Direkt zum Inhalt

Unternehmensstrafrecht

Definition

Die Einführung eines allgemeinen Unternehmensstrafrechts in Deutschland, auch Verbandsstrafrecht genannt, war und ist immer wieder Gegenstand von Reformüberlegungen. Die Straffähigkeit juristischer Personen wurde in Deutschland schon Mitte der 1950er Jahre kontrovers diskutiert. Es geht darum, das deutsche Strafrecht auch auf Unternehmen selbst auszudehnen. In etlichen ausländischen Rechtsordnungen ist das so vorgesehen, es können dort Unternehmen sanktioniert werden. Bereits im Jahr 2013 gab es für Deutschland einen diesbezüglichen Gesetzentwurf des Landes NRW. Die im Frühjahr 2018 amtierende  Bundesregierung hat sich das ebenfalls auf die Fahne geschrieben. Laut Koalitionsvertrag vom 12.3.2018 soll gelten„...Wir werden sicherstellen, dass bei Wirtschaftskriminalität grundsätzlich auch die von Fehlverhalten von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern profitierenden Unternehmen stärker sanktioniert werden“. Auch Unternehmen selbst sollen demnach nach den Regierungsabsichten "bestraft" (in der Terminologie heißt es insoweit meistens sanktioniert) werden können. Hintergrund sind u.a. die scheinbar nicht enden wollenden Auswüchse und Fehlentwicklungen von kriminellem Managerverhalten (vgl. auch bei Dieselfahrverbot). Dem soll gezielter, stärker und zusätzlich dort mit den Mitteln des Strafrechts entgegen getreten werden, wo die Vorteile weitgehend generiert werden - bei den Unternehmen. Das bestehende gesetzliche Instrumentarium - Verfolgungsmöglichkeit als Ordnungswidrigkeit (vgl. §§ 30, 29a, 130 OWiG) - wird als unzureichend empfunden. Eine Umstellung bedarf konzeptioneller Neuüberlegungen zum Strafrecht.

GEPRÜFTES WISSEN
Über 200 Experten aus Wissenschaft und Praxis.
Mehr als 25.000 Stichwörter kostenlos Online.
Das Original: Gabler Wirtschaftslexikon

zuletzt besuchte Definitionen...

    Ausführliche Definition

    Inhaltsverzeichnis

    1. Allgemein
    2. Aktuelle Rechtslage nach dem OWiG
    3. Eigene Wertungen

    Allgemein

    Die Einführung eines allgemeinen Unternehmensstrafrechts in Deutschland, auch Verbandsstrafrecht genannt, war und ist immer wieder Gegenstand von Reformüberlegungen. Es geht darum, das deutsche Strafrecht auch auf Unternehmen selbst auszudehnen. In etlichen ausländischen Rechtsordnungen ist das so vorgesehen, es können dort Unternehmen sanktioniert werden. Bereits im Jahr 2013 gab es für Deutschland einen diesbezüglichen Gesetzentwurf des Landes NRW. Die im Frühjahr 2018 amtierende  Bundesregierung hat sich das ebenfalls auf die Fahne geschrieben. Laut Koalitionsvertrag vom 12.3.2018 soll gelten: „...Wir werden sicherstellen, dass bei Wirtschaftskriminalität grundsätzlich auch die von Fehlverhalten von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern profitierenden Unternehmen stärker sanktioniert werden“. Auch Unternehmen selbst sollen demnach nach den Regierungsabsichten "bestraft" (in der Terminologie heißt es insoweit meistens sanktioniert) werden können. Hintergrund sind u.a. die scheinbar nicht enden wollenden Auswüchse und Fehlentwicklungen von kriminellem Managerverhalten (vgl. auch bei Dieselfahrverbot). Dem soll gezielter, stärker und zusätzlich dort mit den Mitteln des Strafrechts entgegen getreten werden, wo die Vorteile weitgehend generiert werden - bei den Unternehmen. Das bestehende gesetzliche Instrumentarium - Verfolgungsmöglichkeit als Ordnungswidrigkeit (vgl. §§ 30, 29a, 130 OWiG) - wird als unzureichend empfunden. Eine Umstellung bedarf konzeptioneller Neuüberlegungen zum Strafrecht.
    Unternehmer kann eine natürliche oder eine juristische Person oder eine rechtsfähige Personengesellschaft sein (§ 14 I BGB). Rechtssubjekte nach deutschem Recht sind natürliche Personen und juristische Personen (vgl. etwa §§ 1 ff. und §§ 21 ff. BGB). Natürliche und juristische Personen sind beide "rechtsfähig", können also Träger von Pflichten und Rechten sein. Juristische Personen sind allerdings bloße Fiktionen. Zwar erlangen sie als virtuelle, menschliche Kunstschöpfungen die Ausstattung und die rechtlichen Möglichkeiten, wie natürliche Personen am Rechtsverkehr teilnehmen zu können. Dieser allgemeine Gedankengang ist jedoch mit Bezug auf das geltende Strafrecht nicht vollzogen. Beim deutschen Strafrecht heutiger Konzeption steht allein der Mensch (natürliche Person) als Rechtssubjekt im Mittelpunkt. Auch wenn die Juristerei im Gefolge des Stichworts Künstliche Intelligenz längst zu möglichen Erweiterungen der Schaffung einer zusätzlichen "elektronischen Person", neben juristischen Personen, forscht (z.B. für selbst lernende Fahrroboter im Auto) - juristische Personen als solche sind aufgrund nach wie vor gültiger richterlicher Feststellung, aufgrund des aktuell geltenden Rechtsverständnisses, nicht handlungsfähig (BVerfGE 20, 323, 335 f.; Beschluss vom 25.10.1966). Sie bedürfen, rein tatsächlich, natürlicher Personen (Menschen), die für sie handeln. Es gilt daher nach aktuellem Rechtsverständnis mit Bezug auf Bestrafung nach wie vor: "Bestraft oder mit Buße belegt werden kann die Gesellschaft als solche nicht." (BGHSt. 3, 130, 132, Beschluss vom 11.7.1952). Strafrechtliche Normen beziehen sich damit allein auf Menschen als natürliche Personen. Bei Verwirklichung kann für einen Menschen, auf Basis seiner persönlichen Schuld (nulla poena sine culpa - keine Strafe ohne Schuld), Bestrafung, auch in der Form von Freiheitsentzug im Gefängnis (§ 38 StGB), die Folge sein. Dieser persönlichkeitsbezogene Aspekt bereitet bei der Umsetzung auf juristische Personen aufgrund von deren Fiktionalität mindestens gedankliche Schwierigkeiten. Man tut sich auch rechtlich schwer damit, diesen Aspekt auf juristische Personen zu übertragen. Das wirkliche Leben, auch in unserem modernen Zeitalter, ist zudem auch noch nicht so weit, filmisch präsentierte Möglichkeiten umsetzen zu können. Weil man sog. Avatare als lebensechte Akteure für juristische Personen nicht einsetzen kann, um für jene eine Gefängnisstrafe abzusitzen (für manch findigen Manager wäre die Realisierbarkeit einer solchen Möglichkeit sicher der Königsweg, den er seinem Unternehmen anraten würde), können sich Reformüberlegungen bei der Sanktionsform nur auf die Verhängung von Geldstrafe gegenüber Unternehmen beziehen.

    Aktuelle Rechtslage nach dem OWiG

    Auch wenn schon ohne die Neuregelung eines Unternehmensstrafrechts durch den Einsatz der bestehenden gesetzlichen Mittel nach OWiG durchaus erkleckliche Beträge erzielt werden können (siehe etwa die Geldbuße von 1 Mrd. € gegenüber VW wegen des Dieselskandals im Frühjahr 2018), wird das als unzureichend angesehen. Die Bußgeldhöhe ist gesetzlich auf nur zehn Millionen Euro begrenzt (vgl. § 30 Abs. 2 Nr. 1 OWiG). Wegen der Schwere der Schuld mitunter angezeigte Mehrbeträge, so mutmaßlich auch im Fall Volkswagen, können nur über die Abschöpfungsvorschrift des § 29a OWiG ("Einziehung des Wertes von Taterträgen") erzielt werden. Das kann durch die Einführung einer entsprechend anders konzipierten Geldstrafe korrigiert werden. Diese Korrektur tut insbesondere auch deshalb Not, weil es das bei Verfahren nach dem OWiG geltende Opportunitätsprinzip (§ 47 Abs. 1 OWiG) nur ins pflichtgemäße Ermessen der Verfolgungsbehörde stellt, ob es überhaupt zur Bußgeldverhängung kommt oder nicht. Das ist bei Strafverfahren aufgrund von Strafvorschriften anders, hier gilt das Legalitätsprinzip, hier muss die Strafverfolgungsbehörde verfolgen, wenn hinreichender Tatverdacht vorliegt (vgl. §§ 152 Abs. 2, 170 Abs. 1 StPO).

    Eigene Wertungen

    a) Selbst wenn man, so der Autor, absoluten Straftheorien gegenüber einigermaßen reserviert gegenübersteht - es muss hier ein Zeichen gesetzt werden. Die Einführung eines Unternehmensstrafrechts ist geboten und damit zu befürworten. Mit der Fiktionalität juristischer Personen und dem rechtlichen Nebeneinander und der rechtlichen Dualität zu dahinter stehenden natürlichen Personen gehen, soziologisch gesehen, zwar trotzdem auch Parallelitäten und (Teil-)Identitäten einher. Top-Manager, das gilt insbesondere für Vorstände, sind in der Praxis de facto oft das Unternehmen, sie sind mit ihm nach der Eigen- und nach der Fremdwahrnehmung identisch, sie verkörpern es. Das ist auch so bei kleinen Unternehmen, wie z.B. einer Einmann-GmbH. Als anzustrebender Effekt ist eine solche Identifikation grundsätzlich als positiv zu begrüßen. Nimmt das ganze jedoch ungute, negative Entwicklungen, indem z.B. Manager die ihnen zukommende Rolle als Gutsverwalter für die Eigentümer (vgl. auch bei Agency-Theorie und bei Prinzipal-Agent-Theorie) mit der eines Gutsherren tauschen und sich dazu dann noch von ihnen zu verantwortende unabgestimmte, risikoträchtige Maßnahmen gesellen, läuft das unweigerlich auf das Entstehen von Zielkonflikten zu. Das spätestens dann, wenn sich das Führungsmanagement, unkontrolliert durch einen Aufsichtsrat (dieser ist nach der Agenturtheorie ebenfalls ein Agent der Eigentümer), Unkorrektheiten bis hin zu Rechtsverstößen leistet. Dann jedenfalls greift die juristische Differenzierung. Weil es natürliche Personen sind, die für juristische Personen handeln, stellen sich dann für das privatrechtliche Rechtsverhältnis zwischen beiden (etwa zu Schadensersatzansprüchen gegen den - inzwischen ausgeschiedenen - Manager, vgl. dazu die Ausführungen zur Haftung bei Aufsichtsrat) und auch im betroffenen Bereich des Strafrechts Themen. Beim Strafrecht steht, wie eh und je, der Manager in der Verantwortung. Ohne die Klaviatur der verschiedenen Straftheorien mit dem Sinn und Zweck des Strafens hier jetzt zu bedienen (vgl. dazu Jörg Berwanger, ZRP 2016, 56): Es muss zusätzlich zu der Strafverfolgung gegen natürliche Personen möglich sein, dass der staatliche Sanktionsanspruch auch dort eingreift, wo die durch eine Straftat erlangten Vorteile hauptsächlich entstanden sind, bei den Unternehmen selbst. Ganz abgesehen davon, dass es am Ende immer natürliche Personen sind, die dahinter stehen - beispielhaft seien hier die Aktionäre einer AG genannt - eine Strafsanktionierung von Unternehmen darf jedenfalls nicht an deren Rechtsnatur in Form von juristischen Personen scheitern. Zwar sind es - wie sehr oft im strafrechtlichen Bereich - relativ gesehen nur wenige, die mit ihrem Verhalten eine allgemeine staatliche Gegen-Reaktion provozieren. Bekanntlich verdirbt aber schon ein faules Ei das ganze Omelette, mehrere faule Eier tun das allemal. Dem Interesse der staatlichen Gemeinschaft an der Erhaltung ihrer Grundwerte und an der Bewahrung des Rechtsfriedens kann jedenfalls nur dadurch Rechnung getragen werden, dass die Rechtsordnung bestimmte sozialschädliche Verhaltensweisen bei Strafe verbietet (in diesem Sinne die Rechtsprechung des BVerfG, vgl. sinngemäß etwa bei BVerfGE 51, 324, 343, Beschluss vom 19.6.1979). Solch weitreichende und hehre Postulate sollten nicht an - umgestaltbaren - rechtlichen Formalien scheitern, insbesondere dürfen sie nicht gegenüber selbst geschaffenen Fiktionen kneifen.


    b) Aufsehen erregende öffentliche Skandalfälle bieten im Übrigen oft soziologisch-psychologische Fundgruben zur Abgehobenheit von Unternehmen und ihrem Führungspersonal, die - gleichsam einsamen Flugkörpern im Orbit kreisend - mit drastisch negativen Governance-Beispielen und entsprechendem Kommunikationsgehabe aufwarten. Volkswagen (und andere Dieselspezialisten) ist ein solch gravierendes Beispiel, das in der Wahrnehmung des immer wieder aufs Neue ins Staunen versetzten Publikums eine Hybris offenbart, die dem bloßen Gutsherrenfeudalstatus in Richtung eines absoluten Monarchentums entwachsen ist. Dabei hat jedes kleine Kind längst erkannt, dass der Kaiser ja gar keine Kleider trägt. Auch insofern ist die Einführung eines Unternehmensstrafrechts geboten, nicht zuletzt um die handelnden natürlichen Personen wieder zu erden und davon überzeugen zu können, dass sie ihr Management korrekt und rechtskonform betreiben müssen. Denn ansonsten drohen ihnen künftig aufgrund eines neuen Unternehmensstrafrechts, nach dessen Einführung, als Regressfolgen Schadensersatzansprüche "ihrer" Unternehmen in ganz anderen Dimensionen, als das bisher der Fall ist (vgl. hierzu die Hinweise bei Haftung beim Stichwort Aufsichtsrat). 

    zuletzt besuchte Definitionen...

      News SpringerProfessional.de

      • Exportentwicklung Werkzeugmaschinen

        Ein aktueller Quest Report verbindet Exportmärkte und Durchschnittswerte von Werkzeugmaschinen in Euro und die Wirkung auf die Exporte nach China seit 2008. Steigende Durchschnittswerte von Werkzeugmaschinen gehen demnach mit rückläufigen Exporten nach China einher.

      • Banken genießen großes Vertrauen ihrer Kunden

        72 Prozent der Bankkunden in Deutschland gehen davon aus, dass Kreditinstitute mit ihren persönlichen Daten sorgsam umgehen. Keine andere Branche genießt einer aktuellen Umfrage zufolge höheres Vertrauen.

      • Neue Aufgaben für die Zentrale der Zukunft

        Unternehmen müssen agil und innovativ sein. Das althergebrachte Headquarter, von dem aus alles zentral gesteuert werden soll, scheint dazu nicht passen zu wollen. Muss die Unternehmenszentrale neu erfunden werden? 

      • So geht erfolgreiches Lead Nurturing im B2B-Segment

        Wenn nicht nur Leads, sondern in Folge auch Käufer generiert werden, ist von Lead Nurturing die Rede. Im B2B-Bereich müssen E-Mail-Marketer dafür besonders strategische sowie kontinuierliche Beziehungsarbeit leisten.

      • Globales E-Invoicing ist Herausforderung für Unternehmen

        Unternehmen sind aufgrund staatlicher Vorgaben zunehmend dazu verpflichtet, ihre Rechnungen elektronisch zu erstellen. Doch in jedem Land gelten andere rechtliche Regelungen. Entsprechend komplex gestalten sich die Prozesse. Erster Teil des Gastbeitrags.

      • Auf dem Rechtsweg ins Verderben

        Wer seinen Markt als Eigentum betrachtet und Neueinsteiger juristisch bekämpfen will, kann nur verlieren, meint Springer-Autor und Zukunftsmanager Heino Hilbig. Denn die Klage eines Taxifahrers gegen Moia wird neue Verkehrskonzepte nicht verhindern. 

      • Mit Location Based Marketing auf Neukundenfang

        Deutsche Marketing-Manager sehen in standortbasierter Werbung die Brücke, um Konsumenten online wie offline anzusprechen. Vor allem für die Neukundengewinnung setzen sie auf das Marketinginstrument.

      • Wie der Arbeitsplatz von morgen aussehen wird

        Während der Industrialisierung wanderte die Arbeit aus dem Haushalt in die Fabrik. Heute klopft sie wieder an die Haustür. Die Möglichkeit zu mehr zeitlicher und örtlicher Flexibilität, beispielsweise zur Arbeit im Homeoffice, macht vor keiner Branche mehr halt.

      • Java und JavaScript sind die beliebtesten Programmiersprachen

        Die meisten Softwareingenieure setzen auf Java und JavaScript, wenn es um die Entwicklung von Unternehmensanwendungen geht. Die angeblichen "In"-Programmiersprachen Python & Co. liegen in der Beliebtheitsskala teils weit abgeschlagen hinter den Klassikern.

      • Diese digitalen Marken sind top

        Digitale Dienste dominieren immer stärker die Markenwelt. In den Top 25 der relevantesten Marken Deutschlands machen sich analoge Marken eher rar.

      Autoren der Definition und Ihre Literaturhinweise/ Weblinks

      Dr. Dr. Jörg Berwanger
      STEAG New Energies GmbH, Saarbrücken
      Commercial Project Manager

      Literaturhinweise SpringerProfessional.de

      Springer Professional - Die Flatrate für Fachzeitschriften und Bücher
      Das notwendige Korrelat zu der Annahme des vorangegangenen Kapitels, daß nur Menschen von Strafnormen ansprechbar und steuerbar sind und demzufolge nur die menschlichen Elemente des Unternehmenssystems als ontologische Adressaten der an das …
      Vor dem Hintergrund vergangener, gegenwärtiger und fortdauernder Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Aktivitäten von Unternehmen haben sich eine Vielzahl diverser, sich teils überschneidender und auch ergänzender …
      Die Emergenz korporativer Akteure ist eine institutionelle Tatsache im Sinne John Searles. Solche Tatsachen werden hervorgebracht durch performative Sprechakte – einschließlich „Taten‐sprechen‐lassen“ – des Typs „X zählt als Y im Kontext K“.

      Sachgebiete