Direkt zum Inhalt

Prinzipal-Agent-Theorie

Definition

Die Prinzipal-Agent-Theorie untersucht Wirtschaftsbeziehungen, in denen ein Geschäftspartner Informationsvorsprünge gegenüber den anderen aufweist. Diese Informationsasymmetrien bewirken Ineffizienzen bei der Vertragsbildung oder Vertragsdurchführung und führen unter Umständen zu Marktversagen, können jedoch durch geeignete Formen der Vertragsgestaltung zumindest partiell überwunden werden.

GEPRÜFTES WISSEN
Über 200 Experten aus Wissenschaft und Praxis.
Mehr als 25.000 Stichwörter kostenlos Online.
Das Original: Gabler Wirtschaftslexikon

zuletzt besuchte Definitionen...

    Ausführliche Definition

    Inhaltsverzeichnis

    1.  Begriff
    2. Merkmal Informationsasymmetrie
    3. Die bedeutendsten Varianten der Prinzipal-Agent-Theorie
      1. Das Grundmodell mit versteckter Handlung
      2. Dynamische Modelle mit versteckter Handlung
      3. Versteckte Handlung mit mehreren Agenten
      4. Versteckte Handlung mit mehreren Aufgaben
      5. Grundmodell der Adverse Selection

     Begriff

    Zweig der Agency-Theorie, dessen Schwerpunkt im Gegensatz zur positiven Agency-Theorie auf der Entwicklung und Analyse mathematischer Prinzipal-Agent-Modelle liegt.

    Merkmal Informationsasymmetrie

    Wesentliches Merkmal der Prinzipal-Agent-Theorie ist die Annahme, dass Prinzipal und Agent asymmetrisch informiert sind (Informationsasymmetrie). Dabei werden drei Arten asymmetrischer Informationen unterschieden.

    • Kann der Prinzipal die Handlungen des Agenten nicht beobachten und kann er auch im Nachhinein nicht zweifelsfrei auf die Handlung des Agenten zurückschließen, liegt ein Prinzipal-Agent-Modell mit versteckter Handlung (Hidden Action) vor.
    • Ist dem Prinzipal im Gegensatz zum Agenten der Umweltzustand nicht bekannt, von dem es abhängt, welche beobachtbare Aktion der Agent wählen sollte, so spricht man von versteckter Information (Hidden Information). Beide Informationsasymmetrien treten ex post auf, d.h. zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses verfügen Prinzipal und Agent noch über die gleichen Informationen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Modellen des moralischen Wagnisses (Moral Hazard).
    • Verfügt der Agent bereits zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses über Informationen im Hinblick auf seinen Typ (etwa seine Leistungsfähigkeit, seine Leistungswilligkeit oder die Qualität eines von ihm angebotenen Produkts), die der Prinzipal nicht hat, so handelt es sich um ein Prinzipal-Agent-Modell mit versteckten Eigenschaften (Hidden Characteristics). Im Schrifttum werden Modelle dieses Typs auch unter Adverse Selection subsumiert.

    Die bedeutendsten Varianten der Prinzipal-Agent-Theorie

    Das Grundmodell mit versteckter Handlung

    Der Agent hat hier einen Anreiz, seinen Wissensvorsprung zur Verfolgung eigener Ziele (z.B. „Müßiggang”) auszunutzen. Um dies zu umgehen werden Anreizverträge abgeschlossen, die die Entlohnung des Agenten von seiner gemessenen Leistung abhängig machen. Die leistungsabhängige Bezahlung bürdet dem Agenten Agency-Kosten in Form eines unsicheren Einkommens (Risikokosten) auf, da nicht nur der Einsatz des Agenten über das letztendliche Ergebnis seiner Bemühungen entscheidet. Ein idealer Anreizvertrag balanciert die entstehenden Risikokosten mit den Kosten aus den Fehlanreizen zur Verfolgung eigener Ziele aus. Folglich werden die Verträge i.Allg. nicht die maximal mögliche Anreizintensität aufweisen, sondern auch eine Versicherungskomponente, die die Einkommensschwankungen des Agenten begrenzt.

    Dynamische Modelle mit versteckter Handlung

    Gegenstand der dynamischen Prinzipal-Agent-Theorie ist die Analyse langfristiger Prinzipal-Agent-Beziehungen. Statische Prinzipal-Agent-Modelle sind mit der Kritik konfrontiert worden, sie würden das Problem der Bereitstellung von Anreizen überzeichnen, weil die Rolle der Zeit ausgeblendet werde. Da der Markt -so das Argument- Indikatoren der Leistung (Performance) eines Agenten im Zeitverlauf verfolge, würden Marktkräfte dafür sorgen, dass sich das erzielbare Einkommen der Agenten automatisch an die in der Vergangenheit realisierte Leistung anpasse.

    In frühen Arbeiten konnte gezeigt werden, dass bei unendlicher undiskontierter Wiederholung einer statischen Prinzipal-Agent-Beziehung ein Vertrag „mit Gedächtnis” gefunden werden kann, der den risikoscheuen Agenten vollständig gegen Einkommensschwankungen absichert und zugleich perfekte Aktionsanreize bereitstellt. Agency-Kosten treten demnach bei einer Folge kurzfristiger Verträge auf, nicht jedoch bei einem optimalen langfristigen Vertrag. D. Fudenberg, B. Holmstrom und P. Milgrom zeigen jedoch, dass im Fall eines perfekten Kapitalmarktes der Agent über diesen eine perfekte Absicherung gegen Risiken vornehmen kann, sodass auch eine Abfolge kurzfristiger Verträge optimale Ergebnisse erzielen könnte.

    Wird die unrealistische Annahme einer unendlichen undiskontierten Wiederholung der Prinzipal-Agent-Beziehung aufgehoben, so sind die Agency-Kosten i.Allg. auch in langfristigen Beziehungen positiv. Die grundsätzlichen Einsichten statischer Prinzipal-Agent-Modelle haben somit i.Allg. auch in langfristigen Beziehungen Bestand. Darüber hinaus zeigt die dynamische Prinzipal-Agent-Theorie eine Reihe weiterer Gesichtspunkte zur konkreten Vertragsgestaltung auf und analysiert auch die Wirkung von Sperrklinkeneffekten (Ratchet Effect). Hier wird ein Anreiz beim Agenten untersucht, die individuellen Leistungen zurückzuhalten, um zu vermeiden, dass der Prinzipal in Anbetracht hoher Leistung in der Vergangenheit die Leistungsstandards für die zukünftige Arbeit erhöht.

    Versteckte Handlung mit mehreren Agenten

    Prinzipal-Agent-Beziehungen mit einem Prinzipal und mehreren Agenten sind in der Realität häufig anzutreffen, besonders in Unternehmen. Hier zeigen sich einige weitere neue Aspekte:

    • Kann lediglich die Leistung eines gesamten Teams durch Indikatoren erfasst werden, so ergibt sich das Problem des moralischen Wagnisses in Teams.
    • Sind individuelle Leistungsindikatoren verfügbar, so kommt eine relative Leistungsbeurteilung in Betracht.

    • Schließlich ist denkbar, dass die Agenten ihr Verhalten untereinander abstimmen, um den unangenehmen Wettbewerb durch relative Leistungsbewertung auszuhebeln.

    Versteckte Handlung mit mehreren Aufgaben

    In den meisten Tätigkeiten muss ein Agent mehr als nur eine Aufgabe erfüllen. So muss etwa ein Industriearbeiter häufig nicht nur möglichst viel produzieren, sondern auch die Wartungsarbeiten an den von ihm genutzten Maschinen durchführen. Der Umstand, dass mehrere Tätigkeiten von einem Agenten zu erledigen sind, erschwert die Anreizsetzung erheblich. Geht man davon aus, dass es ökonomisch unverzichtbar ist, dass der Agent sich nicht nur einer seiner Aufgaben widmet, sondern allen, so ist das Lenkungsprinzip (Prinzip der übereinstimmenden Entlohnung, Equal Compensation Principle) einzuhalten. Dieses besagt, dass ein Agent für alle seine Tätigkeitsbereiche gleichermaßen gut entlohnt werden muss. Die Anreizintensität muss mithin für alle Aufgaben gleich hoch sein. Wäre dies nicht der Fall, so würde sich der Agent gegebenenfalls nur auf die Erfüllung einer seiner Aufgaben konzentrieren, die anderen hingegen vernachlässigen. Aus dieser Einsicht ergibt sich, dass es aus Sicht des Prinzipals optimal sein kann, gänzlich auf die Setzung von Leistungsanreizen zu verzichten, selbst wenn eine der Aufgaben vergleichsweise gut gemessen werden kann! An dieser Stelle ergibt sich ein Ansatzpunkt zu einer Theorie der optimalen Arbeitsplatzbeschreibung, die die soeben geschilderten Einsichten verstärkt zu berücksichtigen hat. So empfiehlt die Mehraufgaben-Prinzipal-Agent-Theorie, Aufgaben mit geringem Zufallseinfluss, also solche, die leichter messbar sind, zusammenzufassen, sodass durch eine derartige Kombination der Aufgaben eine höhere Anreizintensität erzielt werden kann. Ein solches Job-Design ist jedoch nur dann optimal, wenn keine substanziellen Verbundvorteile zwischen leichter und schwieriger messbaren Aufgaben vorliegen, die die Vorteile von Anreizverträgen dominieren.

    Grundmodell der Adverse Selection

    Im Modell der Adverse Selection geht es um das Problem, Transaktionen durchzuführen, bei denen im Vorfeld des Vertragsabschlusses eine Seite mehr um die Eigenschaften des Vertragsobjektes weiß als die andere. Als Standardbeispiel wird hier regelmäßig der Verkauf eines gebrauchten Autos angeführt, über dessen Qualität der Verkäufer naturgemäß besser informiert ist als der Käufer. Dies kann, so hat Akerlof, Nobelpreisträger im Jahr 2001, in seinem Beitrag aus dem Jahr 1970 gezeigt, zum Marktzusammenbruch führen. Verschiedene Modelle behandeln, wie dieses unerwünschte Ereignis durch entsprechende Maßnahmen vermieden werden kann.

    zuletzt besuchte Definitionen...

      Mindmap Prinzipal-Agent-Theorie Quelle: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/prinzipal-agent-theorie-42910 node42910 Prinzipal-Agent-Theorie node31542 Agency-Theorie node42910->node31542 node41233 Informationsasymmetrie node31542->node41233 node41233->node42910 node40012 Informationsökonomik node40012->node31542 node44119 Prinzipal node44119->node42910 node44119->node31542 node43604 positive Agency-Theorie node43604->node31542 node36656 Hidden Action node36656->node42910 node36656->node41233 node41628 Moral Hazard node36656->node41628 node41628->node42910 node49007 Tournamententlohnung node49007->node42910 node49007->node41628 node31119 Arbeitsmarkttheorien node49007->node31119 node46805 Senioritätsentlohnung node49007->node46805 node31119->node42910 node47646 versteckte Eigenschaft node47646->node42910 node47646->node41233 node47594 versteckte Handlung node47594->node42910 node47594->node41233
      Mindmap Prinzipal-Agent-Theorie Quelle: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/prinzipal-agent-theorie-42910 node42910 Prinzipal-Agent-Theorie node31542 Agency-Theorie node42910->node31542 node36656 Hidden Action node36656->node42910 node49007 Tournamententlohnung node49007->node42910 node47646 versteckte Eigenschaft node47646->node42910 node47594 versteckte Handlung node47594->node42910

      News SpringerProfessional.de

      • Psychopath und Psychopath gesellt sich gern

        Menschen mit psychopathischen Tendenzen sind unter rüden Chefs zu Bestleistungen fähig, so eine Studie. Was nach einer Win-Win-Situation für stressige Arbeitsumfelder klingt, hat auch seine Kehrseiten.

      • Wie agil sind Unternehmen wirklich?

        Großunternehmen und Konzerne müssen große Veränderungen bei der Entwicklung und Umsetzung von digitalen Kundenstrategien bewältigen. Customer Experience-Verantwortliche sehen hier noch zuviel Silodenken in den Unternehmen.

      • Was Made in China 2025 für Europa bedeutet

        Europäische Manager schauen häufig nur nach Westen, wenn sie auf der Suche nach den neuesten Trends sind. Dagegen sollten wir unseren Blick viel stärker nach Osten – genauer nach China – ausrichten, wenn wir erkennen wollen, welche Entwicklungen die Welt herausfordern werden, meint Springer-Autor Ralf T. Kreutzer.

      • "Im Einkauf erwarte ich für KI noch einen großen Schub"

        Die Wolf GmbH hat die digitale Transformation im Einkauf stark vorangetrieben. Der Systemanbieter für Heiz-, Klima- und Lüftungstechnik fördert schnelle Prozesse durch technologischen und organisatorischen Fortschritt, so Purchasing Director Ernst Kranert im Interview.

      • Warum Unternehmen ein Fehlermanagement brauchen

        Fehler werden mit schlampiger Arbeit assoziiert. Dabei haben sie häufig mit belastenden Situationen in Unternehmen zu tun. Wie Manager mit Fehlern umgehen sollten und was sie von Piloten lernen können, beschreibt Gastautor Jan U. Hagen.

      • Was der DSGVO den Schrecken nimmt

        DSGVO-Alarm über Deutschland: Überquellende digitale Postfächer. Schulen, Vereine, Blogger und kleine Unternehmen schließen ihre Webseiten. Manager und Vorstände fürchten säbelwetzende Abmahnanwälte. 

      • Wenn alte IT-Technik der Digitalisierung im Weg steht

        In vielen Unternehmen kommt oft Jahre alte Hard- und Software zum Einsatz, die so genannte Legacy. Für digitale Innovationen ist das eine große Hürde. Thomas Hellweg, Geschäftsführer DACH beim IT-Infrastruktur-Spezialisten Tmaxsoft, empfiehlt Unternehmen, notwendige Modernisierungen in sechs Schritten anzugehen.

      • Um Vielfalt zu steigern, ist weniger mehr

        Für Unternehmen, die Vielfalt in Belegschaft und Führung steigern wollen, haben wenige, gezielte Maßnahmen meist einen größeren Effekt als ein umfangreicher Aktivitätenkatalog. Voraussetzung dafür ist jedoch das Wissen um die erforderlichen Veränderungen und klare Ziele, so Gastautorin Veronika Hucke.

      Autoren der Definition und Ihre Literaturhinweise/ Weblinks

      Prof. Dr. Mathias Erlei
      TU Clausthal,
      Institut für Wirtschaftswissenschaft
      Universitätsprofessor
      Dr. Udo Schmidt-Mohr
      Deka Investment GmbH
      Geschäftsführer

      Bücher

      Hart, O./Holmstrom, B.: The theory of contracts
      Cambridge 1987, 1987, S. in: Bewley, T. (Hrsg.): Advances in economic theory, S. 71-155

      Zeitschriften

      Holmstrom, B./Milgrom, P.: Multi-task principal agent analyses
      7. Jg., Nr. 2, 1991, S. in: Journal of Law, Economics, and Organization, S. 24-51
      Sappington, D.: Incentives in principal-agent relationships
      5. Jg., Nr. 2, 1991, S. in: Journal of Economic Perspectives, S. 45-66

      Literaturhinweise SpringerProfessional.de

      Springer Professional - Die Flatrate für Fachzeitschriften und Bücher
      In den vorherigen Kapiteln wurden die Formen, empirischen Zugänge und Monita des Phänomens Korruption beschrieben. Dabei ist für kleine und mittelständische Unternehmen im Bereich Einkauf die Netzwerkkorruption und hier insbesondere der Bereich …
      In der betrieblichen Praxis werden vielfältige Aufgaben von der Ebene der Zentrale an Mitarbeiter auf unterschiedlichen nachgeordneten Hierarchieebenen delegiert. Hierbei ist davon auszugehen, dass eine Zentrale schlechtere Informatione

      Bücher auf springer.com

      versandkostenfrei von springer.com

      Sachgebiete