Direkt zum Inhalt

Harrod-Domar-Modell

GEPRÜFTES WISSEN
Über 200 Experten aus Wissenschaft und Praxis.
Mehr als 25.000 Stichwörter kostenlos Online.
Das Original: Gabler Wirtschaftslexikon

zuletzt besuchte Definitionen...

    Ausführliche Definition

    1. Harrod-Modell: a) Annahmen: Harrod berücksichtigt in seinem Modell nur den Gütermarkt und modelliert eine geschlossene Volkswirtschaft ohne Staat. Dies hat zur Folge, dass sich die gesamtwirtschaftliche Nachfrage nur aus privatem Konsum und Investition zusammensetzt. Die Preise sind konstant. Das Sparverhalten lässt sich anhand der Sparfunktion beschreiben: St = s · Xt mit s < 1 und konstant. Das Sparen S resultiert somit aus dem Realeinkommen X der laufenden Periode t, das sich aus der Produktion in t ergibt und ihrem Wert entspricht. Die durchschnittliche Sparquote entspricht der marginalen Sparquote s und ist konstant. Mit der Investitionsfunktion führt Harrod den Akzelerator (v) ein: It = v · MathML (base64):PG1hdGggeG1sbnM9Imh0dHA6Ly93d3cudzMub3JnLzE5OTgvTWF0aC9NYXRoTUwiIG1hdGhzaXplPSIyMCI+CjxtaT7OlDwvbWk+CjwvbWF0aD4KX mit v = konstant. Der konstante Akzelerator (zu dt.: „Beschleuniger”) gibt an, in welchem Umfang durch Änderungen in der erwarteten Produktion aufgrund veränderter Nachfrage zusätzliche Investitionen induziert werden. Der Akzelerator ist zwar ein Verhaltensparameter, es ist aber nahe liegend, dass die Investitionen sich an den technischen Möglichkeiten orientieren, sodass der Kapitalkoeffizient (MathML (base64):PG1hdGggeG1sbnM9Imh0dHA6Ly93d3cudzMub3JnLzE5OTgvTWF0aC9NYXRoTUwiIG1hdGhzaXplPSIyMCI+CjxtaT7OsjwvbWk+CjwvbWF0aD4K = K/X) als Richtschnur für die Investitionen angesehen werden kann. Der Kapitalkoeffizient gibt an, in welchem Umfang der Kapitalbestand (K) vergrößert werden muss, wenn zusätzliche Nachfrage durch eine Ausweitung der Produktion (X) mithilfe eines normal ausgelasteten Kapitalbestandes befriedigt werden soll. Daraus folgt, dass man sich den Akzelerator am treffendsten als zusammengesetzten Parameter vorstellen muss, der einerseits die technischen Bedingungen, andererseits aber auch ein davon abweichendes Verhalten der Investoren berücksichtigt, das sich z.B. aus deren Risikoeinstellung ergeben kann.

    Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Erwartungsbildung der Investoren zu beschreiben. Die Erwartung bez. der Nachfrageänderung kann sich auf die Differenz zwischen der Nachfrage am Ende dieser Periode (Xt) und der Nachfrage am Ende der letzten Periode (Xt -1) beziehen (Fall b) oder aber auf die Differenz zwischen der Nachfrage am Ende der nächsten Periode (Xt + 1) und der Nachfrage am Ende dieser Periode (Xt) (Fall a).

    b) Um nun zur gleichgewichtigen Wachstumsrate (wX*) zu kommen, bei der sich in jeder Periode das Periodengleichgewicht einstellt, formuliert Harrod die Gleichgewichtsbedingung, setzt die Spar- und die Investitionsfunktion ein und löst die Gleichung nach der Wachstumsrate auf. Daraus folgt für den Fall a:

    St = It (Gleichgewichtsbedingung)

    MathML (base64):PG1hdGggeG1sbnM9Imh0dHA6Ly93d3cudzMub3JnLzE5OTgvTWF0aC9NYXRoTUwiIG1hdGhzaXplPSIyMCI+CjxtaT5zPC9taT4KPG1vPuKLhTwvbW8+Cjxtc3ViPgo8bWk+WDwvbWk+CjxtaT50PC9taT4KPC9tc3ViPgo8bW8+PTwvbW8+CjxtaT52PC9taT4KPG1vPuKLhTwvbW8+CjxtaT7OlDwvbWk+CjxtaT5YPC9taT4KPC9tYXRoPgo=

    MathML (base64):PG1hdGggeG1sbnM9Imh0dHA6Ly93d3cudzMub3JnLzE5OTgvTWF0aC9NYXRoTUwiIG1hdGhzaXplPSIyMCI+CjxtZnJhYz4KPG1yb3c+CjxtaT7OlDwvbWk+CjxtaT5YPC9taT4KPC9tcm93Pgo8bXN1Yj4KPG1pPlg8L21pPgo8bWk+dDwvbWk+CjwvbXN1Yj4KPC9tZnJhYz4KPG1vPj08L21vPgo8bXN1Yj4KPG1pPnc8L21pPgo8bWk+eDwvbWk+CjwvbXN1Yj4KPG1vPuKIlzwvbW8+Cjxtbz49PC9tbz4KPG1mcmFjPgo8bWk+czwvbWk+CjxtaT52PC9taT4KPC9tZnJhYz4KPG1vPi48L21vPgo8L21hdGg+Cg==


    Für Fall b ergibt sich nach einigen Umformungen:

    MathML (base64):PG1hdGggeG1sbnM9Imh0dHA6Ly93d3cudzMub3JnLzE5OTgvTWF0aC9NYXRoTUwiIG1hdGhzaXplPSIyMCI+Cjxtc3ViPgo8bWk+dzwvbWk+CjxtaT54PC9taT4KPC9tc3ViPgo8bW8+4oiXPC9tbz4KPG1vPj08L21vPgo8bWZyYWM+CjxtaT5zPC9taT4KPG1yb3c+CjxtaT52PC9taT4KPG1vPi08L21vPgo8bWk+czwvbWk+CjwvbXJvdz4KPC9tZnJhYz4KPG1vPi48L21vPgo8L21hdGg+Cg==

    Für beide Fälle gilt, dass die Investoren mit einer ganz bestimmten, durch s und v vorgegebenen Wachstumsrate der Nachfrage rechnen müssen, damit sich auch in der folgenden Periode das Periodengleichgewicht einstellt und die gleichgewichtige Wachstumsrate realisiert wird. Gehen die Investoren von einer geringeren Wachstumsrate aus und investieren auch entsprechend weniger, so entsteht in der folgenden Periode ein Angebotsüberschuss, da die Investitionsnachfrage nicht die durch das Sparen entstehende Nachfragelücke schließt. Die Unternehmer korrigieren daraufhin ihre Absatzerwartungen, indem sie für die nächste Periode mit derselben Konstellation, d.h. mit einem geringeren Nachfragezuwachs rechnen (Erwartung, Wachstumstheorie, Geldtheorie). Dadurch verschlimmert sich jedoch die Situation, denn infolge der weiter schrumpfenden Nachfrageerwartung sinken auch die induzierten Investitionen. Es kommt zu einem kumulativen Kontraktionsprozess, der immer weiter weg vom dynamischen Gleichgewichtspfad führt. Für den entgegengesetzten Fall, dass mit einer zu großen Änderung der Nachfrage gerechnet wird, ergibt sich ein kumulativer Expansionsprozess. Die Stabilitätsanalyse der gleichgewichtigen Wachstumsrate zeigt also ihre Instabilität. Sofern auch nur ein einziges Mal „falsche” Erwartungen gebildet werden, führt kein Weg zum dynamischen Gleichgewicht zurück. Harrod spricht deswegen auch vom Wachstum „auf des Messers Schneide”.

    2. Ergänzungen von Domar: Im Wachstumsmodell von Harrod spielt lediglich die Nachfrageseite der Investitionen eine Rolle (Einkommenseffekt der Investitionen). Die Tatsache, dass die Maschinen, sobald sie einmal in den Produktionsprozess integriert sind, auch die Produktionsmöglichkeiten vergrößern, wird vernachlässigt. Diesen Kapazitätseffekt der Investitionen analysiert Domar explizit. Fügt man Domars Analyse in das Harrod-Modell ein, zeigt sich eine verstärkte Instabilität des Harrod-Domar-Modells am augenfälligsten. Jetzt müssen die Unternehmer mit einer ganz bestimmten Wachstumsrate der Nachfrage rechnen, sodass sie durch ihre Investitionen genau die notwendigen Kapazitäten zur Befriedigung der Nachfrage schaffen. So wird das Harrod-Paradoxon bestätigt, das besagt, dass unterausgelastete Kapazitäten nicht dadurch entstehen, dass zu viel, sondern dass zu wenig investiert wird.

    3. Beurteilung: Mit dem Harrod-Domar-Modell ist es zwar gelungen, einen gleichgewichtigen Wachstumspfad abzuleiten, aber dieser ist instabil; jede Störung führt zu einer dauerhaften Abweichung nach „oben” oder nach „unten”. Der Grund liegt darin, dass das Modell gänzlich auf stabilisierende Faktoren verzichtet. Eine Nachfrageerhöhung wird vollständig über eine steigende Produktionsmenge kompensiert, egal, ob die Kapazitäten vorher ausgelastet waren oder nicht. Dadurch, dass die Preise konstant sind, kann die Nachfrage auch nicht in Form höherer Preise verpuffen. Auch die dämpfende Wirkung steigender Zinsen kommt nicht zum Tragen, da es keinen Geldmarkt gibt, der dies auslösen könnte. Die Realität bestätigt jedoch nicht das Katastrophenszenario, das sich hieraus ergibt.

    Vgl. auch postkeynesianische Wachstumstheorie.

    zuletzt besuchte Definitionen...

      Mindmap Harrod-Domar-Modell Quelle: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/harrod-domar-modell-35884 node35884 Harrod-Domar-Modell node32328 Geldtheorie node35884->node32328 node36453 Harrod node35884->node36453 node42369 postkeynesianische Wachstumstheorie node35884->node42369 node36418 Domar node35884->node36418 node32858 Erwartung node35884->node32858 node49032 Wachstumstheorie node35884->node49032 node32540 Geld node32328->node32540 node38052 Keynesianismus node32328->node38052 node42369->node38052 node35382 Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals node42369->node35382 node42369->node49032 node31119 Arbeitsmarkttheorien node42369->node31119 node36418->node36453 node36418->node42369 node36418->node49032 node39620 Inflation Targeting node39620->node32328 node34043 Geldpolitik node34043->node32328 node35382->node49032 node40665 Neue Makroökonomik node32858->node40665 node40302 Multiplikatorprozess node40302->node49032 node43852 Smith node27867 Bruttoinlandsprodukt (BIP) node49032->node43852 node49032->node27867 node54363 adaptive Erwartungen node54363->node32858 node54364 statische Erwartungen node54364->node32858 node40448 Myrdal node40448->node32858
      Mindmap Harrod-Domar-Modell Quelle: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/harrod-domar-modell-35884 node35884 Harrod-Domar-Modell node32858 Erwartung node35884->node32858 node49032 Wachstumstheorie node35884->node49032 node32328 Geldtheorie node35884->node32328 node36418 Domar node35884->node36418 node42369 postkeynesianische Wachstumstheorie node35884->node42369

      News SpringerProfessional.de

      • "Freibeträge in Abfindungsregelungen wieder einführen"

        Seit 1. Januar gilt die Institutsvergütungsverordnung (IVV). Mit ihr wurden in erster Linie die Anforderungen der Leitlinien der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde EBA für eine solide Vergütungspolitik in deutsches Recht umgesetzt. Wie sich das auf die Personal- und Abfindungsstrategien bei den Banken auswirkt, erklärt Jurist Christoph Abeln im Interview.

      • So teuer wird der Fachkräftemangel

        Dass der Fachkräftemangel die deutsche Wirtschaft bremst, ist nicht neu. Allerdings war bislang nicht klar, wie sehr fehlendes Personal zu Buche schlägt. Einer Studie zufolge drohen bis zum Jahr 2030 wirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe. 

      • KMU zögern bei tiefgreifender Digitalisierung

        Der digitale Wandel wirkt sich auf die gesamte Wertschöpfungskette aus. Viele kleine und mittelständische Unternehmen haben das nicht vollends erkannt, weshalb sie sich auf die Optimierung einzelner interner Prozesse versteifen.

      • Welche Themen CFOs 2018 bewegen

        Die Wirtschaftslage für deutsche Unternehmen ist gut. Dennoch gibt es einige Themen, die CFOs Kopfzerbrechen bereiten. Was steht auf der Agenda der Finanzvorstände ganz oben für die kommenden Monate?

      Autoren der Definition und Ihre Literaturhinweise/ Weblinks

      Dr. Andreas Schäfer
      Universität Leipzig, Institut für Theoretische Volkswirtschaftslehre
      Akademischer Rat

      Literaturhinweise SpringerProfessional.de

      Springer Professional - Die Flatrate für Fachzeitschriften und Bücher
      Die funktionale Einkommensverteilung spielte in der Ökonomie sehr früh eine Rolle. Vor allem bei Ricardo (1817) und Marx (1867) finden sich diesbezüglich ausführliche Überlegungen. Beide Ansätze wirkten bis ins 20. Jahrhundert auf Modelle zur …
      Der Beitrag präsentiert wesentliche Aspekte des bildungsökonomischen Wissens. Im ersten Abschnitt werden grundlegende Begriffe, Konzeptionen und zentrale Merkmale bildungsökonomischen Denkens erläutert. Der zweite Abschnitt widmet sich den …
      Die beiden Modelle des Vorkapitels, das Domar-Modell und das Harrod-Modell, offerieren uns zwar ein interessantes Erklärungsmuster des wirtschaftlichen Entwicklungsprozesses, ihr theoretischer Ansatz bzw. ihre Ergebnisse sind jedoch …

      Sachgebiete