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Keynesianismus

Definition

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I. Begriff:

Als Keynesianismus bezeichnet man eine Denkrichtung innerhalb der Volkswirtschaftslehre, die sich aus der Wirtschaftslehre des Nationalökonomen Keynes und der von ihm an der Neoklassik geübten Kritik entwickelt hat. Der Begriff wird häufig auch synonym für eine interventionistische, primär am Ziel der Sicherung von Vollbeschäftigung orientierte staatliche Wirtschaftspolitik verwendet, wie sie schon von Keynes selbst empfohlen worden war. Der Keynesianismus erlangte nach dem Zweiten Weltkrieg weite Verbreitung in der volkswirtschaftlichen Theorie, aber auch in der praktischen Politik vieler Länder, und stellte bis Anfang der 1970er-Jahre die vorherrschende volkswirtschaftliche Lehrmeinung dar. Probleme einer praktischen Umsetzung keynesianischer Konzepte und theoretische Kritik v.a. durch Vertreter des Monetarismus ließen die Bedeutung des Keynesianismus seitdem schwinden. In jüngerer Zeit, insbesondere im Anschluss an die Finanzmarktkrise 2008 und die daraus resultierende weltweite Rezession, haben allerdings auf Keynes zurückgehende Konzepte der Konjunktursteuerung (antizyklische Fiskal- und Geldpolitik) wieder stark an Bedeutung gewonnen.

Aus der ursprünglichen Keynesschen Wirtschaftslehre entwickelten sich schon bald nach dem Tod von Keynes konkurrierende Schulen, zwischen denen z.T. größere Meinungsunterschiede existieren als zwischen Monetaristen auf der einen Seite und Keynesianern auf der anderen Seite. All diesen Strömungen des Keynesianismus ist jedoch gemeinsam, dass sie eine Marktwirtschaft für inhärent instabil halten, dass sie die wesentlichen Ursachen gesamtwirtschaftlicher Instabilität in Schwankungen der gesamtwirtschaftlichen Endnachfrage, v.a. der Investitionen, sehen und dass sie die Gefahr eines anhaltenden gesamtwirtschaftlichen Ungleichgewichts mit hoher Arbeitslosigkeit betonen, aus dem sich die Wirtschaft aus eigener Kraft allein aufgrund der von den Klassikern betonten „Selbstheilungskräfte” nicht befreien kann. Vertreter des Keynesianismus fordern daher Interventionen des Staates in den Wirtschaftsprozess, um durch wirtschaftspolitische Maßnahmen das reale Wirtschaftswachstum anzukurbeln und Vollbeschäftigung zu erreichen. Im Gegensatz zu monetaristischen Empfehlungen, die den Schwerpunkt auf die stabilisierenden Wirkungen einer mittelfristig orientierten Geldpolitik legen, wollen Keynesianer den gesamten „Instrumentenkasten” staatlicher Wirtschaftspolitik (allgemeine Wirtschaftspolitik) nutzen und fordern insbesondere auch einen antizyklischen Einsatz der Fiskalpolitik.

II. Keynessche Wirtschaftslehre:

Keynes legte mit seinem 1936 veröffentlichten Buch „A General Theory of Employment, Interest and Money“ den Grundstein für einen Paradigmen-Wechsel in der Nationalökonomie, der von späteren Interpreten als wissenschaftliche „Revolution“ (Klein) beschrieben wurde. Dabei war der Erfolg seines bahnbrechenden Werkes im Rückblick betrachtet um so erstaunlicher, als es auf einen in der Makroökonomik heute so verbreiteten formalen Apparat verzichtete und in weiten Teilen weniger klar und präzise geschrieben war als seine schon 1930 veröffentlichte „Treatise on Money“.

Das wissenschaftliche Werk von Keynes, das in erster Linie als eine Kritik der Theorie des allgemeinen Gleichgewichts der Neoklassik und der von ihr geforderten minimalistischen Rolle des Staates im Wirtschaftsprozess anzusehen ist, wird bis heute kontrovers diskutiert. Unbestritten ist, dass Keynes sich v.a. darum verdient gemacht hat, das Denken in und die Analyse von gesamtwirtschaftlichen Größen wie Konsum, Sparen, Investition und Einkommen auf eine neue Grundlage zu stellen. Er hat auf diese Weise wichtige Impulse für die Entwicklung der volkswirtschaftlichen Kreislaufanalyse, der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) und der gesamten modernen Makroökonomik gegeben. Der Meinungsstreit entzündet sich jedoch bis heute an den von Keynes vorgetragenen Überlegungen zur Erklärung von Wirtschaftskrisen und seinen daraus abgeleiteten Empfehlungen zu ihrer Überwindung.

In seinen Arbeiten, die ganz unter dem Eindruck der „Großen Depression“ entstanden, argumentiert Keynes, dass eine Marktwirtschaft offensichtlich nicht so funktioniert, wie es sich die Nationalökonomen in ihren Theorien vorgestellt haben. Seinem eigenen neuen Erklärungsansatz zufolge ist Arbeitslosigkeit keineswegs - wie bei den Klassikern noch - eine eher zufallsbedingte Abweichung vom Normalzustand der Vollbeschäftigung, die sich aufgrund der „Selbstheilungskräfte” des Marktes vergleichsweise rasch und ohne staatliches Zutun ganz von allein wieder einstellen werde. Dem von ihm heftigen kritisierten Sayschen Theorem der Klassiker stellt er sein Konzept der gesamtwirtschaftlichen Endnachfrage entgegen, wobei er als dessen instabilstes und bei allgemeiner wirtschaftlicher Unsicherheit sogar völlig unberechenbares Element die Investitionsnachfrage der Unternehmen ausmacht. Auf diese Weise begründet Keynes, dass eine Marktwirtschaft bei pessimistischen Zukunftserwartungen und nach unten vergleichsweise starren Löhnen in einen Zustand mit hoher Arbeitslosigkeit geraten kann, aus dem es erst vergleichsweise spät (oder nie) eine Erholung aus eigener Kraft geben wird.

Keynes, dem der Spruch „in the long run we are all dead“ zugeschrieben wird, forderte daher eine aktive staatliche Konjunkturpolitik, die seiner Diagnose folgend v.a. die Aufgabe hat, die unzureichende gesamtwirtschaftliche Endnachfrage einer im Zustand der Unterbeschäftigung verharrenden Volkswirtschaft auszuweiten. Dabei sah er, seinem eigenen theoretischen Erklärungsansatz folgend, die Schlüsselrolle für eine Überwindung der Depression in einer Ankurbelung der Investitionen, die nicht nur die instabilste Komponente der Endnachfrage sind, sondern zugleich die größten Wirkungen auf Einkommen und Beschäftigung haben. Bei der Suche nach geeigneten wirtschaftspolitischen Maßnahmen billigte Keynes zwar einer expansiven Geldpolitik durchaus Bedeutung zu, die Investitionen durch niedrige Zinsen zu stimulieren. Bei wirtschaftlicher Unsicherheit und pessimistischen Erwartungen sah er aber letztlich die staatliche Fiskalpolitik als wirksamstes Mittel an, um vergleichsweise rasche und starke Effekte auf Einkommen und Beschäftigung zu ermöglichen. Eine Beschleunigung des Inflationstempos nahm er dabei nicht nur billigend in Kauf, vielmehr war eine relativ schnelle Erholung der Preise gegenüber den Löhnen für ihn sogar conditio sine qua non der angestrebten wirtschaftlichen Erholung, weil dadurch über sinkende Reallöhne Beschäftigungssteigerungen ermöglicht werden.

III. Ausprägungen des Keynesianismus:

Schon bald nach dem Ableben von Keynes setzten Versuche ein, seine noch ganz unter dem Eindruck der Großen Depression entstandenen Ideen auf die Verhältnisse einer vom Zweiten Weltkrieg zerstörten und desintegrierten Weltwirtschaft zu übertragen. Volkswirte wie Hicks, Hansen und Samuelson bemühten sich, die verbalen Ausführungen von Keynes in mathematische Formeln zu fassen und einer breiteren, mathematisch vorgebildeten akademischen Leserschaft nahezubringen. Auf diese Weise wurden bspw. das Multiplikator-Akzelerator-Prinzip (Multiplikator-Akzelerator-Modelle) und das auf Hicks zurückgehende IS-LM-Modell (makroökonomische Totalmodelle geschlossener Volkswirtschaften, Nachfrageseite) erdacht und verbreitet, die in nachfolgenden Lehrbuch-Generationen für zentrale Botschaften der Keynesianischen Wirtschaftstheorie stehen.

Diesen ersten Versuchen einer Formalisierung und Konkretisierung der Keynesschen Theorie folgten Ansätze einer stärkeren Differenzierung und besseren Fundierung einzelner Bausteine des Modells. Wichtige Beiträge kamen dabei von Vertretern der Neokeynesianischen Theorie wie Patinkin, Clower, Leijonhufvud und Malinvaud, die die Grundlagen für eine Keynesianische Analyse sich wechselseitig beeinflussender Ungleichgewichte auf Güter- und Faktormärkten legten. Im Mittelpunkt des Interesses stand aber auch der Ausbau des IS-LM-Modells zu Totalmodellen offener Volkswirtschaften (Totalmodelle offener Volkswirtschaften, Nachfrageseite), wie dem Mundell-Fleming-Modell, das die Analyse der kurzfristigen Wirkungen keynesianischer Geld- und Fiskalpolitik in verschiedenen Wechselkursregimen ermöglicht. Von Vertretern des Neuen Keynesianismus kamen wichtige Beiträge zu einer solideren mikroökonomischen Fundierung keynesianischer Theorien, insbesondere zur Begründung von Lohn- und Preisstarrheiten und deren Konsequenzen für das Entstehen gesamtwirtschaftlicher Instabilitäten.

Die zunehmende Formalisierung und Verfeinerung dieser theoretischen Modelle, die sich zusammenfassend einerseits als Gleichgewichtsmodelle der Neoklassischen Synthese und Neuen Neoklassischen Synthese und andererseits als Ungleichgewichtsmodelle der Neokeynesianischen Theorie kennzeichnen lassen, aber auch wachsende empirische Evidenz zugunsten zentraler Hypothesen der verschiedenen Keynesianischen Theorien trugen dazu bei, den grundlegenden Erklärungsansatz zu stützen und ihm in der wirtschaftswissenschaftlichen Disziplin Anerkennung und Geltung zu verschaffen. Begriffe und Kategorien der keynesianischen Analyse waren schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg in die nationalen volkswirtschaftlichen Rechnungssysteme eingedrungen und zentrale Hypothesen wie die spezifisch keynesianische Konsumfunktion, keynesianische Überlegungen zur Zinselastizität der Investitionen sowie deren Abhängigkeit von subjektiven Faktoren (Animal Spirits) und die keynesianische Erklärung der Nachfrage nach Geld (Geldtheorie) prägten zunehmend das Verständnis der Nationalökonomen wie auch der von ihnen beratenen Politiker von wichtigen gesamtwirtschaftlichen Zusammenhängen.

IV. Postkeynesianismus:

Vertreter des Postkeynesianismus behaupten, dass sich Keynes' Nachfolger und Interpreten mit ihren Versuchen, das Werk von Keynes gleichsam in einen Kanon von ökonomischen Gesetzmäßigkeiten und in einen formalen Modellapparat im Stile der Neoklassischen Synthese hineinzuzwängen, schon früh von dem entfernt haben, was Keynes selbst eigentlich sagen und bewirken wollte. Auf diese Weise sind ihrer Auffassung nach eben nicht nur die Form, sondern letztlich auch zentrale Anliegen, Inhalte und wesentliche Aussagen der ursprünglichen Keynesschen Wirtschaftslehre verfälscht und z.T. sogar geradezu in ihr Gegenteil verkehrt worden. Aus diesem Grunde verwerfen Postkeynesianer nicht nur das IS-LM-Modell, von dem sich auch sein „Erfinder“ Hicks später selbst distanzierte. Sie lehnen grundsätzlich die bes. für die Neoklassische Synthese typische gleichgewichtstheoretische Analyse ab und fordern stattdessen ein Denken in Ungleichgewichten mit mehr oder weniger starren Preisen und rationierten Mengen auf Güter- und Faktormärkten. Solche Mengenrationierungsansätze sind modelltheoretisch von Clower (als Hauptvertreter der Neokeynesianischen Theorie) in den 1960er-Jahren im Rahmen seiner dualen Entscheidungshypothese entwickelt worden. Postkeynesianer sind skeptisch, was die grundsätzliche Prognostizierbarkeit und Stabilität wirtschaftlichen Verhaltens unter Bedingungen allg. Unsicherheit betrifft, und sie betonen, dass die gesamtwirtschaftliche Entwicklung maßgeblich durch die Verteilung von Macht und Einfluss der wirtschaftlichen Entscheidungsträger auf den Faktor-, Güter- und Geldmärkten einer Volkswirtschaft beeinflusst ist.

Es kann nach dem Gesagten nicht verwundern, dass der Postkeynesianismus kein geschlossenes Theoriegebäude geliefert hat, das sich mit den formalen Modellen der Neoklassischen Synthese vergleichen ließe. Der gesamte Denkansatz dieser Schule ist geradezu darauf ausgerichtet, für neue Annahmen, Ideen und Konzepte im Sinn der ursprünglichen Lehre offen und entwicklungsfähig zu bleiben. Zu ihren frühesten Vertretern zählen Robinson, eine Schülerin von Keynes, und Kalecki, der zentrale Gedanken der Wirtschaftslehre von Keynes schon um Jahre vorwegnahm und daher wohl eher als Prä-Keynesianer zu charakterisieren ist.

V. Wirtschaftspolitisches Programm:

Den skizzierten Zielvorstellungen und Überlegungen entsprechend forderte Keynes und fordern Vertreter des Keynesianismus noch heute in krassem Gegensatz zu Vorstellungen der Klassiker und der Neoklassik eine aktive Rolle des Staates, der ihrer Auffassung nach in den wirtschaftlichen Prozess eingreifen muss, wenn die Selbstheilungskräfte des Marktes versagen. Keynes empfahl dafür in einer anhaltenden Rezession mit Massenarbeitslosigkeit eine expansive Fiskalpolitik mit zusätzlichen Staatsausgaben, die durch zusätzliche Kreditaufnahme des Staates zu finanzieren sind, um auf diese Weise Investition, Einkommen, Konsum und gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu steigern. Auch eine expansive Geldpolitik hielt er für sinnvoll, da sie durch niedrige Zinsen ein günstiges Investitionsklima schaffen kann. Allerdings sah Keynes durchaus, dass eine solche Geldpolitik bei sehr pessimistischen Erwartungen und allg. wirtschaftlicher Unsicherheit erfolglos bleiben kann (sog. Investitionsfalle), sodass der Staat auf die Fiskalpolitik angewiesen bleibt, damit der expansive Impuls auf Konsum und Investitionen überspringt. Keynes war sich allerdings auch bewusst, dass staatliche Kreditfinanzierung von zusätzlichen Ausgabenprogrammen in der Rezession eine höhere Staatsverschuldung bedingt, die mittelfristig durch entsprechende Haushaltsüberschüsse und Tilgung der neu entstandenen Staatsverschuldung im Boom kompensiert werden muss.

Keynesianische Empfehlungen zur Rolle und Bedeutung der Lohnpolitik und Einkommenspolitik sind ambivalent und uneinheitlich. Zwar sind sich die meisten Vertreter des Keynesianismus darin einig, dass die Reallöhne bei Unterbeschäftigung zu hoch sind, und sie nehmen mit Keynes an, dass eine Senkung der Reallöhne leichter möglich ist, wenn die Preise steigen als wenn die Nominallöhne fallen, weil sich die Gewerkschaften und ihre Mitglieder Kürzungen der Geldlöhne widersetzen werden. Aus diesem Grunde sehen die meisten Keynesianer den einzig wirksamen Weg zu einer Überwindung von Arbeitslosigkeit in der Steigerung der effektiven Nachfrage. Uneinigkeit besteht hingegen darüber, ob auch Lohnsenkungen oder umgekehrt sogar Lohnerhöhungen das Einkommen steigern und das Beschäftigungsniveau erhöhen. Da Lohnzuwächse nicht nur zusätzliches Einkommen schaffen und den Konsum beleben können, sondern auch die Produktionskosten und die Preise in die Höhe treiben, sind die meisten Vertreter des Keynesianismus mit Robinson der Meinung, dass ein antizyklischer Einsatz der Lohnpolitik weder durchsetzbar noch allein ausreichend ist, um einen hohen Beschäftigungsgrad zu gewährleisten.

Vertreter des Keynesianismus zeichnen sich i.d.R. durch vergleichsweise großen Optimismus aus, was ihre Einschätzung der Leistungsfähigkeit des politischen Systems i.Allg. und die Steuerbarkeit globaler wirtschaftlicher Größen im Besonderen betrifft. Sie unterstellen damit die prinzipielle „Machbarkeit einer antizyklischen staatlichen Konjunkturpolitik, die nicht nur in der Rezession, sondern auch im Boom den Anforderungen der Konzeption genügt. Keynes selbst war in dieser Hinsicht zweifellos skeptischer als viele seiner Anhänger und vermutete sogar, dass angesichts der Unberechenbarkeit des Investorenverhaltens bei allg. wirtschaftlicher Unsicherheit „eine ziemlich umfassende Verstaatlichung der Investition sich als das einzige Mittel zur Erreichung einer Annäherung an Vollbeschäftigung erweisen wird“ (Keynes 1936, S. 318). Es waren wohl primär solche Überlegungen, die Kritiker veranlassten, den überzeugten Liberalen Keynes in die Nähe von Marx zu rücken.

VI. Praktische Umsetzungsprobleme und wirtschaftliche Folgen:

Die bei der Umsetzung keynesianischer Konjunkturpolitik in der Vergangenheit gemachten Erfahrungen haben in den meisten Ländern gezeigt, dass sich Konzepte einer antizyklischen Globalsteuerung makroökonomischer Aggregate in der Praxis kaum realisieren lassen. Insbesondere aufgrund langer und variabler Verzögerungen (Lag) kamen die geld-, fiskal- und einkommenspolitischen Maßnahmen oft zu spät und in falscher Dosierung, sodass sie in vielen Fällen nicht nur das Ziel einer gesamtwirtschaftlichen Stabilisierung nicht erreichten, sondern in einigen Fällen offenbar zusätzliche Instabilitäten erst erzeugt haben. Dabei erwiesen sich keynesianisch orientierte staatliche Investitions- und Ausgabenprogramme insbesondere in föderalistischen Staaten meist als ausgesprochen prozyklisch und damit letztlich sogar krisenverstärkend.

Auch die Verwirklichung der schon von Keynes selbst betonten Aufgabe, nicht nur in der Rezession Staatshaushaltsdefizite zuzulassen, um damit die Konjunktur anzukurbeln, sondern im Boom Staatshaushaltsüberschüsse zu erwirtschaften, um die Konjunktur bremsen und die Staatsverschuldung längerfristig in Grenzen halten zu können, scheitert i.d.R. an grundlegenden Problemen politischer Willens- und Entscheidungsbildung in einer Demokratie. Der Keynesianismus erweist sich daher als ein Programm, das in der wirtschaftspolitischen Praxis höchst asymmetrisch wirkt und deshalb längerfristig zu chronischen Staatshaushaltsdefiziten und damit dann auch zu einer nahezu ungebrochen steigenden Staatsverschuldung führt. Daraus können Krisen - wie die derzeitige europäische Staatsschuldenkrise - resultieren, die zu einem Zusammenbruch ganzer Volkswirtschaften oder sogar eines gemeinsamen Währungsraumes führen können.

Gefahren birgt darüber hinaus auch die dem Keynesianismus immanente und von Vertretern der Konzeption meist sogar offen ausgesprochene Bevorzugung des Ziels der Vollbeschäftigung gegenüber dem Ziel der Sicherung eines stabilen Preisniveaus. Da der Staat auf diese Weise quasi eine „Vollbeschäftigungsgarantie” abgibt, entlässt er damit die Arbeitsmarktparteien de facto aus ihrer Verantwortung, bei der Lohnfindung darauf zu achten, dass der Arbeitsmarkt geräumt wird. Unter solchen Bedingungen sehen sich Regierung und Zentralbank dann aber immer wieder vor das Dilemma gestellt, entweder den lohnpolitischen Druck, der vom Arbeitsmarkt ausgeht, in Inflation münden zu lassen oder die lohnbedingte Inflation zu bekämpfen und damit dann einen Anstieg der Arbeitslosigkeit in Kauf zu nehmen. Da eine Regierung, die sich in regelmäßigen Abständen zur Wiederwahl stellen muss, vom Wahlvolk v.a. für gravierende Verletzungen des Beschäftigungsziels zur Rechenschaft gezogen wird, ist damit dem Konzept des Keynesianismus in einer Demokratie offenbar ein gewisser „inflationärer Bias“ immanent.


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