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Neue Ökonomie

Definition: Was ist "Neue Ökonomie"?

Schlagwortartige Bezeichnung des Wirtschaftsbereichs, der in starkem Maße auf dem Internet und damit verbundenen Informations- und Kommunikationstechnologien aufbaut. Produziert und gehandelt werden in erster Linie immaterielle Güter, aber auch bei materiellen Gütern kann die neue Ökonomie etwa im Vertrieb oder in der Organisation und Vernetzung der Produktionsprozesse eine wichtige Rolle spielen. Für manche Beobachter ist die Neue Ökonomie zugleich ein Synonym für die zunächst euphorisch gefeierte und dann geplatzte spekulative Blase an den Börsen in den Jahren von 1999 bis 2003.

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Das Original: Gabler Wirtschaftslexikon

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    Ausführliche Definition im Online-Lexikon

    Inhaltsverzeichnis

    1. Begriff und Gegenstand
    2. Gesamtwirtschaftliche Bedeutung
    3. Wettbewerbsstrategien für Informationsgüter
    4. Von der Hierarchie zum Netzwerk
    5. Konsequenzen für die Wirtschaftspolitik

    Begriff und Gegenstand


    Seit den späten 1990er-Jahren wurde die wirtschafts- und strukturpolitische Diskussion in Deutschland und anderen hochentwickelten Ländern stark vom Schlagwort der „Neuen Ökonomie” (New Economy) geprägt. Sie stand unter der Erwartung, dass das Internet und damit verknüpfte Informations- und Kommunikationstechnologien Wachstums- und Produktivitätspotenziale in bislang unbekanntem Ausmaß freisetzen würden.


    Gesamtwirtschaftliche Bedeutung


    Die Hoffnung auf neue Wachstumspotenziale und neue Märkte erfasste in den Jahren von 1999 bis 2003 zuerst die Börse, und zwar auf eine derart überzogene Weise, dass eine gigantische spekulative Blase entstehen konnte. Mit dem Platzen der Blase und den drastischen Kursverlusten, die bis Anfang 2003 andauerten, ist bei vielen die gesamte Neue Ökonomie in Misskredit geraten. Dies ist jedoch eine verzerrte Perspektive. Zwar sind die Geschäftserwartungen vieler Dot.coms zerplatzt, aber die Verbreitung der Informationstechnologien setzt sich ungehindert fort. In gewissem Sinn können die Dot.coms als Spurensucher auf dem Weg in die Neuen Ökonomie gelten, denn viele ihrer Geschäftsmodelle, die ihnen selbst oftmals kein Glück brachten, sind mittlerweile von etablierten Unternehmen erfolgreich adaptiert worden.

    Für viele Beobachter bedeutete die Neue Ökonomie das Ende von Inflation, Arbeitslosigkeit und Konjunkturzyklus - wenn nicht gar das Ende der Knappheit. Keine dieser Hoffnungen war realistisch. Denn die Technologien wandeln sich, doch die grundlegenden ökonomischen Gesetzmäßigkeiten werden durch die Neue Ökonomie keineswegs außer Kraft gesetzt. Die makroökonomisch motivierte Euphorie ist verflogen, doch der Strukturwandel auf mikroökonomischer Ebene ist ungebrochen. Die Zahl der Internet-Nutzer steigt, Informationsgüter haben sowohl auf der Output- als auch auf der Input-Seite hochentwickelter Volkswirtschaften ein immer höheres Gewicht, und die Digitalisierung der Wertschöpfungsketten steht gerade erst in den Anfängen.

    Dabei ist die Neue Ökonomie in enger sektoraler Abgrenzung nach wie vor eher klein. Wenn man dazu nur jene Branchen zählt, die Geräte und Anlagen der Informations- und Kommunikationstechnologie herstellen und vertreiben oder die Kommunikationsdienstleistungen anbieten, erbringt sie in Deutschland etwa 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und beschäftigt 3 Prozent aller Arbeitskräfte; das sind rund eine Million Personen.

    Versteht man unter dem Strukturwandel zur Neuen Ökonomie dagegen einen produktionstechnischen Wandel, der durch das Vordringen von Informationsgütern in praktisch alle Bereiche der Wirtschaft geprägt ist, kann man durchaus den Eindruck gewinnen, dass wir schon seit langem in der Neuen Ökonomie angekommen sind. Kaum eine Branche und kaum ein Arbeitsplatz sind heute ohne den Einsatz moderner Informations- und Kommunikationstechnologie vorstellbar, und diese Entwicklung ist noch längst nicht an ihrem Ende angelangt.

    Einen Ansatzpunkt, wie dieser Strukturwandel statistisch erfasst werden kann, bietet die Aufgliederung der Erwerbstätigen nach ihrem ausgeübten Beruf. Sie macht deutlich, dass informationsverarbeitende Tätigkeiten schon seit den späten 1970er-Jahren stetig an Gewicht gewonnen haben und heute in der deutschen Wirtschaft insgesamt bereits rund 43 Prozent aller Tätigkeiten ausmachen.   


    Wettbewerbsstrategien für Informationsgüter


    Eine Ursache dafür, weshalb sich der Übergang zur Neuen Ökonomie eher als Evolution und nicht als Revolution vollzieht, sind die gravierenden Probleme bei der Vermarktung von Informationsgütern. In der Dot.com-Euphorie suchten zahlreiche Investoren nur nach innovativen Ideen, ohne viel darauf zu geben, ob mit diesen Ideen auch Geld zu verdienen ist. Mittlerweile jedoch haben sich viele Dot.coms in Dot.gones verwandelt, da sie letztlich nicht in der Lage waren, die von ihnen angebotenen Informationsgüter zu kostendeckenden Preisen abzusetzen. Erst mit dem Platzen der spekulativen Blase setzte sich die Einsicht durch, dass es besonderer Wettbewerbsstrategien bedarf, um sich auf den Märkten für Informationsgüter auf Dauer behaupten zu können. Die wichtigsten dieser Strategien sind die Bündelung und die Bildung von Produktvarianten, das Anlocken von Schwarzfahrern sowie - nicht zuletzt - den Aufbau von Reputation.

    Vertrauen schaffen ist für Unternehmen wichtiger denn je. Unternehmen können selbst Reputation aufbauen oder ihre Qualität durch Vermittlung Dritter belegen lassen. Vertrauen in ein Unternehmen kann die Erwartungen zugunsten des unternehmerischen Produkts beeinflussen und damit hohe Marktanteile bei Netzwerkgütern schaffen. Erfahrungsgüter wie Informationsgüter oder physische Güter mit hohem Informationsanteil können nur von renommierten Unternehmen verkauft werden. Mittler spielen insgesamt eine wichtige Rolle. Sie schaffen nicht nur Vertrauen, sondern stellen unabhängige, für beide Marktseiten zugängliche Handelsplattformen bereit, aggregieren Nachfrage und Angebot und unterstützen das Individuum bei seiner Suche nach Information.   


    Von der Hierarchie zum Netzwerk


    Auch für die Unternehmensstrukturen und die Arbeitswelt hat die Neue Ökonomie weitreichende Konsequenzen. Moderne Technologien begünstigen einerseits die Auflösung hierarchischer Strukturen und den Übergang zu vernetzten Wirtschaftstrukturen mit kleineren Unternehmenseinheiten und flachen Hierarchien. Andererseits schafft die Neue Ökonomie ihre eigenen Größenvorteile, die aus den extrem niedrigen Grenzkosten bei Informationsgütern oder der überragenden Bedeutung der Reputation für den Markterfolg der Anbieter herrühren.

    Neue Größenvorteile entstehen auch dadurch, dass Arbeitsabläufe komplexer und weniger kontrollierbar werden, so dass langfristige Bindungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern an Bedeutung gewinnen. Da zugleich - in Übereinstimmung mit dem Transaktionskostenansatz (Transaktionskostenökonomik) - die vertikale Integrationstiefe durch Outsourcing verringert wird, werden die Unternehmen gleichsam breiter und flacher.

    Auch in der Arbeitswelt dürfte sich ein Nebeneinander herausbilden von langfristig stabilen Arbeitsbeziehungen, bei denen die Bindung des Humankapitals an das Unternehmen im Vordergrund steht, und projektorientierten kurzfristigen Arbeitsbeziehungen, die eher auf Werk- als auf Dienstverträgen beruhen. Ein genereller Trend wird dabei der Anstieg der Qualifikationsanforderungen an die Beschäftigten sein. So verfügen schon heute fast 30 Prozent aller Beschäftigten im Informations- und Kommunikationssektor über eine Hochschulausbildung, während es im Verarbeitenden Gewerbe nur 8 Prozent sind. Dort liegt der Anteil von Arbeitskräften ohne abgeschlossene Berufsausbildung bei 24 Prozent, im Informations- und Kommunikationssektor dagegen bei 12 Prozent. Da in dieser Qualifikationsgruppe das Arbeitslosigkeitsrisiko schon heute besonders hoch ist, könnte der Strukturwandel zur Neuen Ökonomie die strukturelle Arbeitslosigkeit in Deutschland sogar noch verschärfen, wenn die Arbeitsmarktpolitik nicht angemessen reagiert. Hinzu kommt der intrasektorale branchenübergreifende Strukturwandel zugunsten informationsintensiver Tätigkeiten. Besonders deutlich wird dieser Wandel daran, dass noch vor zwei Jahrzehnten nur etwa ein Fünftel aller Arbeitsplätze mit Computern ausgestattet waren, während es heute mehr als drei Fünftel sind.

     

    Konsequenzen für die Wirtschaftspolitik


    Neue Herausforderungen hält die Neue Ökonomie auch für die Sozialpolitik bereit, denn das typische industrielle Arbeitsverhältnis, das es erlaubt, die soziale Sicherung über die Lohnnebenkosten zu finanzieren, verliert rasch an Bedeutung. Das in der öffentlichen Debatte aus Arbeitsmarktgründen geforderte Abkoppeln der Sozialversicherungseinnahmen vom Arbeitseinkommen erhält durch den Strukturwandel zur Neuen Ökonomie also zusätzliches Gewicht, denn flexible, unabhängige Netzwerker lassen sich im heutigen System nicht zu Sozialabgaben heranziehen.

    Braucht die Neue Ökonomie mehr oder weniger staatliche Regulierung als die alte Ökonomie? Besonders auf den Märkten für Informationsgüter sowie auf elektronischen Märkten für alle Arten von Gütern gibt es vielfältige Gründe für potenzielles Marktversagen. Dies könnte zu dem Schluss verleiten, dass hier der Staat gefordert sei, um die Funktionsfähigkeit der Märkte zu gewährleisten. Dagegen steht das so genannte Coase-Theorem, nach dem es auch in Fällen von Marktversagen grundsätzlich möglich ist, durch direkte Verhandlungen zwischen den Betroffenen zu einer effizienten Lösung zu gelangen und damit eine gesamtwirtschaftlich optimale Allokation sicherzustellen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass derartige Verhandlungen nicht an prohibitiv hohen Transaktionskosten scheitern. Diese Transaktionskosten wiederum bestehen in erster Linie aus Kosten der Information und Kommunikation, die durch den technologischen Fortschritt spürbar gesunken sind. Die modernen Informationstechnologien ebnen also nicht nur der Neuen Ökonomie den Weg, sondern sie schaffen prinzipiell auch bessere Voraussetzungen dafür, potenzielles Marktversagen ohne staatliche Eingriffe zu überwinden.

    Tatsächlich erscheinen direkte staatliche Eingriffe in die Gütermärkte auch in der Neuen Ökonomie nicht nur weitgehend als entbehrlich, sondern auch als schädlich, da sie der Entfaltung neuer wirtschaftlicher Aktivitäten nur im Wege stehen würden. Gleichwohl ist der Staat gefordert, denn die Neue Ökonomie braucht klare und verlässliche Rahmenbedingungen, die sich in mancher Hinsicht von jenen der alten Ökonomie unterscheiden.

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