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Inflationstheorien

(weitergeleitet von Angebotsinflation)
Definition

Die monetär orientierten Erklärungsansätze des Inflationsphänomens (Inflation) sehen in einer zu starken Ausdehnung der Geldmenge im Verhältnis zur realen Produktion von Gütern und Leistungen die Voraussetzung und Ursache von Inflation.

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    Ausführliche Definition

    1. Monetäre Inflationstheorien: Die monetär orientierten Erklärungsansätze des Inflationsphänomens (Inflation) sehen in einer zu starken Ausdehnung der Geldmenge im Verhältnis zur realen Produktion von Gütern und Leistungen die Voraussetzung und Ursache von Inflation.

    a) Quantitätstheorie: Nach der Quantitätstheorie wird der Wert des Geldes (Kaufkraft, ausgedrückt in Gütereinheiten) maßgeblich durch die Geldmenge bestimmt.
    (1) Ältere („einfache”) Quantitätstheorie: Nach diesem Ansatz besteht zwischen Geldmenge und Höhe des Preisniveaus ein proportionaler Zusammenhang, sodass ein Anstieg der Geldmenge ceteris paribus zu einem Anstieg des Preisniveaus führt. Andere Inflationsursachen sind dieser Auffassung nach letztlich nicht wirksam, da bei hinreichend knapper Geldmenge eine Inflation nicht „finanzierbar” ist, andere potenzielle Ursachen führen dann lediglich zu einer Änderung der Preisstruktur, nicht jedoch einem Anstieg des Preisniveaus. Nach dem Ansatz der älteren Quantitätstheorie hat eine Geldmengenerhöhung keine Auswirkungen auf die Güterproduktion. In dieser Trennung von monetärem und güterwirtschaftlichem Bereich („klassische Dichotomie”) ist eine wesentliche Schwäche dieses Ansatzes zu sehen.
    (2) Neuere Quantitätstheorie: Die These von der Unbeeinflussbarkeit des realen Sektors durch eine Veränderung der Wachstumsrate des Geldangebots wird bei diesem Ansatz fallen gelassen. Vielmehr wird zugestanden, dass von Geldmengenerhöhungen zum einen aufgrund falscher Inflationserwartungen seitens der Wirtschaftssubjekte (Geldillusion) und wegen Reallohn- und Realzinssenkungen auch positive Impulse auf Wachstum und Beschäftigung ausgehen können. Der Grund hierfür können tendenzielle Erhöhungen der Gewinne bei den Unternehmungen mit verstärktem Anreiz zu Investitionen sein. Langfristig verschwindet dieser Effekt, und es kommt lediglich zu einer Anhebung der Inflationsrate. Die Vertreter der Schule der rationalen Erwartungen unterscheiden demgegenüber nicht zwischen kurz- und langfristigen Wirkungen von Variationen der Geldmenge. Sie gehen davon aus, dass die Wirtschaftssubjekte die inflationären Entwicklungen, die sich in der Folge einer über das reale Wirtschaftswachstum hinausgehenden Ausweitung des Geldangebots einstellen, vollständig antizipieren (also frei von Geldillusion sind) und unverzüglich Anpassungsreaktionen bei Preisen, Löhnen und Zinsen auslösen, sodass von einer Geldmengenausweitung auch hier keine realwirtschaftlichen, sondern lediglich inflationäre Impulse ausgehen. Insofern erlangt die ältere Quantitätstheorie bei Existenz rationaler Erwartungen wieder Gültigkeit. Die Bedingungen zur Bildung rationaler Erwartungen dürften jedoch realiter kaum erfüllt sein.

    b) Monetärer Erklärungsansatz der keynesianischen Theorie: Nach diesem Ansatz bewirkt eine Geldmengenausweitung zunächst eine Zinssenkung, die zu einer Anregung der Investitionstätigkeit führt, was über den Einkommensmultiplikator dazu führt, dass die Gesamtnachfrage um ein Vielfaches ansteigt. Inflation entsteht dann, wenn in der Ausgangslage Vollbeschäftigung herrschte. Die mit der Ausweitung der Investitionstätigkeit verbundene Ausweitung der Produktionskapazitäten führt jedoch v.a. über Rationalisierungsinvestitionen ceteris paribus zu einer ständigen Außenverschiebung der Kapazitätsgrenzen und damit zu einen dem Preisauftrieb gegenläufigen Effekt, was bei diesem Erklärungsansatz vielfach außer Acht gelassen wird.

    2. Nicht monetäre Inflationstheorien: Diese liegen vor, wenn die Inflation im güterwirtschaftlichen oder politischen Bereich ausgelöst wird.

    a) Nachfrageinduzierte Inflation (Nachfrageinflation; Demand Pull Inflation): Gemäß diesem Ansatz kommt Inflation dann zustande, wenn die gesamtwirtschaftliche Nachfrage über das mit den bestehenden Produktionskapazitäten zu erstellende gesamtwirtschaftliche Angebot hinausgeht. Aufgrund der Marktkonstellationen (Angebotslücke bzw. Nachfrageüberhang) kommt es dabei zu einem Anstieg der Güterpreise. Die Theorie der nachfrageinduzierten Inflation geht davon aus, dass jede autonome Erhöhung einer Komponente der gesamtwirtschaftlichen Endnachfrage (Staatsnachfrage, Konsum- und Investitionsgüternachfrage, Auslandsnachfrage) zu einem Anstieg des Preisniveaus führen kann. Inflatorische Impulse können jedoch auch aus dem Zusammenspiel mehrerer Nachfragekomponenten resultieren, wobei die konkrete Bedeutung der jeweiligen Komponente nicht immer klar diagnostiziert werden kann. Der nachfrageinduzierten Inflation liegen primär realwirtschaftliche Vorgänge zugrunde, wie etwa eine Verringerung der Sparquote, eine boombedingte Ausweitung der Investitionstätigkeit oder eine durch günstige Auslandskonjunktur verursachte erhöhte Exportnachfrage.

    Ein Sonderfall der nachfrageinduzierten Inflation ist die Nachfrageverschiebungsinflation (Demand Shift Inflation), bei der es im Zuge einer Nachfrageverschiebung zu Lohn- und Preissteigerungen nur in jenen Bereichen kommt, in denen nun die Nachfrage verstärkt entfaltet wird, während in schrumpfenden Wirtschaftsbereichen kompensierende Preissenkungen ausbleiben. Dabei verstärkt der sektorale Kostendruck in den schrumpfenden Bereichen (z.B. aufgrund von Kapazitätsunterauslastung mit steigenden Stückkosten) noch die inflationären Impulse. Bei mangelnder sektoraler und räumlicher Mobilität der Arbeitnehmer von den rückläufigen zu den wachsenden Bereichen geht Nachfrageverschiebungsinflation häufig mit struktureller Arbeitslosigkeit einher. Seit Mitte der 1950er-Jahre kam es in vielen Ländern zu Konstellationen, in denen inflationäre Entwicklungen und ein gesamtwirtschaftliches Überangebot (Leerkapazitäten, hohe Lagerbestände und Arbeitslosigkeit) gleichzeitig auftraten (Stagflation).

    b) Dieses komplexe Phänomen ist mit der Theorie der nachfrageinduzierten Inflation kaum zu erklären und lenkte das Augenmerk wieder stärker auf die Theorie der angebotsinduzierten Inflation (Angebotsinflation): Diesen Ansätzen ist gemeinsam, dass sie die Inflationstheorien aus dem Verhalten von Unternehmen und Gewerkschaften erklären, die ihre oligopol- oder monopolbedingte Marktmacht ausnutzen.
    (1) Kostendruckinflation (Cost Push Inflation): Dieser Erklärungsansatz sieht eine Ursache der Inflationstheorien darin, dass Kosten (Löhne, Steuern, Kreditkosten, Vorleistungsimporte und andere) stärker als die Produktivitätszuwächse der Anbieter steigen.
    (2) Der Erklärungsansatz der Gewinndruckinflation (Profit Push Inflation) geht davon aus, dass die Unternehmen aufgrund ihrer Marktmacht in der Lage sind, den Gewinn zum Bestimmungsgrund der Preise werden zu lassen. Können die Unternehmen ihre Gewinne ausdehnen und so ihren Anteil am Volkseinkommen erhöhen, entsteht Inflation. Wirken die genannten Faktoren nach- und miteinander, so kann es geschehen, dass auf jede Welle von Preiserhöhungen eine Welle von Lohnerhöhungen folgt und umgekehrt (Preis-Lohn-Preis-Spirale). Demnach sind die Gewerkschaften aufgrund ihrer Marktmacht in der Lage, Lohnsteigerungen durchzusetzen, die seitens der Unternehmen weder durch Gewinnkompressionen noch durch Produktivitätssteigerungen aufgefangen werden können. Der wachsende Kostendruck führt seitens der Unternehmen zu Preissteigerungen, die aufgrund vermachteter Marktstrukturen auch durchgesetzt werden können. Der einsetzende Verteilungskampf zwischen Gewerkschaften und Unternehmen verursacht eine fortschreitende Anspruchsinflation.

    c) Importierte Inflation: Hierbei handelt es sich um die Übertragung ausländischer Inflation auf das Inland. Ein direkter Preiszusammenhang zwischen In- und Ausland ist dann gegeben, wenn z.B. Preissteigerungen importierter Vorprodukte zu Kostensteigerungen bei Importeuren führen, die diese wiederum auf die inländischen Abnehmer überwälzen. Denkbar ist auch ein indirekter Inflationszusammenhang, der durch international divergierende Inflationsraten verursacht wird. Steigen die Inlandspreise im Verhältnis zu den Preisen im Ausland in geringerem Maße, so wird dies tendenziell zu Exporterhöhungen führen, was ceteris paribus eine Verringerung des realen inländischen Güterangebots bei gleichzeitig evtl. steigender Inlandsnachfrage (Multiplikatorwirkung der zusätzlichen Exporte) mit sich bringt. Dies führt zu einem Anstieg der Preise im Inland. Infolge der Exporterhöhungen kommt es v.a. bei festen Wechselkursen zu einer Erhöhung der inländischen Geldmenge, von der zusätzliche inflationäre Impulse ausgehen. Ein derartiger Inflationsimport könnte zwar durch eine entsprechende Aufwertung der Inlandswährung vermieden werden, doch kommt es selbst bei flexiblen Wechselkursen häufig nicht zu den gemäß der Kaufkraftparitätentheorie zu erwartenden kompensierenden Wechselkursänderungen, weil andere Bestimmungsgrößen häufig dominieren, z.B. Wechselkurserwartungen mit Spekulationen, Zins- und Konjunkturentwicklungen, politische Ereignisse etc.

    d) Politisch verursachte Inflation: Gemäß der Auffassung der politischen Inflationstheorien ist Inflation ein Problem von Macht und politischen Opportunitäten oder Folge einer kontraproduktiven Anti-Inflationspolitik der Zentralbank. Der Staat und die Zentralbank spielen hierbei eine wesentliche Rolle. Zum einen stellt der Staat Ansprüche an das Nationaleinkommen, die grundsätzlich inflationstreibend wirken. Zum anderen kann es für ihn rational sein, den Inflationsprozess (Preis-Lohn-Preis-Spirale) im Interesse des politischen und sozialen Friedens monetär zu alimentieren oder aufgrund von im staatlichen Sektor anfallenden Inflationsgewinnen sogar zu fördern. Dies gelingt ihm bes. dann, wenn die Zentralbank nicht autonom ist. Für die Bundesrepublik Deutschland wurde zudem von Kritikern der autonomen Bundesbank behauptet, dass sie vielfach verspätet mit restriktiven Maßnahmen auf inflationsgeneigte Boomphasen reagiert und damit zu lange in den bereits einsetzenden Abschwung „hineingebremst” habe. Die gewünschte dämpfende Wirkung von Zinserhöhungen auf die Investitionsnachfrage sei im Boom verpufft, weil sich in dieser Phase die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals erhöhte, der Fremdfinanzierungsanteil (bei schneller Amortisierung kurzfristiger Erweiterungsinvestitionen) sank und Zinserhöhungen problemlos auf die Preise überwälzt werden konnten. Führte die Zentralbank eine restriktive Politik bis in die Abschwungsphase hinein fort, bleibt den Unternehmen, die sich ohnehin einer Unterauslastung der Kapazitäten und damit einhergehenden steigenden Stückkosten gegenübersahen, häufig keine andere Möglichkeit, als den restriktionsbedingt noch erhöhten Schuldendienst zusätzlich an die Verbraucher weiterzugeben. Dies kennzeichnet die grundsätzliche Gefahr, dass die Zentralbank durch faktisch prozyklisch wirkende Maßnahmen die Inflation verstärkt, die sie eigentlich bekämpfen will.

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      Autoren der Definition und Ihre Literaturhinweise/ Weblinks

      Prof. Dr. Oliver Budzinski
      University of Southern Denmark,
      Campus Esbjerg,
      Department of Environmental and
      and Business Economics
      Professor of Business Economics
      PD Dr. Jörg Jasper
      EnBW AG
      Senior Economist
      Prof. Dr. Albrecht F. Michler
      Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf,
      Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät,
      Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre
      außerplanmäßiger Professor

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