Direkt zum Inhalt

Rätedemokratie

Definition

Bisher nicht realisiertes Konzept einer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung mit Gesellschaftseigentum an den Produktionsmitteln und gesamtgesellschaftlicher Planung der Produktions- und Verteilungsprozesse. Die Gesellschaftsmitglieder sind dem Räteprinzip zufolge in den einzelnen Basiseinheiten (Betriebe, Wohngebiete, Universitäten etc.) als Urwahlgemeinschaften zusammengeschlossen. Aus ihrer Mitte wählen sie als ihre Vertretung Räte, deren Mitglieder an den Wählerwillen gebunden sind (imperatives Mandat) und zur Verhinderung elitärer Führungsstrukturen der Ämterrotation unterliegen. Aus der Mitte dieser Räte wiederum werden nach dem gleichen Prinzip übergeordnete (überregionale) Räte bis hinauf zum obersten Rat gewählt.

GEPRÜFTES WISSEN
Über 200 Experten aus Wissenschaft und Praxis.
Mehr als 25.000 Stichwörter kostenlos Online.
Das Original: Gabler Wirtschaftslexikon

zuletzt besuchte Definitionen...

    Ausführliche Definition

    1. Charakterisierung: Bisher nicht realisiertes Konzept einer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung mit Gesellschaftseigentum an den Produktionsmitteln und gesamtgesellschaftlicher Planung der Produktions- und Verteilungsprozesse. Vertreten bes. von neomarxistischer Seite (Sozialismus, Marxismus) als ein Gegenentwurf zur Marktwirtschaft bzw., unter dem Stichwort des „Dritten Weges”, zu einer staatssozialistischen Zentralplanwirtschaft.

    2. Aufbau: Die Gesellschaftsmitglieder sind dem Räteprinzip zufolge in den einzelnen Basiseinheiten (Betriebe, Wohngebiete, Universitäten etc.) als Urwahlgemeinschaften zusammengeschlossen. Aus ihrer Mitte wählen sie als ihre Vertretung Räte, deren Mitglieder an den Wählerwillen gebunden sind (imperatives Mandat) und zur Verhinderung elitärer Führungsstrukturen der Ämterrotation unterliegen. Aus der Mitte dieser Räte wiederum werden nach dem gleichen Prinzip übergeordnete (überregionale) Räte bis hinauf zum obersten Rat gewählt. Eine Übertragung von Handlungs- und Entscheidungskompetenzen an die nächsthöhere Ebene erfolgt nur soweit wie nötig (ähnlich wie vom Subsidiaritätsprinzip gefordert), damit der übergeordnete Rat die ihm übertragenen Funktionen erfüllen, aber nicht eigenmächtig ausfüllen kann.

    3. Koordination: Die Handlungsrechte an den Produktionsmitteln sind den Betriebsangehörigen übertragen. Sie sind zu einem Betriebsparlament zusammengeschlossen, das die Mitglieder des betrieblichen Selbstverwaltungsrats wählt und ihm diejenigen Rechte überträgt, die zur Erfüllung seiner Aufgaben (organisatorische Umsetzung der Beschlüsse des Betriebsparlaments, Führung der laufenden Geschäfte, Vertretung des Betriebs nach außen) notwendig sind. Die einzelnen betrieblichen Räte wählen die Mitglieder übergeordneter Räte, denen daneben auch Nichtwerktätige (Rentner, Intellektuelle etc.) angehören. Aus der Mitte der überregionalen Räte wiederum werden Vertreter in den nächsthöheren Rat bis hinauf zum Wirtschaftsgeneralrat delegiert. Aufgabe des Wirtschaftsgeneralrats ist die Aufstellung des Volkswirtschaftsplans: Auf Basis der Bedarfsanmeldungen der untersten Gesellschaftseinheiten (individuelle und kollektive Bedürfnisse der dort organisierten Individuen) und zentral ermittelter Bedarfsgrößen (bes. Investitionsgüterbedarf) erstellt er mithilfe der Bilanzierungsmethode einen vorläufigen Planentwurf, der veröffentlicht und auf allen gesellschaftlichen Strukturebenen diskutiert wird. Diejenigen, deren Interessen nicht ausreichend berücksichtigt wurden, können entweder über die Instanzen des Rätesystems oder durch plebiszitäre Korrekturkampagnen ihre Ziele durchzusetzen versuchen. Nach entsprechenden Korrekturen durch den Wirtschaftsgeneralrat wird der endgültige Plan den einzelnen Betrieben in Form differenzierter Produktions- und Finanzauflagen übermittelt.

    4. Funktionsprobleme: a) Die Ermittlung des notwendigen Produktionsumfangs auf Basis dezentraler Bedarfsanmeldung birgt die Gefahr überhöhter Güteranforderungen.
    b) Die Ermittlung des zu erfüllenden Bedarfs und die Auswahl von Alternativen erfordert bei Weisungsgebundenheit der Entscheidungsberechtigten an den Willen ihrer Wähler langwierige Abstimmungsprozesse bei hohen Transaktionskosten.
    c) Das Fehlen von Prämierungs- und Sanktionsmechanismen zur Erzwingung plankonformen Verhaltens der Betriebe und Arbeiter begünstigt individuelle Trittbrettfahrerstrategien.
    d) Erfüllt ein einzelner Betrieb seine Planauflagen nicht, führt dies aufgrund der Interdependenzen zwischen allen Betriebsplänen zu lawinenartigen Folgestörungen in anderen Unternehmen und damit zur Nichterfüllung des gesamtwirtschaftlichen Plans.

    zuletzt besuchte Definitionen...

      Mindmap Rätedemokratie Quelle: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/raetedemokratie-43133 node43133 Rätedemokratie node50911 Wirtschaftsordnung node43133->node50911 node44920 Subsidiarität node43133->node44920 node31284 Bilanzierungsmethode node43133->node31284 node45714 staatssozialistische Zentralplanwirtschaft node43133->node45714 node46338 Sozialismus node43133->node46338 node38333 Marxismus node43133->node38333 node38124 Marktwirtschaft node43133->node38124 node42184 Soziale Marktwirtschaft node50157 Wohlfahrtsstaat node34332 Ethik node44920->node42184 node44920->node50157 node44920->node34332 node51674 EUV node44920->node51674 node27159 demokratischer Zentralismus node28854 Außenhandelsmonopol node45714->node50911 node45714->node31284 node45714->node27159 node45714->node28854 node38052 Keynesianismus node46338->node38124 node37009 Kapitalismus node46338->node37009 node30819 Betrieb node30819->node38124 node39141 konstantes Kapital node39141->node38333 node43863 Produktionsverhältnisse node43863->node38333 node38534 Marx node38333->node38534 node38333->node37009 node35938 Entfremdung node35938->node46338 node38124->node50911 node38124->node38052 node37009->node38124 node39225 Lassalle node39225->node46338
      Mindmap Rätedemokratie Quelle: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/raetedemokratie-43133 node43133 Rätedemokratie node46338 Sozialismus node43133->node46338 node38333 Marxismus node43133->node38333 node38124 Marktwirtschaft node43133->node38124 node45714 staatssozialistische Zentralplanwirtschaft node43133->node45714 node44920 Subsidiarität node43133->node44920

      News SpringerProfessional.de

      • Persönlichkeit und Motivation müssen stimmen

        Beim Besetzen vakanter Stellen achten Vertriebsleiter oft stärker auf die fachliche Qualifikation der Bewerber als auf deren Persönlichkeit und Motivation. Michael Schwartz, Leiter des Instituts für integrale Lebens- und Arbeitspraxis in Esslingen, erläutert, warum diese beiden Faktoren im Vertrieb so wichtig sind.

      • Neue Recruitingstrategien gegen den Fachkräftemangel

        Für den deutschen Mittelstand wird der Fachkräftemangel zum Geschäftsrisiko, zeigen Studien. Und die Situation soll sich noch verschärfen. Höchsten Zeit also, bei der Personalbeschaffung neue Weg zu gehen, so Gastautor Steffen Michel. 

      • Weniger IPO-Prospekt, dafür mehr Anlegerschutz

        Wer sich bislang per Börsengang Geld am Kapitalmarkt besorgen wollte, musste einen aufwendigen Prospekt erstellen. Eine Neuregelung sorgt jetzt bei kleineren IPOs (Initial Public Offering) für Abhilfe. Wie die Voraussetzungen aussehen, erklärt Rechtsanwalt Jörg Baumgartner in seinem Gastbeitrag.

      • Whatsapp startet Business-Offensive

        Im Servicefall können Verbraucher einige Unternehmen bereits über den Messenger-Dienst Whatsapp kontaktieren. Doch was passiert, wenn der Kundenservice Nachrichten initiativ versendet? Ein neues Business-Tool soll genau das ermöglichen.

      • Kundennutzenmodelle im B2B-Vertrieb von E-Marktplätzen

        Elektronische B2C-Marktplätze müssen ihre über Jahre errungene dominante Marktstellung in Gewinne umzumünzen, ohne ihre Marktstellung zu gefährden. Dazu gehört, Preise für langjährige Händler drastisch zu erhöhen. Kundennutzenmodelle spielen dabei eine wichtige Rolle.

      • "Belastete Geschäftsmodelle sind meistens nicht genug innoviert"

        Der ehemalige Roland-Berger-Krisenberater Thomas Knecht hat an der Spitze von Hellmann den Turnaround des weltweiten Logistikers geschafft. Branche und Wirtschaft fordert er zu mehr Wachsamkeit auf. Im Interview spricht er über Anpassungsfähigkeit und Insolvenzschutz.

      Autoren der Definition und Ihre Literaturhinweise/ Weblinks

      Prof. Dr. Dirk Sauerland
      Universität Witten/Herdecke, Lehrstuhl für Institutionenökonomik
      und Gesundheitspolitik
      Lehrstuhlinhaber

      Literaturhinweise SpringerProfessional.de

      Springer Professional - Die Flatrate für Fachzeitschriften und Bücher
      In der Ära des Post-Kommunismus ist Lukács’ Verdinglichungstheorie mit einiger Verzögerung wiederentdeckt worden. Als Jürgen Habermas Anfang der 80er Jahre auf die Relevanz dieses Paradigmas aufmerksam machte, forderte er gleichzeitig die …
      Zu jener Zeit, 1960/61, als Geldmangel den Weg zum Examen abschnitt, bisherige politische Wege an ihr Ende kamen, die Gefahr sich abzeichnete, bisher Gelerntes wieder zu vergessen, trat eine Wende ein.
      „Wir zielen ein System direkter Demokratie an, und zwar von Rätedemokratie, die es den Menschen erlaubt, ihre zeitweiligen Vertreter direkt zu wählen und abzuwählen, wie sie es auf der Grundlage eines gegen jedwede Form von Herrschaft kritischen …

      Sachgebiete