Die Prinzipal-Agent-Theorie untersucht Wirtschaftsbeziehungen, in denen ein Geschäftspartner Informationsvorsprünge gegenüber den anderen aufweist. Diese Informationsasymmetrien bewirken Ineffizienzen bei der Vertragsbildung oder Vertragsdurchführung und führen unter Umständen zu Marktversagen, können jedoch durch geeignete Formen der Vertragsgestaltung zumindest partiell überwunden werden. Ausführliche Erklärung
Zweig der Agency-Theorie, dessen Schwerpunkt im Gegensatz zur positiven Agency-Theorie auf der Entwicklung und Analyse mathematischer Prinzipal-Agent-Modelle liegt.
Wesentliches Merkmal der Prinzipal-Agent-Theorie ist die Annahme, dass Prinzipal und Agent asymmetrisch informiert sind (Informationsasymmetrie). Dabei werden drei Arten asymmetrischer Informationen unterschieden.
Der Agent hat hier einen Anreiz, seinen Wissensvorsprung zur Verfolgung eigener Ziele (z.B. „Müßiggang”) auszunutzen. Um dies zu umgehen werden Anreizverträge abgeschlossen, die die Entlohnung des Agenten von seiner gemessenen Leistung abhängig machen. Die leistungsabhängige Bezahlung bürdet dem Agenten Agency-Kosten in Form eines unsicheren Einkommens (Risikokosten) auf, da nicht nur der Einsatz des Agenten über das letztendliche Ergebnis seiner Bemühungen entscheidet. Ein idealer Anreizvertrag balanciert die entstehenden Risikokosten mit den Kosten aus den Fehlanreizen zur Verfolgung eigener Ziele aus. Folglich werden die Verträge i.Allg. nicht die maximal mögliche Anreizintensität aufweisen, sondern auch eine Versicherungskomponente, die die Einkommenschwankungen des Agenten begrenzt.
Gegenstand der dynamischen Prinzipal-Agent-Theorie ist die Analyse langfristiger Prinzipal-Agent-Beziehungen. Statische Prinzipal-Agent-Modelle sind mit der Kritik konfrontiert worden, sie würden das Problem der Bereitstellung von Anreizen überzeichnen, weil die Rolle der Zeit ausgeblendet werde. Da der Markt
so das Argument
Indikatoren der Leistung (Performance) eines Agenten im Zeitverlauf verfolge, würden Marktkräfte dafür sorgen, dass sich das erzielbare Einkommen der Agenten automatisch an die in der Vergangenheit realisierte Leistung anpasse.
In frühen Arbeiten konnte gezeigt werden, dass bei unendlicher undiskontierter Wiederholung einer statischen Prinzipal-Agent-Beziehung ein Vertrag „mit Gedächtnis” gefunden werden kann, der den risikoscheuen Agenten vollständig gegen Einkommensschwankungen absichert und zugleich perfekte Aktionsanreize bereitstellt. Agency-Kosten treten demnach bei einer Folge kurzfristiger Verträge auf, nicht jedoch bei einem optimalen langfristigen Vertrag. D. Fudenberg, B. Holmstrom und P. Milgrom zeigen jedoch, dass im Fall eines perfekten Kapitalmarktes der Agent über diesen eine perfekte Absicherung gegen Risiken vornehmen kann, sodass auch eine Abfolge kurzfristiger Verträge optimale Ergebnisse erzielen könnte.
Wird die unrealistische Annahme einer unendlichen undiskontierten Wiederholung der Prinzipal-Agent-Beziehung aufgehoben, so sind die Agency-Kosten i.Allg. auch in langfristigen Beziehungen positiv. Die grundsätzlichen Einsichten statischer Prinzipal-Agent-Modelle haben somit i.Allg. auch in langfristigen Beziehungen Bestand. Darüber hinaus zeigt die dynamische Prinzipal-Agent-Theorie eine Reihe weiterer Gesichtspunkte zur konkreten Vertragsgestaltung auf und analysiert auch die Wirkung von Sperrklinkeneffekten (Ratchet Effect). Hier wird ein Anreiz beim Agenten untersucht, die individuellen Leistungen zurückzuhalten, um zu vermeiden, dass der Prinzipal in Anbetracht hoher Leistung in der Vergangenheit die Leistungsstandards für die zukünftige Arbeit erhöht.
Prinzipal-Agent-Beziehungen mit einem Prinzipal und mehreren Agenten sind in der Realität häufig anzutreffen, besonders in Unternehmen. Hier zeigen sich einige weitere neue Aspekte:
In den meisten Tätigkeiten muss ein Agent mehr als nur eine Aufgabe erfüllen. So muss etwa ein Industriearbeiter häufig nicht nur möglichst viel produzieren, sondern auch die Wartungsarbeiten an den von ihm genutzten Maschinen durchführen. Der Umstand, dass mehrere Tätigkeiten von einem Agenten zu erledigen sind, erschwert die Anreizsetzung erheblich. Geht man davon aus, dass es ökonomisch unverzichtbar ist, dass der Agent sich nicht nur einer seiner Aufgaben widmet, sondern allen, so ist das Lenkungsprinzip (Prinzip der übereinstimmenden Entlohnung, Equal Compensation Principle) einzuhalten. Dieses besagt, dass ein Agent für alle seine Tätigkeitsbereiche gleichermaßen gut entlohnt werden muss. Die Anreizintensität muss mithin für alle Aufgaben gleich hoch sein. Wäre dies nicht der Fall, so würde sich der Agent gegebenenfalls nur auf die Erfüllung einer seiner Aufgaben konzentrieren, die anderen hingegen vernachlässigen. Aus dieser Einsicht ergibt sich, dass es aus Sicht des Prinzipals optimal sein kann, gänzlich auf die Setzung von Leistungsanreizen zu verzichten, selbst wenn eine der Aufgaben vergleichsweise gut gemessen werden kann! An dieser Stelle ergibt sich ein Ansatzpunkt zu einer Theorie der optimalen Arbeitsplatzbeschreibung, die die soeben geschilderten Einsichten verstärkt zu berücksichtigen hat. So empfiehlt die Mehraufgaben-Prinzipal-Agent-Theorie, Aufgaben mit geringem Zufallseinfluss, also solche, die leichter messbar sind, zusammenzufassen, so dass durch eine derartige Kombination der Aufgaben eine höhere Anreizintensität erzielt werden kann. Ein solches Job-Design ist jedoch nur dann optimal, wenn keine substanziellen Verbundvorteile zwischen leichter und schwieriger messbaren Aufgaben vorliegen, die die Vorteile von Anreizverträgen dominieren.