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Marktdesign

Definition

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Kurzerklärung:

Marktdesign ist die Kunst, Institutionen so auszugestalten, dass die Verhaltensanreize für individuelle Marktteilnehmer mit den übergeordneten Zielen  des Marktarchitekten im Einklang stehen. Solche Ziele können sein die Maximierung der Erlöse, Effizienz  oder der Liquidität, die Minimierung der Kosten, die Offenbarung privater  Informationen etc. Die Theorie des Marktdesigns definiert Institutionen als nicht-kooperative Spiele und unterstellt rationales Verhalten. Auf Basis der jeweiligen Gleichgewichtsergebnisse können dann die Vor- und Nachteile von Institutionen miteinander verglichen werden. Die Theorie des Mechanismusdesigns begann mit Hurwicz (1960, 1972); sie stand 2007 mit der Verleihung des Wirtschaftsnobelpreises an Leonid Hurwicz, Eric Maskin und Roger Myerson im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Einführende Übersichtsartikel sind bei Baliga und Maskin (2003) und Serrano (2004) zu finden.
Marktdesign als angewandte Wissenschaft beschäftigt sich darauf aufbauend mit der Detailfülle real existierender Institutionen und den Eigenheiten realen Verhaltens. Theorie und Anwendung des Marktdesigns befruchten sich durch ihre Erkenntnisse und Herausforderungen gegenseitig.

Ausführliche Erklärung:

I.  Einleitung: Marktdesign als angewandte Forschungsdisziplin

Beispiele für Fragen, mit denen sich Marktdesigner beschäftigen, sind: Welche Marktregeln führen zu effizientem Emissionshandel, und welche Organisationsform der europäischen Strombörse generiert wettbewerbliche Strompreise? Wie können innerbetriebliche Anreizsysteme die Mitarbeiter bestmöglich motivieren? Welche Informationsflüsse erzeugen in anonymen Online- oder Finanzmärkten Vertrauen, und wie können Anreize geschaffen werden, dass die notwendigen Informationen unverzerrt bereitgestellt werden? Nach welchen Zuordnungsregeln sollten Schüler auf Schulen, Ärzte auf Krankenhäuser und Organspender auf Organempfänger verteilt werden? Durch welche Auktionsregeln werden bei Finanzmarktauktionen, Privatisierungen oder im betrieblichen Einkauf Erlöse beziehungsweise Effizienz maximiert? etc.

Die konzeptionellen Einsichten der Wirtschaftstheorie sind bei der Beantwortung solcher praxisrelevanten Fragen unentbehrlich. Zugleich reicht Theorie allein i.d.R. nicht aus. Der Grund ist, dass die Modelle weder alle relevanten Details realer Märkte einfangen, noch allen relevanten Phänomenen realen menschlichen Verhaltens gerecht werden können. Angewandtes Marktdesign erfordert daher den komplementären Einsatz empirischer, experimenteller und theoretischer Methoden, die die relevanten Komplexitäten adressieren können.

Angewandtes Marktdesign ist gewissermaßen per Definition eine Forschungsdisziplin, die nicht vorrangig nach größtmöglicher Verallgemeinerung von Handlungsempfehlungen strebt, sondern sich mit dem ‚engineering‘ Aspekt konkreter Märkte beschäftigt Handwerkliche Fehler bei der Ausgestaltung der Mechanismen können dabei zu enttäuschenden oder gar katastrophalen Ergebnissen führen, wie Beispiele bei der Versteigerung von Frequenzbändern, beim Design von Energiemärkten oder bei der Fehlregulierung von Finanzmärkten nachdrücklich vor Augen führen. Ein vorrangiges Ziel des angewandten Marktdesigns ist daher, eine wissenschaftliche Literatur darüber aufzubauen, was konzeptionell für die Theorieentwicklung aus erfolgreichen und weniger erfolgreichen Designversuchen gelernt werden kann, und mit welchem Methodenmix trotz der Komplexitäten realer Institutionen und realen Verhaltens wissenschaftlich fundiert Hilfestellung gegeben werden kann.

II. Institutionelle Details

Eine Kernherausforderung des angewandten Marktdesigns ist die Untersuchung der Robustheit von Mechanismen. Finanzmärkte, Strommärkte oder Emissionshandelsmärkte, die unter mehr oder weniger extremen Bedingungen versagen, sind offenbar nicht robust. Zuweilen können bereits scheinbare Kleinigkeiten über den Erfolg oder Misserfolg von Mechanismen entscheiden. Zudem können dieselben Mechanismen in unterschiedlichen sozialen und ökonomischen Einbettungen zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen führen.

Wirtschaftstheoretische Modelle vermitteln eine hilfreiche Intuition darüber, wie Märkte und Anreizsysteme auf Verhalten und Marktergebnisse wirken können. Dafür abstrahieren sie oft von institutionellen Details, da andernfalls die mathematische Analyse erschwert, die Allgemeingültigkeit der Schlussfolgerungen eingeschränkt oder die Intuition behindert wird. Angewandtes Marktdesign darf solche Komplexitäten nicht ausblenden. Ob und welche Details in Institutionen und im Verhalten relevant sind, können Robustheitschecks offenbaren.

Robustheitschecks sind - anders als bei anderen angewandten Wissenschaften - noch recht untypisch für die Wirtschaftswissenschaft. Flugzeugbauingenieure sind zwar auch mit theoretischen Grundlagenkenntnissen (u.a. in den Bereichen Aerodynamik, Thermodynamik, Regelungstechnik, Antriebstechnik, Werkstofftechnik) ausgestattet. Doch sie werden i.d.R. nicht darauf verzichten, die Robustheit eines neu zu entwickelnden Flugzeugsystems auch im Labor ausgiebig zu testen. Dabei werden Millionen elektronische und andere Komponenten unter den relevanten Umgebungsparametern auf Funktionsfähigkeit geprüft, und der Einfluss des Versagens von unzähligen Kombinationen der Einzelkomponenten auf das Gesamtsystem untersucht (einschließlich menschlichem Versagen). Niemand wäre bereit, ein neues System ohne solche wohldefinierten Tests in die Praxis zu entlassen. In der Wirtschaftswissenschaft sieht das bisher anders aus. Es gibt keine Standards in der ökonomischen Literatur für Robustheitschecks bei Märkten und Anreizsystemen. Auch gibt es nur wenig Hilfestellung, wie die Blaupausen der Wirtschaftstheorie handwerklich robust und mit Blick fürs Detail in funktionsfähige Mechanismen umgesetzt werden können. Angewandtes Marktdesign möchte diese Lücke füllen.
Im Folgenden sollen beispielhaft zwei Aspekte beschrieben werden, die durch die Wirtschaftstheorie tendenziell vernachlässigt werden, die sich jedoch beim angewandten Marktdesign zuweilen als kritisch herausgestellt haben: der Einfluss der Kommunikationskanäle und der endogenen Dynamik von Aktionen auf das Marktergebnis. Eine weitere Komplikation, die oft beschrieben wird, sind allokative und informationelle Komplementaritäten beziehungsweise Externalitäten, die zu einem ganzen Bündel von institutionellen und verhaltenswissenschaftlichen Herausforderungen führen.

1. Kommunikationskanäle

Die Ökonomik besitzt keine Theorie, die deskriptiv erfolgreich den weitgehenden Einfluss von Kommunikation und ihrer Kanäle bei Verhandlungskonflikten und unvollständigen Verträgen beschreiben oder prognostizieren könnte. Tatsächlich gilt nämlich, dass zur Überwindung solcher Probleme kein Mittel so erfolgreich zu sein scheint wie Kommunikation - und zwar auch dann, wenn sie theoretisch als irrelevant (dis)qualifiziert wird.

Kommunikationskanäle geraten in der ökonomischen Praxis oft in den Mittelpunkt der Diskussionen. Ein prominentes Beispiel ist das Wettbewerbsrecht, das einen entscheidenden Unterschied zwischen impliziten und expliziten Preisabsprachen macht, obwohl dies aus wirtschaftstheoretischer Sicht jedenfalls nicht ohne weiteres gerechtfertigt werden kann. Analoge Phänomene gibt es in der Auktionsdesignliteratur. Offene Auktionen, in denen gleichzeitig mehrere Objekte versteigert werden, vereinfachen nämlich direkte Kommunikation zwischen den Bietern. Durch die Möglichkeit dynamisch-reziproker Bestrafung und Belohnung sowie impliziter koordinierender Absprachen über die einzelnen Runden hinweg erhöht die Offenheit die Gefahr von Absprachen. So ist es bspw. in großen Auktionen vorgekommen, dass Bieter mit den letzten Ziffern ihrer Gebote erfolgreich Absprachen und Nichtangriffspakte getroffen haben. Bereits die einfache Einschränkung, Gebote nur aus einem vorgegebenen Menü wählen zu dürfen, kann derlei Koordination und dadurch bestimmte Absprachen wirkungsvoll verhindern. Auktionsdesign muss eine Balance finden, in der zum einen die Kommunikationsmöglichkeiten der Bieter untereinander möglichst beschnitten werden, ohne aber den dynamisch-effizienten Preisfindungsprozess zu beeinträchtigen. Diese und ähnliche Überlegungen haben bspw. bei den jüngeren Auktionen virtueller Kraftwerkskapazitäten und von Strom in Deutschland eine Rolle gespielt.

2. Endogene Dynamik

Eine weitere Herausforderung ergibt sich durch die in realen Märkten oft existierende Flexibilität bei der Wahl des Zeitpunktes von ökonomischen Transaktionen. Spieltheorie unterstellt i.d.R. vereinfachte, exogene Strukturen der Informationsflüsse – und abstrahiert so von der endogenen Dynamik der Aktionen in Echtzeit. Dass dieses Marktergebnisse signifikant beeinflussen kann, illustrieren folgende Beispiele.

Matching. In einer Reihe von Arbeiten zu angewandtem Marktdesign zeigt Alvin Roth, teils mit Koautoren, dass die Wahl des Zeitpunkts ökonomischer Aktionen eine entscheidende Rolle für das Funktionieren oder Versagen von Matching-Märkten spielen kann. Seine Arbeiten beschäftigen sich mit dem Design von Arbeitsmärkten für Ärzte und Ökonomen, dem Design von Prozeduren zur Organallokation bis hin zur Wahl von Schulen in New York City und Boston. Eine der typischen Herausforderungen bei Matching-Märkten ist, dass aus Effizienzgründen zwar auf der einen Seite hinreichend viele Teilnehmer möglichst zur selben Zeit attrahiert werden müssen, aber zugleich auf der anderen Seite Überfüllungseffekte vermieden werden müssen. Dafür muss z.B. der für viele solche Märkte typische Anreiz vermieden werden, früher als die Anderen handeln zu wollen. Roth zeigt, dass zentrale Zuteilungsmechanismen die resultierenden ineffizienten Dynamiken in den Griff bekommen können.

Sniping. In einer anderen Serie von Arbeiten, in denen das Zusammenspiel zwischen Theorie, Feld- und Laborforschung für ökonomisches Design besonders zentral ist, steht der Anreiz, später zu handeln als die Anderen, im Mittelpunkt des Interesses. Dabei geht es um die endogene Dynamik von Geboten und dem Design der Regel, nach der elektronische Auktionen enden. Bspw. wird beobachtet, dass sich Onlineauktionen zwar in den Preisregeln oftmals nicht unterscheiden, aber in der Regel, nach der die Auktionen enden. Insbesondere benutzen sowohl eBay als auch Auktionen, die von Amazon in den USA angeboten wurden, Zweitpreis-Regeln zur Preisbestimmung. Anders als bei der Vickrey-Auktion finden die Onlineauktionen jedoch in einem dynamischen, offenen Bietkontext statt. Amazon-Auktionen enden dabei mit einem weichen Ende, bei dem eine Auktion solange über die angestrebte Laufzeit hinaus verlängert wird bis 10 Minuten lang kein Gebot eingegangen ist. eBay-Auktionen enden dagegen zu einem bis auf die Sekunde vorgegebenen festen Ende. Gleichzeitig wird in einem natürlichen Experiment, bei dem Felddaten über die Handelsaktivitäten auf den beiden Auktionsplattformen untersucht werden, beobachtet, dass auf eBay ein signifikanter Teil der Gebote erst in den letzten Minuten beziehungsweise Sekunden abgegeben wird. In der Hektik der Schlussphase können die Preise steil ansteigen und Bieter bei dem Versuch scheitern, noch rechtzeitig auf späte Gebote zu reagieren. Auf Amazon ist dagegen ein solcher Effekt nicht zu beobachten - der Preisfindungsprozess ist gleichmäßiger über die Zeit verteilt, ohne allzu erhöhte Bietaktivitäten kurz vor dem geplanten Ende der Auktion. Der Unterschied zwischen eBay und Amazon wird größer, wenn die Bewertungen Güter korreliert sind, und wenn die Bieter erfahrener sind.

III. Komplexitäten im Verhalten

Bisher war vornehmlich von institutionellen Details die Rede. Angewandtes Marktdesign muss sich jedoch gleichermaßen mit verhaltenswissenschaftlichen Eigenheiten auseinandersetzen - jedenfalls soweit sie sich als relevant herausstellen.

Institutionen spielen für ökonomisches Verhalten eine zentrale Rolle. Der Grund ist, dass Institutionen Anreize beeinflussen, und dass Entscheidungsträger auf Anreize reagieren. Sie tun dies jedoch nicht immer auf rationale (oder egoistische) Weise, wie sie durch das homo oeconomicus Modell definiert ist - doch auch nicht irrational oder chaotisch. Vielmehr liegt dem menschlichen Verhalten eine dem Menschen eigene Rationalität zugrunde, die es oft ermöglicht, Verhalten systematisch zu prognostizieren. Andernfalls wäre Marktdesign als angewandte Disziplin nicht denkbar.

Für Marktdesign relevante Abweichungen vom Standardmodell des homo oeconomicus treten in mindestens zweifacher Weise auf. Erstens spielt die Motivation der Marktteilnehmer, einschließlich sozialer Präferenzen, zuweilen eine wichtige Rolle. Beispiele sind das Design innerbetrieblicher Anreizsysteme und von Reputationssystemen. Zweitens gibt es auch Beschränkungen bei der menschlichen Kognition. Naive inkrementelle Verhaltensmuster bei eBay, die Unfähigkeit, auch mit schnellen Computern kombinatorische Probleme in Strommärkten in kurzer Zeit lösen zu können, die nur eingeschränkt rationale Informationsverarbeitung in Märkten (die aktuelle Finanzmarktkrise ist womöglich ein gutes Beispiel), sowie die Tatsache, dass weder Wissenschaftler noch Studierende immer alle Herausforderungen und Aufgaben schnell und richtig bewältigen können, sind Beispiele für die nur eingeschränkten Rechenkapazitäten realer Entscheidungsträger.

Zuweilen ist die Meinung zu hören, dass sich soziale Präferenzen und eingeschränkte Rationalität zumindest in realen Märkten mit Händlern, die sich selbst in den Markt selektiert haben und dort Erfahrungen sammeln konnten, nicht weiter auswirken und daher irrelevant sind. Diese Vorstellung erscheint zwar nahe liegend, ist aber oft falsch. Die Theorie selbst legt nahe, dass bereits geringfügige Abweichungen Einzelner vom Rationalverhalten oder von der Eigennutzhypothese das Verhalten aller und somit auch das Marktergebnis auf den Kopf stellen können - zumindest in Situationen, bei denen sich individuelle Fehler gegenseitig verstärken - und die experimentelle Evidenz bestätigt dies nachdrücklich. Auch ist die Vermutung, dass sich Experten stets rationaler verhalten als z.B. Studierende, oder dass hinreichend hohe Anreize Irrationalitäten verhindern, ist oft widerlegt worden.

Marktarchitekten müssen sich daher auch mit der Robustheit von Mechanismen bezüglich Abweichungen vom Rationalverhalten beschäftigen. Auch hier sind die Details wichtig. Ein C2C-Internetmarkt wie eBay kann bspw. nicht dieselben Ansprüche an die kognitiven Fähigkeiten seiner Teilnehmer unterstellen, wie die Bundesnetzagentur bei einer Versteigerung von Frequenzen. Im ersteren Fall müssen die Regeln so ausgestaltet sein, dass naive Strategien von erfahrenen Marktteilnehmern nicht ausgenutzt werden können; Robustheit der Marktergebnisse gegenüber nicht-rationalem Verhalten und bei Interaktion von strategischem und naivem Verhalten wird zu einer Kernherausforderung. Im zweiten Fall kann man oft davon ausgehen, dass Strategieexperten zu Rate gezogen werden, die Fehler soweit möglich vermeiden helfen. Eine zu Marktdesign komplementäre Disziplin ist „cognitive engineering“, in der es - vereinfacht gesagt - darum geht, es Menschen leicht zu machen, sich optimal zu verhalten.

Obwohl es in den vergangenen Jahren große Fortschritte bei der Erforschung menschlichen ökonomischen Verhaltens gegeben hat, steht die Umsetzung der Ergebnisse in Anreizsysteme und Märkte erst am Anfang. Erste Arbeiten zeigen bspw. im Einklang mit verhaltenswissenschaftlicher Forschung, dass soziale Vergleiche und andere Referenzpunkte bei der Bewertung und Wahrnehmung von Bonus-Auszahlungen für Manager oft eine hochsignifikante Rolle spielen, während die absolute Höhe der Auszahlung keine erkennbare Rolle spielt. Die Wirkung der Bonus-Zahlungen kann durch die Transparenz und Präsentation des Bonussystems systematisch beeinflusst werden. Auch der Einfluss von Reziprozität auf Marktergebnisse kann systematisch durch die institutionelle Ausgestaltung der Regeln beeinflusst werden. Andere Arbeiten beschäftigen sich mit der Beeinflussung eingeschränkt rationalen Sparverhaltens etc.

IV. Die Rolle der Experimentellen Wirtschaftsforschung

Die experimentelle Wirtschaftsforschung kann als komplementäre Methode zur Theorie und Feldforschung beim angewandten Marktdesign nützlich sein. Insbesondere können Experimente in dreifacher Hinsicht eine Brückenfunktion zwischen Theorie und Praxis bereitstellen:

Theoriebildung und Faktensammlung. Marktdesign erfordert ein Verständnis der kausalen Zusammenhänge von Institutionen, Verhalten und Marktergebnissen. Theorie offenbart oder postuliert Kausalitäten. Eine Aufgabe der Experimentellen Wirtschaftsforschung ist, die theoretisch vermuteten Zusammenhänge und zugrunde liegenden Annahmen auf ihren empirischen Gehalt zu testen. Ein Mechanismus, der sich schon im Labor - also unter exakt den theoretisch postulierten Bedingungen - nicht funktioniert, sollte für die Praxis zumindest mit Vorsicht verwendet werden.

Doch Experimente können auch die Theorie beeinflussen. Tatsächlich ist eine zweite wichtige Aufgabe der Experimentellen Wirtschaftsforschung, Fakten zu sammeln und Verhaltensphänomene und -muster zu identifizieren. Diese können dann Input für deskriptiv relevante Theoriebildung liefern, insbesondere für die Verhaltensökonomik.

Windkanal. Während Experimente zum Testen und zur Entwicklung von Theorie sicherstellen, dass die zugrunde liegenden Annahmen exakt umgesetzt werden, ist es vornehmliche Aufgabe der Windkanaltests, die Praxistauglichkeit von Mechanismen zu erproben. Viele erdachte Marktregeln, Prozeduren oder Algorithmen gibt es (noch) nicht im Feld, sodass keine empirischen Erfahrungen vorliegen, die die prinzipielle Funktionsfähigkeit belegen könnten. Es liegt daher nahe, einen Prototyp des geplanten Mechanismus im Labor zu testen. Die Erarbeitung des Prototyps und die Erprobung im Windkanal sind nützlich sowohl bezüglich der technischen als auch der ökonomischen Robustheit. Erstens können dabei Probleme der praktischen Implementierbarkeit der Marktregeln identifiziert und die Systemzuverlässigkeit geprüft werden. Und zweitens erlaubt ein Windkanaltest, das neue System auch unter Stressbedingungen zu untersuchen - z.B. bei ungünstigen Präferenzkonstellationen, Kostenstrukturen, Informationsszenarien  oder Teilnehmerzahlen.

Auch können Aspekte, die in der theoretischen Betrachtung nicht adäquat eingefangen werden, frühzeitig identifiziert und so Probleme vermieden werden. Dazu gehören bspw. der Einfluss der Kommunikationskanäle und der endogenen Dynamik auf Verhalten und Marktergebnisse. Angemerkt sei, dass Feldexperimente dabei eine zunehmend wichtige Rolle einnehmen. Experimente außerhalb des Laboratoriums, so genannte Feldexperimente, können die Wirkungsweise spezifischer Regelwerke einerseits in kontrollierter Form und andererseits zugleich in praxisnahen Szenarien in natürlicher Umgebung untersuchen. Sie können dadurch die Lücke zwischen Labor und Feld schließen, indem sie das Labor ins Feld beziehungsweise das Feld ins Labor bringen.

Kommunikation. Eine letzte Brückenfunktion der Experimentellen Wirtschaftsforschung ist die zwischen Ökonomen und Praktikern. Marktdesign ist eine inhärent interdisziplinäre Aufgabe, doch typischerweise sind nur wenige Manager, Politiker, Marketingexperten, Juristen oder Programmierer dazu in der Lage, den wirtschaftstheoretischen Ansätzen, Überlegungen und Beweisen in gebotener Tiefe folgen zu können. Es zeigt sich, dass die Laborforschung hervorragend geeignet ist, ökonomische Zusammenhänge ‚am eigenen Leib‘ erfahrbar und begreifbar zu machen. Zudem gilt, dass andere Disziplinen, die am Marktdesign zuweilen beteiligt sind, zwar nicht mit der Wirtschaftstheorie, aber mit experimentellen Methoden vertraut sind.

V. Schlussbemerkung

Marktdesign ist die Kunst, die Ergebnisse ökonomischer und sozialer Interaktion so zu steuern, dass die zugrunde liegenden Ziele wie Effizienz oder Erlösmaximierung erreicht werden. Die Forschung zeigt, dass bereits kleine Fehler im Marktdesign zu dramatischen Fehlsteuerungen führen können, bspw. bis zum Kollaps von Strommärkten. Daher muss sich Marktdesign auch mit den Komplexitäten in den Institutionen und im Verhalten beschäftigen. Dabei spielt die Experimentelle Wirtschaftsforschung eine wichtige Rolle an der Schnittstelle von Theorie und Praxis. Sie kann Fragen beantworten, die Theorie und Felddaten nicht beantworten können, Hypothesen und Kausalitäten testen, die Theorie und Felddaten nahe legen, Fakten und Phänomene sammeln, die Theorie und Feldforschung befruchten können, und schließlich den Marktteilnehmern, Managern und Politikern komplexe ökonomische Zusammenhänge kommunizieren und Hilfestellung bei Designfragen geben. Im Ergebnis profitieren sowohl die Praxis als auch die Wissenschaft.

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Literaturhinweise/Links
Literaturhinweise
  • Ockenfels, A.:  Marktdesign und Experimentelle Wirtschaftsforschung. Perspektiven der Wirtschaftspolitik
    2009, 
  • Roth, A. E. :  The Economist as Engineer: Game Theory, Experimental Economics and Computation as Tools of Design Economics
    2002  in: Econometrica, S. 1341-1378
  • Roth, A. E. :  What have we learned from Market Design?
    2008,   in: Economic Journal, S. 285-310.
  • Wilson, R.:  Architecture of Power Markets
    2002  in: Econometrica, S. 1299-1340.
Bücher
  • Bolton, G./Greiner, B./Ockenfels, A.:  Engineering Trust - Reciprocity in the Production of Reputation Information.
    2008
  • Hurwicz, L. :  Optimality and Informational Efficiency in Resource Allocation Processes.
    Stanford: Stanford University Press, 1960  in: K. Arrow und P. Suppes (Hrsg.), Mathematical Methods in the Social Sciences, S. 27-47.
  • Klemperer, P.:  Auctions: Theory and Practice
    Princeton: Princeton University Press, 2004
  • Milgrom, P.:  Putting Auction Theory to Work
    Cambridge: Cambridge University Press, 2004
  • Müsgens, F./Ockenfels, A.:  Marktdesign in der Energiewirtschaft
    Wirtschaftswissenschaftliches Seminar Ottobeuren, Tübingen: Mohr Siebeck, 2006  in: Franz, W./Ramser, H. J./Stadler, M. (Hrsg.): Umwelt und Energie, 247-272.
  • Ockenfels, A./Sliwka, D./Werner, P.:  Designing Bonus Schemes for Managers
    2008
Zeitschriften
  • Kittsteiner, T./Ockenfels, A. :  Market Design: A Selective Review
    2006  in: Zeitschrift für Betriebwirtschaft, 121-143.
Sachgebiete
Marktdesign
ist im Gabler Wirtschaftslexikon folgenden Sachgebieten zugeordnet:
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