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Physiokratie

Definition

In der zweiten Hälfte des 18. Jh. in Frankreich entstandene gesellschafts- und wirtschaftstheoretische Schule, die maßgeblich von ihrem Begründer Quesnay, 1694–1774, geprägt wurde (weitere Vertreter: Cantillon, Gournay, Mercier de la Revière, Mirabeau, Turgot).

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Das Original: Gabler Wirtschaftslexikon

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    Ausführliche Definition

    1. Charakterisierung: In der zweiten Hälfte des 18. Jh. in Frankreich entstandene gesellschafts- und wirtschaftstheoretische Schule, die maßgeblich von ihrem Begründer Quesnay, 1694–1774, geprägt wurde (weitere Vertreter: Cantillon, Gournay, Mercier de la Revière, Mirabeau, Turgot).
    a) Gesellschaftstheoretische Konzeption: Diese beruht auf der Annahme, dass sich aus den Prinzipien des Naturrechts eine unabhängige und objektiv gegebene Norm ableiten lässt, deren Beachtung die größtmögliche Wohlfahrt für alle Menschen bewirkt (Ordre Naturel). Anders als im klassischen Liberalismus wird davon ausgegangen, dass das spontane und selbstinteressierte Handeln der Gesellschaftsmitglieder keine dieser natürlichen Ordnung entsprechende Gesellschaftsverfassung hervorbringt. Daher wird gefordert, dass durch einen aufgeklärten Herrscher eine Ordnung zu konstituieren und zu gewährleisten ist (Ordre Positif), die weitestgehend der natürlichen Ordnung entspricht.

    b) Wirtschaftspolitische Konzeption: Im wirtschaftlichen Bereich wird gefordert, dass der Staat Eingriffe in den Wirtschaftsprozess auf ein Mindestmaß begrenzt (Reaktion auf den Merkantilismus mit umfangreichem und zumeist konzeptionslosem Dirigismus) sowie Privateigentum an den Produktionsmitteln und eine freie wirtschaftliche Betätigung der Menschen gewährleistet.

    2. Klassen: Der physiokratische Ansatz ist die erste in sich geschlossene volkswirtschaftliche Konzeption: Der Grundgedanke ist, dass nur die Landwirtschaft wertschöpfend ist (ebenfalls eine Reaktion auf den Merkantilismus mit seiner einseitigen Förderung der gewerblichen Wirtschaft). Den produktiven Pächtern als Classe Productive stellt Quesnay die Grundeigentümer gegenüber, die von ersteren die Wertschöpfung (Produit Net) als Pacht erhalten und durch Kauf von Nahrungsmitteln und gewerblichen Gütern weiterverteilen (Classe Distributive). Die dritte Gruppe bilden die Handwerker und Händler, die im Wirtschaftsprozess den Gütern nur ihre eigene Arbeit hinzufügen, ohne neue Werte zu schöpfen (Classe Stérile). In seinem Tableau Économique leitet Quesnay die Bedingungen für ein stationäres Gleichgewicht der Geld- und Güterströme zwischen diesen drei Klassen ab.

    3. Aus der Annahme, dass alleine die Landwirtschaft wertschöpfend ist, zieht die Physiokratie die wirtschaftspolitische Folgerung, dass primär diese zu fördern ist: Die kleinen Bauernhöfe sind durch leistungsfähige Großbetriebe zu ersetzen, eine Steuerreform soll die Eigenkapitalbildung in der Landwirtschaft forcieren, und die Reglementierungen des Getreidehandels sollen aufgehoben werden. Aus Billigkeitsgründen wird, der Theorie entsprechend, eine Einheitsteuer aufgrund und Boden (Impôt Unique) gefordert, die von den Grundeigentümern aus den Pachteinnahmen zu begleichen ist.

    4. Entwicklung: Die physiokratische Schule ist sehr bald, nicht zuletzt wegen ihrer unrealistischen Wertschöpfungstheorie und der daraus gezogenen wirtschafts- und steuerpolitischen Konsequenzen, in ihrem Einfluss von den sich rasch ausbreitenden Theorien der Klassiker (klassische Lehre) zurückgedrängt worden.

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