vermeidung eines Herzinfarkts), Lebenserwartung, Lebensqualität, qualitätsadjustierte Lebensjahre (QALYs) sowie monetäre Outcomes (Zahlungsbereitschaften).

Kosten-Minimierungs-Analyse: Bei der Kosten-Minimierungs-Analyse (cost minimisation analysis, CMA) werden nur die Kosten der Interventionsalternativen untersucht. Es ist dann unterstellt, dass die Interventionsalternativen bez. der (gesundheitsökonomisch relevanten) Effektparameter identisch sind. Ein entsprechender Nachweis sollte in einer klinischen Studie erfolgt sein.

Kosten-Effektivitäts-Analyse: Bei Kosten-Effektivitäts-Analysen (cost effectiveness analysis, CEA) werden die Outcomes in realen Einheiten gemessen. Es lassen sich klinische Parameter wie Blutdrucksenkung oder Lungenfunktionskapazitätsverbesserung und (intermediäre und finale) gesundheitliche Outcomes wie vermiedene Herzinfarkte, verhinderte Todesfälle oder gewonnene Lebensjahre berücksichtigen. Die Kosten-Effektivitäts-Analyse ist bes. geeignet wenn ein eindeutig dominanter Effektparameter identifizierbar ist. Die Bedeutung von Effektparametern sollte in CEAs aus der Patientenperspektive eingeschätzt werden. Insofern sind finale gesundheitliche Outcomes bes. relevant. Klinische Parameter sind bedeutsam, wenn sich - basierend bspw. auf epidemiologischen Studien - von den klinischen Parametern auf finale Outcomes schlussfolgern lässt. Kostenunterschiede und Effektivitätsunterschiede der Interventionsalternativen werden in CEAs zu Kosten-Effektivitäts-Relationen aggregiert.

Kosten-Nutzwert-Analyse: In Kosten-Nutzwert-Analysen (cost utility analysis, CUA) können gleichzeitig mehrere Outcomes berücksichtigt werden. Die Ergebnisparameter werden durch eine Bewertungs­vorschrift in Nutzen­ein­heiten überführt und sind damit aggregierbar. I.A. werden die globalen Ergebnisparameter Gewinn an Lebenszeit und Lebensqualität während der verbleibenden Lebenszeit zu einem Index aggregiert, den sog. qualitätsadjustierten Lebensjahren (quality-adjusted life years, QALYs). Ein QALY ist rechnerisch ein zusätzliches Lebensjahr in optimaler Gesundheit. Mit der Kosten-Nutzwert-Analyse wird es möglich, Interventionen bei unterschiedlichen Indikationen zu vergleichen - insbesondere auch nicht lebenszeitverlängernde Interventionen einzubeziehen (z.B. Vergleich eines Rücken­schul­pro­gramms bei chronischen Rückenschmerzen mit einer Bypass-Operation nach akutem Herzinfarkt).

Kosten-Nutzen-Analyse: Bei Kosten-Nutzen-Analysen (cost benefit analysis, CBA) werden nicht nur die Kosten, sondern auch die Outcomes in monetären Einheiten bestimmt. Damit wird erreicht, dass - wie bei der Ko­sten-Nutzwert-Analyse - gleichzeitig mehrere Ergebnisparameter in die Analyse ein­ge­hen. Darüber hinaus lassen sich Kosten und Nutzen direkt miteinander vergleichen und der Nettonutzen einer Intervention (gegenüber einer Alternativintervention) - als Differenz von Nutzen und Kosten - ableiten. Die CBA ermöglicht grundsätzlich, In­ve­sti­ti­onen in Gesundheit mit Investitionen in Bildung oder Umwelt zu vergleichen. Kosten-Nutzen-Analysen sind anspruchsvoll und insbesondere die Bewertung der Nutzenelemente ist teilweise problematisch.
Die Kosten-Nutzen-Analyse lässt sich aus der ökonomischen Wohlfahrtstheorie ableiten. Demgegenüber stellen Kosten-Effektivitäts- und Kosten-Nutzwert-Analyse zunächst entscheidungsanalytische Ansätze dar. Sie lassen sich aber - unter restriktiven Annahmen - in Kosten-Nutzen-Analysen überführen und sind dann auch wohlfahrtökonomisch basiert.

In Tabelle 1 sind die Studienformen der gesundheitsökonomischen Evaluation zusammenfassend dargestellt.


Inkrementalanalyse: Gesundheitsökonomische Analysen basieren auf einem Vergleich von Interventionsalternativen (z.B. Stenting versus Bypass-Operation bei akutem Herzinfarkt). Bei dem Alternativenvergleich wird nicht primär auf die gesamten Kosten und Outcomes (gesundheitliche Effekte, QALYs oder monetäre Nutzen) der neuen Gesundheitstechnologie abgestellt, sondern - wie in Tabelle 1 dargestellt - auf die Kosten- und Outcomedifferenzen gegenüber den Vergleichsinterventionen (in einer sog. Inkrementalanalyse). Man bezeichnet diese Differenzen als inkrementale Kosten respektive inkrementale Effekte, QALYs oder Nutzen.


II. Perspektive der gesundheitsökonomischen Evaluation

Die gesundheitsökonomische Evaluation kann aus unterschiedlichen Perspek­tiven durch­geführt werden - z.B. aus derjenigen der Gesellschaft, der Kostenträger oder der Patienten - die unterschiedlichen Perspektiven sind dann jedoch eindeutig zu trennen. Gesundheitsökonomische Analysen sollten immer auch die gesellschaftliche Perspektive berücksichtigen, da Entscheidungen über die Allokation von Gesundheitsleistungen grundsätzlich ein gesell­schaftliches Optimum realisieren sollen (analog der Koordinations­institution Markt). Neben der gesellschaftlichen Perspektive können weitere Perspektiven eingenommen werden, wie z.B. diejenige der Finanzierungs­träger, Leistungserbringer oder der Patienten. Gesundheitstechnologien sollten auch aus der Perspektive der Entscheidungsträger untersucht werden um zu über­prüfen, ob gesellschaftliche Perspektive und Entscheidungsträger-Per­spektive zu identischen Einschätzungen des Programms gelangen - und damit ein aus gesellschaftlicher Perspektive (nicht) lohnendes Programm durch die Entscheidungsträger auch (nicht) umgesetzt wird. Mit der Perspektive werden - zumindest teilweise - auch Ziele und Ergeb­nis­para­meter und einzubeziehende Kostenkomponenten festgelegt. Bei der gesellschaftlichen Perspektive sind sämtliche Kosten und Nutzen in der Analyse zu berücksichtigen, unabhängig davon, bei wem sie anfallen. 

III. Kosten

Ein zentraler Bestandteil der gesundheitsökonomischen Evaluation ist die Be­stimmung der Kosten der einbezogenen Interventionsalternativen. Die Kosten­bestimmung gliedert sich in die folgenden Arbeitsschritte
(1) Identifikation der relevanten Leistungserbringung und des erforderlichen Ressourceneinsatzes,
(2) Mengenerfassung des Ressourcenkonsums und
(3) Bewertung der eingesetzten Ressourcen.

Kosten sind definiert als bewerteter Ressourcenkonsum einer Intervention (und der gesamten zurechenbaren Folge- und Begleitleistungen). Die Identifikation der relevanten Leistungen und des in der Leistungserstellung erforderlichen Ressourceneinsatzes sind ein nicht trivialer Arbeitsschritt der Kostenbestimmung. Der Ressourcenkonsum wird in Mengeneinheiten gemessen und sollte - bei der gesell­schaftlichen Perspektive - zu den gesellschaftlichen Opportunitätskosten bewertet werden. Die Perspektive der Evaluation bestimmt wesentlich, wie Kosten definiert, gemessen und bewertet werden. 

Kostenklassifikation: Grundsätzlich unterscheidet man bei der gesundheitsökonomischen Evaluation die folgenden Kostenkategorien (siehe Tabelle 2): direkte medizinische Kosten, direkte nicht-medizinische Kosten und indirekte Kosten.


Tabelle 2: Leistungen und Ressourcenkonsum




Direkte Kosten beziehen sich auf den Ressourcenkonsum bei der Erstellung von Gesundheitsleistungen. Sie umfassen den gesamten aktuellen (z.B. für eine Mammografiescreeningprogramm) und zukünftigen Ressourcenkonsum (z.B. Validierung von Testergebnissen und Diagnostik, Kosten respektive Kosteneinsparungen bei frühzeitig entdecktem Brustkrebs). Die Zukunftskosten können sich bei einigen Indikationen auf die gesamte Lebenszeit beziehen.
Direkte Kosten werden weiter differenziert in direkte medizinische und direkte nicht medizinische Kosten. Mit direkten medizinischen Kosten wird der Ressourcenkonsum bezeichnet, der im Gesundheitssektor bei der Gesundheitsversorgung entsteht. Der Ressourcenkonsum umfasst etwa Krankenhausaufenthalte, ambulante Arztkontakte, Medikamente und Heil- und Hilfsmittel. Direkte nicht medizinische Kosten beschreiben den Ressourcenkonsum, der die Erstellung medizinischer Leistungen im Gesundheitssektor unterstützt. Es handelt sich dabei um Fahrkosten zu medizinischen Interventionen, Kinderbetreuungskosten, wenn ein Elternteil erkrankt ist, Patientenzeit in der Koproduktion medizinischer Leistungen und Zeitkosten von Angehörigen (und Freiwilligen) in der informellen Pflege von erkrankten oder behinderten Personen (siehe Tabelle 2).

Die indirekten Kosten bezeichnen Produktivitätsverluste wegen krankheitsbedingter Arbeitsausfälle. Die Arbeitsausfallzeiten umfassen Arbeitsunfähigkeit, Erwerbsunfähigkeit und Wegfall von Restlebensarbeitszeit bei vorzeitigem Tod (sofern nicht auf der Effektseite berücksichtigt).

Erfassung des Resourcenkonsums: Die Bestimmung des mengenmäßigen Ressourcenverbrauchs kann in unter­schiedlichem Detaillierungsgrad erfolgen:
(1) es kann entsprechend dem Kon­zept der betriebswirtschaftlichen Kostenrechnung auf den für die Erstellung von Gesund­heitsleistungen notwendigen Einsatz an Personal und Sachmitteln abgestellt wer­den,
(2) es können die Einzelgesundheitsleistungen, wie z.B. Gesprächsleistungen, Blutentnahme und Röntgendiagnostik, bestimmt werden, oder
(3) es können Indikatoren für die erstellten Gesundheitsleistungen, wie z.B. Arzt­kontakte, stationäre Aufenthalte und Operationen, definiert werden. Der notwendige Detaillierungsgrad wird bedingt durch
(1) den relativen Kostenanteil einer Gesundheitsleistung (an den Gesamtkosten) und
(2) dem Anteil Patienten, die eine Gesundheitsleistung erhalten.

Bewertung von Gesundheitsleistungen: Die Bewertung der Gesundheitsleistungen sollte - aus gesellschaftlicher Perspektive - auf die Opportunitätskosten abstellen. Die Kosten einer Inter­vention ent­spre­chen demnach dem entgangenen Nutzen der eingesetz­ten Ressourcen in der nächst­besten Verwendungsalternative. Unter allgemei­nen mikro­öko­nomischen An­nah­men lässt sich zeigen, dass Marktpreise, sofern es sich um funktionierende Märkte handelt, die Opportunitätskosten des Ressourcenverbrauchs widerspiegeln. Bei Gesundheitsleistungen sind jedoch häufig nur staatlich administrierte Preise und/oder kollektiv-vertraglich vereinbarte Preise bekannt, die i. Allg. nicht die Knappheit wiedergeben, wie z.B. Gebührenordnungsziffern im ambulanten Sek­tor oder Fallpauschalen (DRGs) im stationären Sek­tor. Aus gesellschaftlicher Perspektive erscheint dementsprechend die kostenrech­nerisch basierte Bestimmung des Ressourceneinsatzes (wie Personal, Material, Anlagen und Bauten) tendenziell die Opportuni­tätskosten der Gesundheitsleistungen besser abzubilden (da die Ressourcen eher auf funktionierenden Märkten gehandelt werden als die Gesundheitsleistungen - ob die Leistungen dann effizient erstellt werden, ist jedoch nicht sichergestellt). Die Erhebung des Ressourceneinsatzes ist insgesamt aufwendig und häufig nicht durchführbar, weil die entsprechende Datenbasis nicht verfügbar ist. Dann muss auf alternative Erhebungsansätze abgestellt werden.

Bewertung von indirekten Kosten: Für die Bewertung von Produktivitätsverlusten existieren zwei grundlegende Methoden: der Humankapitalansatz und der Friktionskostenansatz. Der Humankapitalansatz (HKA) nimmt an, dass medizinische Interventionen eine Investition in das Humankapital einer Person sind (ähnlich wie z.B. Bildung). Der Humankapitalansatz basiert auf der neoklassischen Unternehmenstheorie. Gemäß der neoklassischen Theorie dehnen gewinnmaximierende Unternehmen den Arbeitseinsatz so lange aus, bis das Wertgrenzprodukt der Arbeit den Arbeitskosten (Bruttolohn plus Lohnnebenkosten) entspricht. Gemäß Humankapitalansatz basiert die Bewertung von Produktionsverlusten also auf den Arbeitskosten. Alle zukünftigen Produktivitätsverluste (bis zum Berentungsalter) werden im Humankapitalansatz berücksichtigt.

Der Friktionskostenansatz (FKA) wurde entwickelt, um einige unrealistische Annahmen des Humankapitalansatzes zu überwinden, insbesondere die Annahme eines vollkommenen Wettbewerbs auf dem Arbeitsmarkt. Vollkommener Wettbewerb impliziert Vollbeschäftigung auf dem Arbeitsmarkt (was der empirischen Erfahrung von substanzieller Arbeitslosigkeit in vielen Ländern widerspricht). Der Friktionskostenansatz nimmt an, dass bei langfristiger Erwerbsunfähigkeit die Kosten von Produktionsverlusten auf eine sog. Friktionsperiode begrenzt sind - so lange bis ein Patient durch einen bisher Arbeitslosen ersetzt ist und das vormalige Produktionsniveau wieder erreicht ist (was Zeit benötigt für Suche und Einarbeitung des bisher Arbeitslosen). Kosten gemäß Friktionskostenansatz beinhalten Produktionsverluste in der Friktionsperiode und Transaktionskosten (Suche und Training des bisher Arbeitslosen). Bei kurzfristiger Arbeitsunfähigkeit (in der Friktionsperiode) argumentiert der Friktionskostenansatz, dass Teile der Produktion von Arbeitskollegen übernommen werden können oder vom Patienten nach Rückkehr an den Arbeitsplatz nachgeholt werden. Dementsprechend sind kurzfristige Produktionsverluste geringer als die Arbeitskosten (gemäß Humankapitalansatz). Empirische Studien in den Niederlanden zeigen, dass die kurzfristigen Kosten bei ungefähr 80 Prozent der Arbeitskosten liegen.
Demnach dürfte die Kostendifferenz zwischen Humankapital- und Friktionskostenansatz bei kurzfristigem Arbeitsausfall gering sein, steigt aber bei langfristigem Arbeitsausfall deutlich an, da der Humankapitalansatz alle zukünftigen Produktivitätsverluste berücksichtigt, während der Friktionskostenansatz auf die Friktionsperiode begrenzt ist. Es besteht eine anhaltende Kontroverse, ob der Humankapital- oder der Friktionskostenansatz die Produktivitätskosten besser abbildet. Wie oben erwähnt, basiert der Humankapitalansatz auf einigen unrealistischen Annahmen (insbesondere Vollbeschäftigung am Arbeitsmarkt). Der Humankapitalansatz bildet damit eher potenzielle als reale Produktionsverluste ab. Demgegenüber stellt der Friktionskostenansatz auf tatsächliche Produktionsverluste ab. Dennoch wurde auch der Friktionskostenansatz kritisiert. So hat insbesondere die Annahme von Nullopportunitätskosten der Arbeit nach der Friktionsperiode Auswirkungen auf die Bestimmung der direkten medizinischen Kosten. Es wird argumentiert, dass dann auch die Opportunitätskosten des Arbeitskrafteinsatzes in der Gesundheitsversorgung nahe bei null sind (da Arbeitskräfte im Gesundheitssektor zu beinahe Nullkosten durch einen bisher Arbeitslosen ersetzt werden könnten - nur Transaktionskosten für Suche und Training des bisher Arbeitslosen würden dabei anfallen). Darüber hinaus nimmt der Friktionskostenansatz implizit an, dass der bisher Arbeitslose seine Opportunitätskosten mit beinahe null bewertet. Dies würde aber bedeuten, dass Arbeitslose für einen Lohnsatz arbeiten würden, der nur knapp über dem Arbeitslosengeld liegt - ein Verhalten, das empirisch nicht häufig angetroffen wird.
Ein Vorteil des Humankapitalansatzes aus ökonomischer Perspektive ist, dass er sich auf Hausarbeitszeit (und Freiwilligenarbeit) sowie Freizeit übertragen lässt, während der Friktionskostenansatz auf die Erwerbsarbeitszeit beschränkt ist. Mit dem Humankapitalansatz werden also alle Zeitkostenkomponenten aus einem gemeinsamen Kostenkonzept abgeleitet. Zudem basiert der Humankapitalansatz, anders als der Friktionskostenansatz, auf der ökonomischen Theorie. Es lässt sich schlussfolgern, dass die Opportunitätskosten durch den Humankapitalansatz vermutlich überschätzt und durch den Friktionskostenansatz unterschätzt werden.


IV. Lebensqualität und qualitätsadjustierte Lebensjahre

Im Konzept der qualitätsadjustierten Lebensjahre (quality-adjusted life years, QALYs) werden Lebensqualität und (Rest-)Lebensdauer zu einem eindimensionalen Outcomeparameter zusammengefasst. Der QALY-Ansatz stellt auf die subjektive Gesundheit der Patienten ab. Mit Lebensqualität und Lebenserwartung werden die (aus Individuumsperspektive) relevanten Dimensionen der Gesundheit erfasst. Der QALY-Ansatz ermöglicht es, Interventionen bei unterschiedlichen Erkrankungen zu vergleichen - v.a. insbesondere lassen sich auch lebenszeitverlängernde Interventionen und nicht-lebenszeitverlängernde (also rein lebensqualitätsverbessernde) Interventionen gegenüberstellen. Lebensjahre in unterschiedlichen Gesundheitszuständen werden in dem QALY-Ansatz unterschiedlich bewertet. Die Lebensqualität wird auf einen Bereich von 0 (Tod) bis 1 (vollständige Gesundheit) normiert. Ein QALY entspricht dann rechnerisch einem Lebensjahr in vollständiger Gesundheit. Ein QALY ergibt sich z.B. auch wenn ein mit 0,5 bewerteter Gesundheitszustand über zwei Jahre realisiert wird. QALYs entsprechen in einem stetigen Ansatz dem Integral der Lebensqualitätsfunktion über die Zeit (Fläche unter der Nutzenkurve in Abbildung 1).

QUALYs=\sideset{^T}{_ 0}\int \frac  {LQ (t)}{(1+d){^t}}dt

Dabei bezeichnen T die Restlebensdauer, LQ(t) die Lebensqualität im Zeitpunkt t und d den Diskontierungsfaktor. In Abbildung 1 ist exemplarisch dargestellt wie sich die Lebensqualitätskurve bei einer chronischen Erkrankung durch eine Intervention verändert. Die QALYs ergeben sich als Fläche unter den Lebensqualitätskurven, die QALY-Differenz über einen Vergleich der Flächen unter den Lebensqualitätskurven. Der QALY-Ansatz ist konzeptionell geschlossen, geht aber von einigen beschränkende Prämissen aus. Es wird angenommen, dass
(1) ein gewonnenes QALY unabhängig vom Lebensalter der Patienten ist - ein gewonnenes QALY also bei einem Jugendlichen und bei einem Rentner identisch bewertet werden;
(2) die Einschätzung eines QALY-Gewinns unabhängig von der Verteilung auf Personen ist - ein Gewinn von jeweils 0,1 QALYs bei 100 Personen also identisch ist mit einem QALY-Gewinn von jeweils 2,5 QALYs bei 4 Personen;
(3) in die Lebensqualitätsbewertung eines spezifischen Gesundheitszustandes nicht  eingeht, wie lange sich der Patient in dem Gesundheitszustand befinden wird - die Lebensqualitätsbewertung eines Gesundheitszustandes unabhängig von der Dauer des Gesundheitszustandes ist;
(4) die Nutzenbewertung eines Gesundheitszustandes unabhängig von der Pfadentwicklung der zukünftigen Gesundheit ist - also z.B. auch unabhängig davon ist, ob der Patient seine vollständige Gesundheit zurückerlangt oder in dem eingeschränkten Gesundheitszustand verbleibt;
(5)  schließlich ist bei der Ableitung von QALYs problematisch, dass eine einheitliche Methode der Lebensqualitätsbestimmung bisher nicht existiert.



Abb. 1: Lebensqualitätskurven und Ableitung von QALYs: Innovative Technologie versus Standardtechnologie bei chronischer Erkrankung

Trotz der dargestellten Restriktionen sind QALYs der dominierende Ansatz in der gesundheitsökonomischen Nutzwertanalyse (utility analysis). Alternative Ansätze wie die healthy years equivalents (HYEs) oder die saved young life equivalents (SAVEs) haben sich (bisher) nicht durchsetzen können, auch wenn sie einige Restriktionen des QALY-Ansatzes - wie die Unabhängigkeit von den zukünftigen Lebensqualitätspfaden (HYEs) oder die Indifferenz gegenüber der Verteilung des Lebensqualitätsgewinns auf Patienten (SAVEs) - vermeiden. Die alternativen Ansätze sind erheblich komplexer, was den Einsatz in empirischen Studien beschränkt.

V. Diskontierung

Gesundheitsökonomische Evaluationen erfordern häufig einen langen Zeithorizont, um alle relevanten Kosten- und Outcomeunterschiede zwischen den Vergleichsinterventionen abbilden zu können. Kosten und Outcomes, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten anfallen, sind nicht mehr direkt miteinander vergleichbar. Dies ist begründet in der Inflation (gesamtwirtschaftliche Preissteigerung). Aber auch nach Inflationsbereinigung werden in gesundheitsökonomischen Analysen Kosten umso geringer bewertet, je später sie anfallen. Dies wird als Diskontierung beschrieben.
Dass Kosten in der gesundheitsökonomischen Evaluation zu diskontieren sind, wird begründet mit
(1) der positiven Zeitpräferenz von Individuen und
(2) den Opportunitätskosten des Kapitals. Eine positive Zeitpräferenz bedeutet, dass Individuen heutigen gegenüber zukünftigem Konsum bevorzugen. Begründet wird die Präferenz für den heutigen Konsum zum einen mit der Unsicherheit der Individuen, ob sie zukünftige Zeitperioden erleben und damit zukünftigen Konsum realisieren. Zum anderen wird  unterstellt, dass in einer wachsenden Ökonomie das Konsumpotential in zukünftigen Zeitperioden ansteigt, was bei dem in der mikroökonomischen Theorie unterstellten abnehmenden Grenznutzen im Konsum zu einer Präferierung des heutigen Konsums führt.
Mit den Opportunitätskosten des Kapitals wird berücksichtigt, dass durch Investition von Ressourcen ein Konsumpotential in späteren Zeitperioden erzeugt wird, das den Ressourceneinsatz (Verzicht auf heutigen Konsum) übersteigt. Individuen werden aber auch nur bereit sein auf heutigen Konsum zu verzichten, wenn sie einen Ausgleich erhalten - dies sind die Zinsen auf das Kapital (die aus dem Zusatzkonsumpotential beglichen werden können). Wenn von Transaktionskosten, Unsicherheit und Steuern abstrahiert wird, gleichen sich auf einem vollkommenen Kapitalmarkt Zeitpräferenzrate und realer Zinssatz des Kapitals aus. Die Diskontierung erfolgt gemäß der nachfolgenden Gleichung

C{_ o }=\frac{1}{(1+d){ ^n}}\cdot{C{_ n}}

Dabei bezeichnet Cn die Kosten der Intervention in Periode n (also n Jahre nach Interventionsbeginn) und C0 den Barwert von Cn bezogen auf das Basisjahr (Interventionsbeginn), also den Wert von Cn zu Interventionsbeginn, d ist die Diskontierungsrate.

Empirische Studien zu der Zeitpräferenzrate der Individuen zeigen eine große Spannweite. Demgegenüber sind die realen (mittel- und langfristigen) Zinsraten einheitlicher. In Deutschland liegt die langfristige Kapitalmarktverzinsung bei 3-4 Prozent und der Zinssatz für Staatsanleihen, eine risikoarme Kapitalanlageoption, bei etwa 3 Prozent. Auch die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts, die entsprechend der ökonomischen Wachstumstheorie auf einem gleichgewichtigen Wachstumspfad mit der Kapitalrendite und dem gleichgewichtigen Kapitalmarkt­zinssatz übereinstimmt, liegt in Deutschland langfristig bei etwa 2 Prozent. In gesundheitsökonomischen Guidelines werden überwiegend Diskontierungs­raten von 3 oder 5 Prozent empfohlen, wobei ein Trend zu der Diskontierungsrate von 3 Prozent in den aktuelleren Guidelines besteht.

Suche in der E-Bibliothek für Professionals

ANZEIGE

Sachgebiete
Gesundheitsökonomische Evaluation
ist im Gabler Wirtschaftslexikon folgenden Sachgebieten zugeordnet:
Informationen zu den Sachgebieten
Die Versicherungswirtschaft ist zum einen ein Wirtschaftszweig von großer volkswirtschaftlicher Bedeutung und zum anderen eine spezielle Betriebwirtschaftslehre - auch Versicherungsbetriebslehre genannt. Als Wirtschaftszweig mit Dienstleistungscharakter ist die Versicherungswirtschaft mit Aufgaben der Schadensverhütung und -regulierung und der Sammlung von Kapital betraut. ... mehr
Durch eine internationale Rechnungslegung und damit internationale Harmonisierung der Rechnungslegung soll eine Vergleichbarkeit bzw. Interpretierbarkeit der Jahresabschlüsse international agierender Unternehmen, die ansonsten nach länderspezifischen, unterschiedlichen Rechtsnormen erstellt sind, erreicht werden. Diese Harmonisierung ist seit 2001 Aufgabe des IASB, des privatrechtlichen ... mehr
Die Wirtschaftsinformatik als Wissenschaft von der Konzeption, Entwicklung und Anwendung computergestützter Informations- und Kommunikationssysteme (IKS) nimmt eine interdisziplinäre Schnittstellenfunktion zwischen der Betriebswirtschaftslehre und der Informatik ein. Jedoch bietet die Wirtschaftsinformatik auch zusätzliche Funktionen/Ergebnisse wie etwa Methoden und Modelle, anhand derer ... mehr