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Proletaritätsmerkmale

(weitergeleitet von Arbeiterfrage des 19. Jahrhunderts)
Definition

Der Ausgangspunkt der neuzeitlichen staatlichen Sozialpolitik (Theorie der Sozialpolitik) kann in den Lebensumständen der Industriearbeiterschaft im 19. Jh. anhand der Merkmale der „Proletarität” gesehen werden, wie sie in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg von den Sozialpolitikwissenschaftlern (Achinger, Schreiber, Weddingen, Weisser u.a.) aus den Schriften von Herkner, Schmoller und Briefs über die Arbeiterfrage entnommen werden konnten.

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Das Original: Gabler Wirtschaftslexikon

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    Ausführliche Definition

    1. Der Ausgangspunkt der neuzeitlichen staatlichen Sozialpolitik (Theorie der Sozialpolitik) kann in den Lebensumständen der Industriearbeiterschaft im 19. Jh. anhand der Merkmale der „Proletarität” gesehen werden, wie sie in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg von Sozialpolitikwissenschaftlern (Achinger, Schreiber, Weddingen, Weisser u.a.) aus den Schriften von Herkner, Schmoller und Briefs über die Arbeiterfrage entnommen werden konnten.

    2. Wesentliche Proletaritätsmerkmale waren zum einen demnach die Probleme
    (1) extremer Gefährdung von Leben und Gesundheit am Arbeitsplatz,
    (2) extrem langer Arbeitszeit je Tag, Woche und Jahr (ohne Erholungsurlaub),
    (3) extremer Kurzfristigkeit und Unsicherheit des Arbeitsvertrages,
    (4) extrem niedriger Löhne, die selbst bei extrem langer Arbeitszeit, bei Frauen- und Kinderarbeit kaum das physische Existenzminimum der Arbeiterfamilie sicherten,
    (5) extremer Unstetigkeit des Einkommensstromes infolge der normalen Lebensrisiken Krankheit, Unfall, Invalidität und Alter.

    In der zweiten Hälfte des 20. Jh. konnten für die Arbeitnehmer in der Bundesrepublik Deutschland die oben genannten Probleme durch den Ausbau der Arbeitnehmerschutzrechte und der Sozialversicherung als überwunden gelten. Mind. als relative gesellschaftliche Schwäche der Arbeitnehmer mussten zum anderen jedoch noch folgende Aspekte gelten:
    (6) die geringen Möglichkeiten zur Selbst- oder Mitbestimmung in Betrieb und Unternehmen,
    (7) die Vermögenslosigkeit bzw. die unbefriedigende Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand sowie
    (8) die Situation in Bezug auf das Bildungsniveau der Arbeitnehmer und eine gewisse „Vererblichkeit des Arbeiterstatus”, die sich in einem deutlich unterproportionalen Anteil von Arbeiterkindern an den höheren Schulen und Hochschulen äußerte.

    3. Perspektiven: Bis zum Ende des 20. Jh. hat der Sozialstaat Deutschland weiter zum Abbau der Reste an Proletarität der Lebenslage der Arbeitnehmer beigetragen, sodass mit der abhängigen Stellung im Arbeitsleben nur noch eingeschränkt eine gesellschaftliche Schwäche verbunden ist.

    Vgl. auch Soziale Frage, Sozialpolitik in der Marktwirtschaft.

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      Autoren der Definition und Ihre Literaturhinweise/ Weblinks

      Prof. Dr. Martin Werding
      Ruhr-Universität Bochum,
      Lehrstuhl für Sozialpolitik und öffentliche Finanzen, Fakultät für Sozialwissenschaft

      Sachgebiete