Direkt zum Inhalt

Arzneimittelversorgung

Definition

Die Arzneimittelversorgung in Deutschland wird durch etwas mehr als 500 Hersteller, etwa 20 Großhändler und mehr als 20.000 Apotheken sichergestellt. Das Arzneimittelangebot umfasst mehr als 35.000 industriell hergestellte Präparate, die man in freiverkäufliche, apothekenpflichtige und verschreibungspflichtige Arzneimittel sowie Betäubungsmittel unterteilen kann.

GEPRÜFTES WISSEN
Über 200 Experten aus Wissenschaft und Praxis.
Mehr als 25.000 Stichwörter kostenlos Online.
Das Original: Gabler Wirtschaftslexikon

zuletzt besuchte Definitionen...

    Ausführliche Definition

    1. Überblick: Die Arzneimittelversorgung in Deutschland wird durch mehr als 600 Hersteller, etwa 12 Großhändler und mehr als 20.000 Apotheken sichergestellt. Das Arzneimittelangebot umfasst mehr als 100.000 registierte Arzneimittel, die man in freiverkäufliche, apothekenpflichtige und verschreibungspflichtige Arzneimittel sowie Betäubungsmittel unterteilen kann.

    2. Abgabe- und Zulassungsverfahren: Die Arzneimittelversorgung der Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen erfolgt in Form von Sachleistungen (Sachleistungsprinzip). Der vom Arzt verordnete Wirkstoff wird von Apotheken in Form von Arzneimitteln an den Patienten abgegeben. Der Apotheker rechnet das abgegebene Arzneimittel dann mit der Krankenkasse des Patienten ab. Medikamente, die nicht verschreibungspflichtig sind, werden von der Kasse nicht erstattet (§ 34 SGB V). Bei verschreibungspflichtigen Medikamenten trägt der Patient 10 Prozent (mind. fünf Euro, höchstens zehn Euro, jährlich höchstens zwei Prozent, bei chronisch Kranken höchstens ein Prozent des Bruttoeinkommens) selbst (Zuzahlung, Gesundheitsreform, Moral Hazard). Ärzte können lediglich Arzneimittelmuster kostenlos an Patienten abgeben. Der Bund ist für die Zulassung von Arzneimitteln zuständig, während die Überwachung der pharmazeutischen Unternehmen den Bundesländern obliegt.

    3. Preisbildung: a) Arzneimittelverordnung: Pharmazeutische Hersteller sind grundsätzlich frei, die Preise ihrer Arzneimittel entsprechend der Wettbewerbssituation zu bilden oder zu verändern. Um jedoch das Gebot eines in ganz Deutschland einheitlichen Apothekenverkaufspreises sicherzustellen, unterliegt die Preisbildung des Großhandels und der Apotheken der von der Bundesregierung erlassenen Arzneimittel-Preisverordnung (AMPreisV). Der Apothekenpreis ergibt sich mit der Festsetzung der Zuschläge auf den Herstellerabgabepreis („Preisbindung der zweiten Hand“) (vgl. §§ 2, 3 AMPreisV).

    b) Festbeträge: Die grundsätzlich freie Preisbildung auf der Herstellerstufe, die für Forschung und Entwicklung (F&E) wichtig ist, wird seit dem Gesundheits-Reformgesetz (1989) für verschreibungspflichtige Medikamente faktisch durch das Instrument der Festbeträge eingeschränkt. Die Krankenkassen erstatten für wirkungsgleiche Arzneimittel, die in der Festbetragsliste enthalten sind, nur noch einen einheitlichen, niedrigen Betrag, unabhängig von den tatsächlich divergierenden Marktpreisen der einzelnen Arzneimittel.

    Festbeträge werden in einem zweistufigen Verfahren festgestellt: Im ersten Schritt bestimmt der Bundesausschuss der Ärzte und der Krankenkassen, für welche Gruppen von Arzneimitteln Festbeträge sachlich sinnvoll festgesetzt werden können. Es werden in den Gruppen jeweils Arzneimittel zusammengefasst, mit
    (1) identischen Wirkstoffen,
    (2) pharmakologisch-therapeutisch vergleichbaren Wirkstoffen und
    (3) therapeutisch vergleichbarer Wirkung (§ 35 I SGB V). Im zweiten Schritt setzen die Spitzenverbände der Krankenkassen gemeinsam und einheitlich den jeweiligen Festbetrag einer Arzneimittelgruppe fest. Das am 1.05.2006 in Kraft getretene Arzneimittelversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetz (AVWG) sollte die Anreize verstärken die Arzneimittelausgaben zu reduzieren. Die wesentlichen Inhalte des AVWG sind:
    (1) Die Festbeträge für Arzneimittel werden abgesenkt.
    (2) Die Krankenkassen können mit Pharma-Herstellern spezielle Rabattverträge abschließen, um dadurch Mehrkosten der Versicherten für Medikamente zu verhindern, deren Preis über dem Festbetrag liegt.
    (3) Die Krankenkassen können Arzneimittel von der Zuzahlung befreien, wenn der Preis des Medikaments mind. 30 Prozent unterhalb des Festbetrags liegt.
    (4) Für Ärzte wird eine Bonus-Malus-Regelung eingeführt.
    (5) Arzneimittel, die eine therapeutische Verbesserung darstellen, bleiben von Festbeträgen freigestellt.
    (6) Es wird ein zweijähriger Preisstopp für verordnungsfähige Arzneimittel eingeführt.
    (7) Die Hersteller von Generika sollen einen Abschlag von 10 Prozent des Herstellerpreises ohne Mehrwertsteuer gewähren.
    (8) Krankenhäuser sollen bei der Entlassmedikation nur jene Arzneimittel anwenden, die auch bei einer weiteren Medikamententherapie im Anschluss an die Klinik wirtschaftlich und zweckmäßig sind.
    (9) Naturalrabatte der Pharmahersteller an Apotheken werden verboten.

    Vgl. auch Gesundheitsreform, Gesundheitswesen.

    Mit dem am 1.1.2011 in Kraft getretenen Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes (AMNOG) kam es im Bereich der neu auf den Markt kommenden Arzneimittel zu gesetzlichen Neuregelungen.

    1) Die pharmazeutischen Unternehmen sind seither verpflichtet den Krankenversicherungen für verschreibungspflichtige Arzneimittel ohne Festbeträge einen Rabatt zu gewähren (bis 2013: 16 Prozent des Verkaufspreises; ab 2014: 7 Prozent, bei Generika 16 Prozent des Verkaufspreises).

    2) Die bis 2011 gültige Praxis der Preisfestsetzung durch die Anbieter im Bereich neuer, innovativer Arzneimittel wurde mit Inkrafttreten des Gesetzes durch Vertragspreise ersetzt. Die Hersteller sind dazu verpflichtet dem Bundesausschuss Nachweise über den Zusatznutzen neuer Medikamente bzw. deren Wirkstoffe vorzulegen. Für Arzneimittel ohne erwiesenen Zusatznutzen gelten seit dem 1.1.2011 ebenfalls Festbetragsregelungen. Andererseits vereinbaren die pharmazeutischen Unternehmen mit den Krankenversicherungen einen Erstattungsbetrag für neue Medikamente, falls ein Zusatznutzen vorliegt. Preise in anderen europäischen Ländern sollen dabei berücksichtigt werden.

    Das am 13.5.2017 in Kraft getretene Gesetz zur Stärkung der Arzneimittelversorgung in der GKV verlängert einige der zuvor ergriffenen Maßnahmen und entwickelt sie fort (z.B. Anpassungen der Festbetragsgruppenbildung oder des Verfahrens zur Vereinbarung von Erstattungsbeträgen aufgrund des therapeutischen Zusatznutzens), um Preissteigerungen bei Arzneimitteln, auch solchen, die keinen sonstigen Regulierungen unterliegen, zu begrenzen.

    Die gesetzlichen Neuregelungen basieren auf der Erkenntnis, dass die Arzneimittelausgaben bes. im Bereich der innovativen und patentgeschützten Präparate, für die bisher keine Festbeträge galten, gestiegen sind.

    zuletzt besuchte Definitionen...

      Mindmap Arzneimittelversorgung Quelle: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/arzneimittelversorgung-30318 node30318 Arzneimittelversorgung node34513 Gesundheitswesen node30318->node34513 node36421 Forschung und Entwicklung ... node30318->node36421 node34250 Gesundheitsreform node30318->node34250 node41628 Moral Hazard node30318->node41628 node39624 Innovation node44922 sonstige Leistungserbringer node38617 Krankenhaus node54198 Robotik node54198->node34513 node34513->node44922 node34513->node38617 node40695 Information Center node40695->node36421 node42402 Produktionsprogrammplanung node42402->node36421 node50999 Technologietransfer node36421->node39624 node36421->node50999 node27422 Bundeszuschuss node34250->node27422 node52155 Krankenkasse node34250->node52155 node40033 Krankenversicherung node34250->node40033 node41238 moralisches Wagnis in ... node42910 Prinzipal-Agent-Theorie node33255 Free-Rider-Verhalten node41628->node41238 node41628->node42910 node41628->node33255 node48246 Zuzahlungen für Medikamente node48246->node30318 node48246->node34250
      Mindmap Arzneimittelversorgung Quelle: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/arzneimittelversorgung-30318 node30318 Arzneimittelversorgung node34250 Gesundheitsreform node30318->node34250 node41628 Moral Hazard node30318->node41628 node36421 Forschung und Entwicklung ... node30318->node36421 node34513 Gesundheitswesen node30318->node34513 node48246 Zuzahlungen für Medikamente node48246->node30318

      News SpringerProfessional.de

      • Persönlichkeit und Motivation müssen stimmen

        Beim Besetzen vakanter Stellen achten Vertriebsleiter oft stärker auf die fachliche Qualifikation der Bewerber als auf deren Persönlichkeit und Motivation. Michael Schwartz, Leiter des Instituts für integrale Lebens- und Arbeitspraxis in Esslingen, erläutert, warum diese beiden Faktoren im Vertrieb so wichtig sind.

      • Neue Recruitingstrategien gegen den Fachkräftemangel

        Für den deutschen Mittelstand wird der Fachkräftemangel zum Geschäftsrisiko, zeigen Studien. Und die Situation soll sich noch verschärfen. Höchsten Zeit also, bei der Personalbeschaffung neue Weg zu gehen, so Gastautor Steffen Michel. 

      • Weniger IPO-Prospekt, dafür mehr Anlegerschutz

        Wer sich bislang per Börsengang Geld am Kapitalmarkt besorgen wollte, musste einen aufwendigen Prospekt erstellen. Eine Neuregelung sorgt jetzt bei kleineren IPOs (Initial Public Offering) für Abhilfe. Wie die Voraussetzungen aussehen, erklärt Rechtsanwalt Jörg Baumgartner in seinem Gastbeitrag.

      • Whatsapp startet Business-Offensive

        Im Servicefall können Verbraucher einige Unternehmen bereits über den Messenger-Dienst Whatsapp kontaktieren. Doch was passiert, wenn der Kundenservice Nachrichten initiativ versendet? Ein neues Business-Tool soll genau das ermöglichen.

      • Kundennutzenmodelle im B2B-Vertrieb von E-Marktplätzen

        Elektronische B2C-Marktplätze müssen ihre über Jahre errungene dominante Marktstellung in Gewinne umzumünzen, ohne ihre Marktstellung zu gefährden. Dazu gehört, Preise für langjährige Händler drastisch zu erhöhen. Kundennutzenmodelle spielen dabei eine wichtige Rolle.

      • "Belastete Geschäftsmodelle sind meistens nicht genug innoviert"

        Der ehemalige Roland-Berger-Krisenberater Thomas Knecht hat an der Spitze von Hellmann den Turnaround des weltweiten Logistikers geschafft. Branche und Wirtschaft fordert er zu mehr Wachsamkeit auf. Im Interview spricht er über Anpassungsfähigkeit und Insolvenzschutz.

      Autoren der Definition und Ihre Literaturhinweise/ Weblinks

      Prof. Dr. Martin Werding
      Ruhr-Universität Bochum,Lehrstuhl für Sozialpolitik und öffentliche Finanzen, Fakultät für Sozialwissenschaft

      Literaturhinweise SpringerProfessional.de

      Springer Professional - Die Flatrate für Fachzeitschriften und Bücher
      Bei der Versorgung von Patienten im Zeitablauf spielt das Wissen über vor- und nachgelagerte Diagnose- und Therapieentscheidungen eine ausschlaggebende Rolle. Ein Musterbeispiel ist das Wissen über den Medikationsstatus eines Patienten. Die Gefahr …
      Nach der Lektüre des Kapitels können Sie: beschreiben, welche unterschiedlichen Formen einer Marktzulassung es für Arzneimittel in Europa gibt, erklären,

      Sachgebiete