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Dieser Text basiert auf dem Artikel Notverkauf aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation und Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported (Kurzfassung (de)). In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.
Wikipedia-Version zuletzt aktualisiert am 21.05.19.

Notverkauf

Notverkauf oder Selbsthilfeverkauf, Vermögensgegenstände und Dienstleistungen bei einer vorübergehenden kurzfristigen Zwangssituation. So können sich Juristische und Natürliche Personen auf Grund einer besonderen Geschäfts- bzw. Lebenslage in einer Situation befinden, die sie motiviert Vermögensgegenstände außerplanmäßig – in einer den Umständen entsprechenden schnellen und glatten Abwicklung – zu verwerten.

Dadurch wächst – je enger der Zeithorizont dabei ist – das Risiko unter einem eigentlich erzielbaren Marktwert, einem Buchwert oder sogar unter dem eigenen Beschaffungspreis zu verkaufen.

Gründe sind in der Regel eine fehlende Liquidität der Verkäufer, um anderen monetären Verpflichtungen nachzukommen, wobei keine alternativen Möglichkeiten der Finanzierung mehr bestehen. Bei Unternehmen sind insbesondere vertretbare Gegenstände des Umlaufvermögens – wie die eigenen Handelswaren – von Notverkäufen betroffen, während private Personen auch nicht vertretbare Wertgegenstände (Kunstobjekte, Liebhaberstücke) veräußern.

Weitere Gründe sind die Gefahren von unmittelbar zu erwartenden Wertminderungen insbesondere beim Handel mit verderblicher Ware, verschärft durch eine ungünstige Marktsituation eines Verkäufers oder ausgelöst durch einen Annahmeverzug eines Käufers.

Auch Langfristige Zwangssituationen führen zu Notverkäufen; dann wird häufig das gesamte Vermögen einer juristischen oder natürlichen Person – also auch nicht bewegliche oder schwer transportierbare Vermögensgegenstände (z. B. Immobilien) – verwertet.

Marktsituation eines Verkäufers

Gelegentlich wird deshalb der Begriff des Notverkaufs allgemein zur Verdeutlichung von Machtverhältnissen eines Marktes verwendet; etwa um die Folgen einer ungleichen Marktmacht zu beschreiben, bei der z. B. die Angebotsseite eher als Polypol und die Nachfrageseite als Oligopol oder Monopol aufgestellt ist.

Gerät dabei die Angebotsseite quasi unter Abschlusszwang, weil sie zeitlich kurzfristigeren Zahlungsverpflichtungen unterworfen ist als die Nachfrageseite Beschaffungslaufzeiten hat oder das eigene Warenangebot vom Verderben oder anderen Wertminderungen bedroht ist, dann wächst die Bereitschaft – bis hin zum defacto Zwang – den Verkaufsabschluss zu jedem Preis zu suchen.

In einer solchen – für den Verkäufer ungünstigen – Marktsituation Geld verdienen zu müssen, werden dann auch Preise für Dienstleistungen – auch unter die Selbstkostengrenze – gesenkt.

Ein Notverkauf kann auch durch staatliche Markteingriffe ausgelöst werden, wenn Märkte reguliert bzw. dereguliert werden oder sich aus anderen Gründen verändern und damit eine zukünftige Marktsituation nicht mehr einschätzbar scheint oder Märkte sogar zusammenzubrechen drohen. Als am Schwarzen Donnerstag von 1929 der US-amerikanische Aktienmarkt zusammenbrach, war dies auch eine Folge von Notverkäufen, da viele Aktienkäufe per Fremdkapital finanziert waren und eine Rückgang der Börsenwerte eine Welle von Notverkäufen auslöste.

Annahmeverzug eines Käufers

In der Lagerlogistik und im Handel allgemein kann es auch zu Notverkäufen durch Annahmeverzug kommen. Allerdings wird durch einen „Freihändigen Verkauf“ oder einen Selbsthilfeverkauf hier noch vom Umstand eines Notverkaufs abgestuft.

Beim „Freihändigen Verkauf“ werden börsengehandelte Werte oder Waren, welche einen täglichen Marktpreis aufweisen (Wertpapiere und Rohstoffe) „frei Hand“ bzw. durch einen öffentlich beauftragten Makler an einer Börse verkauft. Bei einem Selbsthilfeverkauf handelt es sich im Prinzip um eine öffentliche Versteigerung (Auktion).

In beiden Fällen muss der ursprüngliche Käufer über Zeit und Ort informiert werden. Dabei ist eine angemessene Nachfrist zu setzen und bei Verstreichen dieser Frist die entsprechende Verwertung anzudrohen. Nach der Verwertung ist dem ursprünglichen Käufer eine Abrechnung zu übermitteln. Liegen die erzielten Erlöse über dem ursprünglichen Kaufpreis, stehen diese dem ursprünglichen Käufer zu, während Mindererlöse dem Verkäufer erstattet werden müssen. Zusätzliche Kosten trägt immer der ursprüngliche Käufer.

Handelt es sich um von unzumutbarer Wertminderung bedrohte Ware (insbesondere verderbliche Lebensmittel), findet ein Notverkauf statt; die Ware wird unmittelbar verwertet, eine Informationspflicht und Fristsetzung durch den Verkäufer entfällt.

Langfristige Zwangssituationen

Unterliegt im Prinzip das gesamte Vermögen einem Notverkauf dann liegt häufig eine Unternehmenskrise oder Privatinsolvenz vor; bzw. wird versucht solches durch Notverkäufe abzuwenden.

Darüber hinaus existieren weitere Zwangssituationen andauernder langfristiger Art, welche Notverkäufe auslösen. Liegen ethnische, religiöse, soziale, ideologische Konflikte und Repressalien, etc. zu Grunde und führen diese zur Vertreibung, Flucht oder Emigration, kann bereits die Grenze zur tatsächlichen Nötigung überschritten werden, da die Motivation zum Verkauf darin besteht, dass eigene Grund-, Menschen- und Eigentumsrechte nicht mehr gewährleistet werden.

In der NS-Zeit wurden Millionen Juden drangsaliert und zunehmend – bis hin zur physischen Vernichtung (Holocaust) – entrechtet. Viele Juden waren und wurden deshalb gezwungen Vermögensgegenstände weit unter Wert zu verkaufen. Gerade bei Unternehmensübergaben waren das de facto Enteignungen zu Gunsten Dritter. Im Sinne der Nationalsozialistischen Rechtsbeugung wurde das Eigentum dadurch „arisiert“.

So wurde z. B. (siehe Sonderauftrag Linz) nach dem Anschluss Österreichs dort für Kunstwerke in jüdischem Besitz die Regelung erlassen, dass sie nur bis zu einem Preis von 1000 Mark frei verkauft werden durften; dadurch verfielen die Preise und von freien Verkäufen konnte nicht mehr die Rede sein.[1] Bis heute gestaltet sich die Rückabwicklung dieser Notverkäufe und die Rückgabe der Vermögensgenstände weiter schwierig, da sie nicht immer nachweislich – da die Unterlagen nicht mehr vorliegen – als solche erkannt und anerkannt werden, und die genötigten Verkäufer nicht mehr leben.

Werden geraubte Kunstgegenstände – siehe Restitution von Raubkunst – vermehrt zurückgegeben, so gilt das nicht zwangsläufig auch für (not)verkaufte Gegenstände. Sowohl bei der Restitution in Österreich als auch bei der Deutsche Wiedergutmachungspolitik für NS-Opfer stehen abschließende Klärungen noch aus.

Quellen

  1. Theodor Brückler (Hrsg.): Kunstraub, Kunstbergung und Restitution in Österreich 1938 bis heute. Böhlau Wien 1999, ISBN 978-3205989264, S. 19 (S. 15 Anmerkung 13).

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