| 
 | 
 | 
 | 
Wirtschaftslexikon
  Detailsuche
Digitale Fachbibliothek
in über 61.000 Fachbüchern + 500 Fachzeitschriften 

ANZEIGE

Bücher
Ausgehend von einer Analyse der gemeinschaftsweit geltenden Konzeption der EG-Regionalpolitik untersucht Ralf Hell deren Entwicklung und Umsetzung am Beispiel der ... Vorschau
42.99 €

Dieses Buch online im Abo für monatlich 45,90 € - inkl. weiterer 61.000 Fachbücher als PDF auf Springer Professional !
Statistik (von statista.com)
Meine zuletzt besuchten Definitionen
Schwerpunktbeiträge des Tages
Maßnahmen zur Erhaltung und evtl. Verbesserung der Qualität von Prüfungen, bes. von Jahresabschlussprüfungen, und der Berichterstattung über Prüfungen. In Deutschland sind Qualitätssicherungsmaßnahmen teilweise gesetzlich geregelt (HGB und WPO-Bestimmungen), in der Berufssatzung der Wirtschaftsprüferkammer (WPK) niedergelegt und in der gemeinsamen Stellungnahme ... mehr
von  Prof. Dr. Volker Beeck
Internationales Marketing ist die bewusst markt- und kompetenzorientierte Führung des gesamten Unternehmens in mehr als einem Land zur Steigerung des Unternehmenserfolges über alle Ländermärkte hinweg.
von  Prof. Dr. Christoph Burmann, Dr. Christian Becker

produktivitätsorientierte Lohnpolitik

Definition

ANZEIGE

1. Begriff: Die produktivitätsorientierte Lohnpolitik ist ein lohnpolitisches Konzept (Lohnleitlinie), das den Tarifparteien empfiehlt, Lohnerhöhungen in Höhe des Produktivitätsfortschritts vorzunehmen.

2. Merkmale: Zu unterscheiden sind die Ausrichtung der Nominallöhne oder der Reallöhne an der Produktivitätssteigerung.

3. Entwicklung des Begriffs: Bei einer Orientierung von Nominallohnerhöhungen an der Veränderung der Arbeitsproduktivität spricht man von einer einfachen Produktivitätsregel. Diese wurde in den ersten Jahren nach seiner Gründung zunächst auch vom Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung vertreten. Preissteigerungen gehen dann einseitig immer zulasten der Lohnbezieher. Von Meinhold wurde Anfang der 1960er-Jahre eine Doppelanpassung der Löhne an die Veränderung der gesamtwirtschaftlichen Arbeitsproduktivität und des gesamtwirtschaftlichen Preisniveaus vorgeschlagen (Meinhold-Formel). Wenn sich das Preisniveau z.B. aufgrund einer hohen Güternachfrage erhöht, wäre es demnach verfehlt, wenn die Löhne ausschließlich entsprechend dem Produktivitätsfortschritt zunehmen. In ihrer modifizierten Version, die Mitte der 1960er-Jahre auch Eingang in die Gutachten des Sachverständigenrats fand, ist die produktivitätsorientierte Lohnpolitik so zu verstehen, dass zur Steigerung der realen Arbeitsproduktivität noch die inflatorische Wirkung hinzugeschlagen wird, die durch andere Faktoren als die Lohnkosten verursacht wurde („unvermeidliche Teuerungsrate“). Demnach ergibt sich für die produktivitätsorientierte Lohnpolitik:

\dot w_n=\dot \pi+\dot P

Es bedeuten:  wn = Nominallohnsatz je Std., π = (reale) Arbeitsproduktivität, P = Preisniveau. (Die Punkte über den jeweiligen Größen weisen auf die entsprechende Wachstumsrate hin; die Wachstumsrate des Preisniveaus entspricht hier der unvermeidlichen Teuerungsrate).

4. Praktische Umsetzung: Bei der heutigen Anwendung des Konzepts der produktivitätsorientierten Lohnpolitik wird die Preissteigerungsrate durch die Zielinflationsrate der Zentralbank ersetzt. Für die Arbeitsproduktivität wird nicht die kurzfristig stark schwankende, sondern die trendmäßige Wachstumsrate verwendet:

\dot w_n=\dot \pi_{Trend}+\dot P_{Ziel}

In Deutschland beträgt die Zielinflationsrate der Zentralbank (Europäische Zentralbank) knapp 2 Prozent pro Jahr, der Trend der gesamtwirtschaftlichen Arbeitsproduktivität liegt in etwa bei einem Zuwachs von einem bis 1,5 Prozent jährlich. Daraus ergeben sich gesamtwirtschaftliche nominale Lohnsteigerungen im Rahmen einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik von rund drei bis 3,5 Prozent pro Jahr.

5. Zusammenhang mit anderen Größen: a) Lohnstückkosten: Unter Lohnstückkosten versteht man die Lohnkosten pro Produktionseinheit. Die Verfolgung einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik sorgt für eine Konstanz der realen Lohnstückkosten. Definiert man die (gesamtwirtschaftlichen) realen Lohnstückkosten als Quotient aus Arbeitnehmerentgelt (nominale Lohnsumme) zu nominalem Bruttoinlandsprodukt, dann ergibt sich durch Umformung der Quotient aus Reallohn je Std. zu Arbeitsproduktivität je Std.:LSK_r=\frac{W_n}{Y_n}=\frac{w_n \cdot E}{Y_r\cdot P}=\frac{w_n/P}{Y_r/E}

Es bedeuten: LSKr = reale Lohnstückkosten, Wn = nominale Lohnsumme, Yn = nominales Bruttoinlandsprodukt, Yr = reales Bruttoinlandsprodukt, P = Preisniveau, E = Erwerbstätige (Einsatz in Std.), wn = Nominallohnsatz je Std., wn/P = Reallohnsatz je Std., Yr/E = reale Arbeitsproduktivität je Std. Die realen Lohnstückkosten bleiben (näherungsweise) konstant, wenn der Nominallohnsatz mit der gleichen Rate wächst wie die Summe aus der Veränderungsrate der Arbeitsproduktivität und der allgemeinen Preissteigerungsrate. (Die Punkte über den jeweiligen Größen weisen auf die entsprechende Wachstumsrate hin).

\dot {LSK_r}\approx\dot w_n - [ (\frac{\dot Y_r}{E})+ \dot P ]

b) Lohnquote: Aus der Definition der gesamtwirtschaftlichen realen Lohnstückkosten geht hervor, dass sie dem Anteil der Löhne am Bruttoinlandsprodukt entsprechen. Diese Größe kann näherungsweise als gesamtwirtschaftliche Lohnquote bezeichnet werden. Unterstellt man weiterhin, dass der Arbeitnehmeranteil (Anteil der abhängig Erwerbstätigen an allen Erwerbstätigen) sich nicht verändert, dann gilt, dass bei Konstanz der realen Lohnstückkosten auch die so definierte Lohnquote konstant bleibt.

6. Bedeutung für die keynesianische Makroökomnomik: Im Rahmen der keynesianischen Einkommenspolitik wird die modifizierte Produktivitätsregel v.a. aus stabilitätspolitischen Überlegungen heraus empfohlen, da eine an der Meinhold-Formel orientierte Lohnentwicklung zu einem Anker für Preisniveau und Konjunktur wird. Entscheidend ist dabei v.a., dass die Lohnsteigerungen nicht an der tatsächlichen oder der erwarteten Inflationsrate, sondern an der Zielinflationsrate der Zentralbank ausgerichtet werden, um einen Stabilitätsfaktor für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung zu bilden.

7. Probleme: a) Einkommensverteilung: Da der Zuwachs aus Produktivitäts- und Preisniveauanstieg auch als Verteilungsspielraum interpretiert werden kann, führt eine produktivitätsorientierte Lohnpolitik dazu, dass der Verteilungsspielraum gerade ausgeschöpft und die gegebene Einkommensverteilung damit zementiert wird.
b) Stabilitäts- vs. Verteilungspolitik: Wenn in der Lohnleitlinie die Zielinflationsrate zur Anwendung kommt und diese in der Realität von der tatsächlichen Preissteigerungsrate abweicht, kann es bei Verfolgung einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik zu einer Änderung der realen Lohnstückkosten und der Einkommensverteilung kommen. Stabilitäts- und verteilungspolitische Ziele können daher in Konflikt geraten.
c) Einfluss anderer Kostenfaktoren: Neben den Lohnkosten spielen bei der Preisbildung noch andere Kostenbestandteile (z.B. die Kapitalkosten, Terms-of-Trade, etc.) eine Rolle, die zu einer Erhöhung des Kosten- und Preisniveaus führen können.

Vgl. auch kostenniveauneutrale Lohnpolitik.

Suche in der E-Bibliothek für Professionals

ANZEIGE

Literaturhinweise/Links
Literaturhinweise
Bücher
  • Kalmbach, P.:  Bemerkungen über produktivitätsorientierte Lohnpolitik und den Einfluß des Lohns auf die Produktivität
    edition sigma: Berlin, , 1996  in: Gerlach, K./Schettkat, R. (Hrsg.): Beiträge zur neukeynesianischen Makroökonomie, S. 83-96
  • Krämer, H.:  Technischer Fortschritt, Verteilung und die Meinhold-Formel (Diskussionsbeiträge aus dem Institut für Volkswirtschaftslehre, Universität Hohenheim, Nr. 102)
    Stuttgart, 1994
Zeitschriften
  • Meinhold, H.:  Das Dilemma der Lohnpolitik
    1965  in: Die Zeit Nr. 51, 17. Dezember 1965, S. 16
Sachgebiete
produktivitätsorientierte Lohnpolitik
ist im Gabler Wirtschaftslexikon folgenden Sachgebieten zugeordnet:
Informationen zu den Sachgebieten
Die Versicherungswirtschaft ist zum einen ein Wirtschaftszweig von großer volkswirtschaftlicher Bedeutung und zum anderen eine spezielle Betriebwirtschaftslehre - auch Versicherungsbetriebslehre genannt. Als Wirtschaftszweig mit Dienstleistungscharakter ist die Versicherungswirtschaft mit Aufgaben der Schadensverhütung und -regulierung und der Sammlung von Kapital betraut. ... mehr
Durch eine internationale Rechnungslegung und damit internationale Harmonisierung der Rechnungslegung soll eine Vergleichbarkeit bzw. Interpretierbarkeit der Jahresabschlüsse international agierender Unternehmen, die ansonsten nach länderspezifischen, unterschiedlichen Rechtsnormen erstellt sind, erreicht werden. Diese Harmonisierung ist seit 2001 Aufgabe des IASB, des privatrechtlichen ... mehr
Die Wirtschaftsinformatik als Wissenschaft von der Konzeption, Entwicklung und Anwendung computergestützter Informations- und Kommunikationssysteme (IKS) nimmt eine interdisziplinäre Schnittstellenfunktion zwischen der Betriebswirtschaftslehre und der Informatik ein. Jedoch bietet die Wirtschaftsinformatik auch zusätzliche Funktionen/Ergebnisse wie etwa Methoden und Modelle, anhand derer ... mehr
Weiterführende Schwerpunktbeiträge
Wissensmanagement beschäftigt sich mit dem Erwerb, der Entwicklung, dem Transfer, der Speicherung sowie der Nutzung von Wissen. Wissensmanagement ist weit mehr als Informationsmanagement (z.B. Beerheide/ Katenkamp 2011). Information ist die notwendige Voraussetzung zur Generierung von Wissen. Deshalb kann man Informationen ... mehr
Schwerpunktbeitrag von  Prof. Dr. Jetta Frost
I. Zweck Der Lagebericht verkörpert ein rechtlich und funktional eigenständiges Rechnungslegungsinstrument der jährlichen Pflichtpublizität von Unternehmen neben dem Jahresabschluss. Er erläutert den Jahresabschluss und ergänzt diesen um Informationen allgemeiner Art über den Geschäftsverlauf einschließlich des Geschäftsergebnisses und die Lage der Gesellschaft. ... mehr
Schwerpunktbeitrag von  Prof. Dr. Hans-Joachim Böcking, Prof. Dr. Norbert Pfitzer, Prof. Dr. Peter Oser
Stresstests dienen der Überprüfung der Verlustanfälligkeit von Kreditinstituten. Sie zeigen die Konsequenzen auf, für den Fall, dass außergewöhnliche, aber plausible Ereignisse eintreten. Dabei existieren zahlreiche unterschiedliche Verfahren von Stresstests, die jedoch einem gemeinsamen Ziel dienen: der Bestimmung der Widerstandsfähigkeit von ... mehr
Schwerpunktbeitrag von  Prof. Dr. Detlev Hummel