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Moralische Qualität der Marktwirtschaft

Definition

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Kurzerklärung:

Obgleich die Marktwirtschaft bisweilen erhebliche Härten für den Einzelnen mit sich bringt, so verfügt das marktwirtschaftliche System grundsätzlich über eine moralische Qualität. Diese moralische Qualität ist unmittelbar damit verbunden, dass die Marktwirtschaft in der Lage ist, einen substantiellen Beitrag zur Realisierung von gesellschaftlichen Interessen zu leisten und damit im Dienste der Solidarität steht. Die marktwirtschaftliche Funktionslogik hält Akteure dazu an, in die gesellschaftliche Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil zu investieren. Damit die Marktwirtschaft ihre gesellschaftliche Leistungsfähigkeit und hierdurch ihre moralische Qualität zur Geltung bringen kann, bedarf es sowohl einer funktionsfähigen Rahmenordnung als auch der individuellen Übernahme von gesellschaftlicher Verantwortung.

Ausführliche Erklärung:

I. Begriff und Interpretation

Die Bezeichnung „moralische Qualität der Marktwirtschaft“ drückt aus, dass das marktwirtschaftliche System prinzipiell im Dienste gesamtgesellschaftlicher Interessen steht und damit mit moralischen Idealen wie Solidarität oder Gerechtigkeit vereinbar ist. Den Referenzpunkt für die normative Bewertung der Marktwirtschaft bildet dabei nicht ein Idealzustand, sondern der Vergleich relevanter Alternativen. So besitzt allein die Marktwirtschaft das Potenzial, wirtschaftliche Aktivitäten derart zu koordinieren, dass überhaupt die Möglichkeit besteht, Milliarden von Menschen mit grundlegenden Gütern und Dienstleistungen zu versorgen. Damit kommt dem marktwirtschaftlichen System eine grundlegende Bedeutung im Hinblick auf die weltweite Ermöglichung eines menschenwürdigen Lebens zu. Die Betrachtung relevanter Alternativen impliziert zudem, dass die moralische Qualität der Marktwirtschaft als solche nicht durch gesellschaftlich unerwünschte bzw. problematische Effekte widerlegt werden kann, zumal sich derartige Effekte in keinem Wirtschaftssystemvollständig vermeiden lassen.

Die moralische Qualität der Marktwirtschaft indiziert indes nicht, dass das System in jeder spezifischen Situation für den Einzelnen unmittelbar vorteilhaft ist. In konkreten Situationen kann das marktwirtschaftliche System für den Einzelnen bisweilen mit erheblichen Härten einhergehen. Bereits aufgrund des kontinuierlichen gesellschaftlichen und technischen Fortschritts – welcher grundsätzlich im Dienste gesellschaftlicher Interessen steht – bedingt die Marktwirtschaft immer wieder individuelle Zumutungen; hierzu zählen etwa das permanente Risiko des Arbeitsplatzverlusts, die Entwertung von spezifischen Fachkenntnissen oder die Notwendigkeit zu lebenslangem Lernen. Derartige Zumutungen sind als Preis für die Funktions- und Leistungsfähigkeit der Marktwirtschaft zu verstehen. Langfristig profitieren alle Menschen davon, dass das marktwirtschaftliche System gesellschaftlichen Wohlstand befördert. Aufgrund ihrer Leistungsfähigkeit im Hinblick auf die Realisierung gesellschaftlicher Interessen ist die Marktwirtschaft das derzeit beste bekannte System zur Realisierung der Solidarität aller Menschen.

II. Gesellschaftliche Leistungsfähigkeit der Marktwirtschaft

Die moralische Qualität der Marktwirtschaft ist in ihrer Leistungsfähigkeit zur Realisierung gesellschaftlicher Interessen verwurzelt. Das marktwirtschaftliche System hält Akteure permanent dazu an, in die gesellschaftliche Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil zu investieren und damit einen Beitrag für eine gute Gesellschaft zu erbringen. Hierfür werden Akteuren Anreize offeriert, aktuelle und zukünftige Bedürfnisse der Gesellschaft zu befriedigen. So profitieren etwa Konsumenten davon, dass Unternehmen Arbeitsteilung und Spezialisierung organisieren sowie in Forschung und Entwicklung investieren. Hierdurch werden Produkte kontinuierlich verbessert und können kostengünstiger am Marktangeboten werden. Die permanente Neuorganisation von Arbeitsprozessen in Verbindung mit neuen Formen der Arbeitsteilungen leistet zudem einen substantiellen Beitrag zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung von Regionen und Ländern. Über marktwirtschaftliche Strukturen werden global immer mehr Menschen in wirtschaftliche Prozesse eingebunden, wodurch sowohl eine wirtschaftliche als auch gesellschaftliche Entwicklung befördert wird.

Das marktwirtschaftliche System stellt zudem ein wichtiges Element für die Eröffnung und Sicherstellung von individueller Freiheit dar. Die Marktwirtschaft ermöglicht es dem Einzelnen, sein Leben prinzipiell nach eigenen Vorstellungen frei zu gestalten und individuelle Lebensentwürfe zu verfolgen. Im marktwirtschaftlichen System sind die Menschen vom Grundsatz her in der Lage, sowohl für sich selbst zu sorgen und ihre Grundbedürfnissezu decken als auch zu bestimmen, wie sich diese Grundbedürfnisse definieren. Hinzu kommen etwa Freiheiten in Bezug auf die Wahl des Berufs, des Arbeitsortes oder von Kooperations- und Geschäftspartnern. Diese freiheitseröffnende Wirkung macht noch einmal deutlich, dass das marktwirtschaftliche System langfristig allen Menschen zugute kommt. Insgesamt bildet die Marktwirtschaft einen wichtigen Pfeiler für den Wohlstand der Nationen und eine freiheitliche Gesellschaft.

III. Funktionslogik der Marktwirtschaft

1. Kanalisierung des Eigeninteresses

Die gesellschaftliche Leistungsfähigkeit der Marktwirtschaft – und damit ihre moralische Qualität – sind unmittelbar damit verbunden, dass Akteuren Informationen und Anreize offeriert werden, die Bedürfnisse von anderen Akteuren zu erfüllen. Akteure werden etwa dazu ermutigt, Güter und Dienstleistungen bereitzustellen, die eigene Arbeitskraft am Markt anzubieten, in die eigenen Kompetenzen zu investieren oder Forschung und Entwicklung zu betreiben. Auf diese Weise werden wechselseitige Kooperationspotenziale realisiert und Beiträge zu einem gelingenden gesellschaftlichen Zusammenleben geleistet. Indes erbringen Akteure diese Beiträge systematisch nicht aus Nächstenliebe, sondern zur Befriedigung individueller Interessen. Damit sind die in der Marktwirtschaft anfallenden gesellschaftlich erwünschten Effekte zu verstehen als Nebenfolgen eigeninteressierter Handlungen. Eben hieraus resultiert das gesellschaftliche Programm der Marktwirtschaft: Das Eigeninteressedes Einzelnen wird derart kanalisiert, dass damit zugleich gesellschaftlich erwünschte Resultate anfallen. Diese Funktionslogik wurde bereits von Adam Smith (1776) deutlich herausgestellt: „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen-, sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil.“

2. Wettbewerb als Disziplinierungsinstrument

Das dem marktwirtschaftlichen System inhärente Wettbewerbsprinzip fungiert als Disziplinierungsinstrument. Der Wettbewerb forciert Akteure dazu, ihre Ressourcen und Fähigkeiten in gesellschaftlich wertschaffender Weise einzubringen und ihre Anstrengungen permanent hoch zu halten. Erst hierdurch sind Akteure in der Lage, an Tauschprozessen teilzunehmen und mit den erhaltenen Gegenleistungen die eigenen Ziele zu verfolgen. Damit verbunden ist auch ein Druck zu kontinuierlichen Investitionen in individuelle Fähigkeiten und Fertigkeiten. Langfristiger Erfolg im Wettbewerbsetzt voraus, dass Akteure über Kompetenzen und Ressourcen verfügen, um die Bedürfnisse und Wünsche von anderen bestmöglich befriedigen zu können.

3. Dezentrale Koordination

Ein Merkmal der Marktwirtschaft liegt in der dezentralen Koordination wirtschaftlicher Aktivitäten. Es ist den einzelnen Akteuren freigestellt, welche Leistungen sie auf welche Art und Weise zu welchem Zeitpunkt erbringen. Die Koordination zwischen wirtschaftlichen Akteuren und damit die Zusammenführung von Angebot und Nachfrage erfolgen dabei über den Preismechanismus. Preise transportieren Informationen über Präferenzen von Marktteilnehmern und liefern damit etwa Hinweise, in welchen Bereichen wirtschaftliche Aktivitäten lohnenswert sind. Die dezentrale Funktionslogik der Marktwirtschaft ermöglicht zudem, implizites Wissen gesellschaftlich fruchtbar zu machen.

IV. Voraussetzungen für die gesellschaftliche Leistungsfähigkeit

1. Funktionsfähige Rahmenordnung

Die gesellschaftliche Leistungsfähigkeit der Marktwirtschaft – und damit auch ihre moralische Qualität – sind stets an das Vorhandensein einer funktionsfähigen Rahmenordnung gebunden. Die Rahmenordnung konstituiert sich dabei aus unterschiedlichen Spielregeln wie Verfügungsrechte, Vertragsordnung, Haftungsregeln, Bilanzierungsvorschriftenoder Arbeitnehmerschutzrechte. Die Aufgabe der Rahmenordnung liegt dabei darin, einen Leistungswettbewerb auf Märkten sicherzustellen. Ein Leistungswettbewerb ist dadurch gekennzeichnet, dass individuelle Leistungsfähigkeit und -bereitschaft die entscheidenden Kriterien zur Erlangung von erwünschten Ressourcen darstellen. Im Leistungswettbewerb werden Akteure dazu angehalten, ihre Eigeninteressen in einer Art zu verfolgen, dass zugleich auch gesamtgesellschaftliche Interessen realisiert werden.

Sowohl das Fehlen als auch eine unzureichende Durchsetzung von Spielregeln führen dazu, dass die Marktwirtschaft ihre gesellschaftliche Leistungsfähigkeit nicht voll entfalten kann. Zudem besteht die Gefahr, dass es in Märkten mit defizitärer Rahmenordnung zu gesellschaftlich unerwünschten Verhaltensweisen und Resultaten kommt, wie etwa die Übernutzung von natürlichen Ressourcen, Umweltverschmutzung, Menschenrechtsverletzungen oder Korruption. In vielen Ländern existieren nach wie vor bisweilen gravierende Defizite auf Ebene der Rahmenordnung, infolgedessen die gesellschaftliche Leistungsfähigkeit der Marktwirtschaft lokal unterschiedlich ist.

2. Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung

Eine funktionsfähige Rahmenordnung ist zwar eine notwendige, aber noch keine hinreichende Voraussetzung, um die gesellschaftliche Leistungsfähigkeit der Marktwirtschaft zur Geltung zu bringen. In der Realität ist jede Rahmenordnung immer unvollständig bzw. bietet Akteuren Freiheiten. Auf der einen Seite sind Freiheiten gesellschaftlich erwünscht, da sie eine Quelle für Kooperationspotenziale darstellen. Auf der anderen Seite gehen Freiheiten immer mit der Möglichkeit einher, missbraucht zu werden. Die stets existierenden Freiheiten bedingen die Notwendigkeit von gesellschaftlicher Verantwortungsübernahme, auch bezeichnet als Corporate Social Responsibility (CSR). Im Kern liegt die gesellschaftliche Verantwortung von Akteuren darin, im Sinne einer gesellschaftlichen Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil zu agieren und existierende Handlungsspielräume nicht zum Schaden von anderen Marktteilnehmern auszunutzen.

V. Marktwirtschaft in der Kritik

Über die letzten Jahre hinweg lässt sich eine verstärkte Kritik am marktwirtschaftlichen System feststellen. In der Öffentlichkeit verfestigt sich zunehmend die Sichtweise, dass die Marktwirtschaft sowohl im Widerspruch zu gesellschaftlichen Interessen stehe als auch moralische Ideale unterminiere. In Konsequenz büßt die Marktwirtschaft gesellschaftliches Vertrauenein und verliert auf breiter Ebene an Akzeptanz. Vor dem Hintergrund politischer Funktionslogiken im demokratischen System erwächst hieraus eine ernsthafte Gefahr für die Zukunftsfähigkeit des marktwirtschaftlichen Systems.

Ein grundsätzliches Problem bei der öffentlichen Wahrnehmung resultiert aus dem Umstand, dass primär auf die unerwünschten Effekte der Marktwirtschaft abgestellt wird, wohingegen die positiven Effekte oftmals außen vor bleiben. Hinzu kommt, dass positive Effekte wie die Beförderung des technologischen Fortschritts oder der individuellen Freiheit nicht selten als Selbstverständlichkeiten verstanden werden. Im Zusammenspiel führt dies zu einer Fehleinschätzung der relevanten Alternativen im Hinblick auf die Frage, wie sich in der globalen Gesellschaft die Handlungen von Akteuren derart koordinieren lassen, dass jeder Einzelne über notwendige Informationen und Anreize verfügt, um sich in die gesellschaftliche Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil einzubringen.

VI. Ausblick

Es lässt sich kaum verhindern, dass das marktwirtschaftliche System immer wieder zu unerwünschten Effekten führt. Dies wird bereits dadurch bedingt, dass sich wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturen und Prozesse permanent weiterentwickeln, infolgedessen beständig neue Herausforderungen entstehen. Hinzu kommt, dass sich aufgrund der Komplexität von wirtschaftlichen Prozessen Schwächen der Marktwirtschaft bisweilen erst mit erheblicher Zeitverzögerung ersichtlich werden. Generell bedarf die Sicherstellung der gesellschaftlichen Leistungsfähigkeit der Marktwirtschaft damit einer kontinuierlichen Weiterentwicklung von Spielregeln, um neuen Entwicklungen bestmöglich gerecht zu werden. Eine grundlegende Herausforderung hierbei liegt in der Etablierung und Durchsetzung von solchen Regeln, welche die Funktionslogik der Marktwirtschaft nicht unterminieren, sondern befördern. Dies wiederum ist keine Frage von mehr oder weniger Spielregeln, sondern von geeigneten Spielregeln. In diesem Zusammenhang existiert indes die Schwierigkeit, grundlegende Spielregeln auf globaler Ebene zu implementieren. In Zeiten der Globalisierung fehlt es an Institutionen, welche in der Lage sind, verbindliche Spielregeln weltweit zu definieren und durchzusetzen.

Die Verbesserung der Rahmenordnung reicht indes nicht aus, um die gesellschaftliche Akzeptanz der Marktwirtschaft sicherzustellen. Die Menschen werden nur dann dem marktwirtschaftlichen System vertrauen, wenn sie dieses nicht nur als effizient, sondern auch als moralisch wertvoll verstehen (können). Da sich die Funktionslogik der Marktwirtschaft indes nicht ohne weiteres erschließt, bedarf es der Vermittlung von grundlegenden wirtschaftlichen Zusammenhängen. Anderenfalls besteht die Gefahr, dass die Mitglieder der Gesellschaft besten Wissens und Gewissens im Namen von Moral gegen die Marktwirtschaft opponieren und Reformen wirkmächtig einfordern, infolgedessen die Bedingungen für ein gelingendes gesellschaftliches Zusammenleben langfristig verschlechtert werden.

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Literaturhinweise/Links
Literaturhinweise
Bücher
  • Hayek, F.A. v. :  Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren
    1968/1994  in: Hayek, F.A. v., Freiburger Studien: Gesammelte Aufsätze; Tübingen, S. 249-265.
  • Homann, K.:  Ethik in der Marktwirtschaft, hrsg. vom Roman Herzog Institut
    Köln/München, 2007
  • Lin-Hi, N. :  Nutzen und Nachteile von Moral in der Marktwirtschaft
    Frankfurt am Main, 2012  in: Kehnel, A. (Hrsg.): Erfolg und Werte, S. 135-144
  • Smith, A.:  Der Wohlstand der Nationen
    München, 1776/1978
  • Suchanek, A./Lin-Hi, N. :  Marktwirtschaft – eine ethische Herausforderung
    Bern, 2009  in: Breuer, M./Mastronardi, P/Waxenberger, B. (Hrsg.): Markt, Mensch und Freiheit, Wirtschaftsethik in der Auseinandersetzung, S. 21-34.
Zeitschriften
  • Lin-Hi, N./Blumberg, I. :  The Link between Self- and Societal Interest
    2012  in: European Management Review, 9 (1), S. 19-30.
Sachgebiete
Moralische Qualität der Marktwirtschaft
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