Direkt zum Inhalt

Niedriglohnsektor

Definition

Beschäftigungsverhältnisse, in denen weniger als zwei Drittel des Medianbruttoverdienstes gezahlt werden. Der Niedriglohnsektor wurde in den vergangenen Jahren in Deutschland stark ausgebaut. Er umfasst inzwischen mehr als 20 Prozent der abhängig Beschäftigten. Seine arbeitsmarkt- und sozialpolitische Bewertung bleibt ambivalent.   

GEPRÜFTES WISSEN
Über 200 Experten aus Wissenschaft und Praxis.
Mehr als 25.000 Stichwörter kostenlos Online.
Das Original: Gabler Wirtschaftslexikon

zuletzt besuchte Definitionen...

    Ausführliche Definition

    1. Begriff: a) Allgemein: gesetzlich zulässige Bezahlung von Arbeitskräften unterhalb von Tariflöhnen oder dem durchschnittlichen Lohnniveau auf dem regulären Arbeitsmarkt.
    b) Speziell: Gemäß OECD oder ILO – und damit gemäß international akzeptierter Konvention – Entrichtung eines Bruttostunden- oder -monatsverdienstes an Erwerbstätige, der – auf Vollzeitbasis umgerechnet – unterhalb von zwei Dritteln des jeweiligen (nationalen) Medianbruttoverdienstes eines Vollzeitbeschäftigten liegt.

    2. Merkmale: Der Grenzwert für den Niedriglohn lag z.B. 2010 in Deutschland bei gut zehn Euro pro Stunde bzw. gut 1.900 Euro pro Monat. Der Niedriglohnsektor ist in den 2000er Jahren stark expandiert und umfasst inzwischen mehr als 20 Prozent der abhängig Beschäftigten. Zu dieser Entwicklung, die vor allem seit Einführung der Hartz-Gesetze politisch intendiert war, hat wesentlich die sichtbare Zunahme der atypischen Beschäftigung beigetragen (Atypische Beschäftigung).

    3. Arbeitsmarkt- und sozialpolitische Bewertung: Eine Beurteilung aus arbeitsmarkt- und sozialpolitischer Sicht bleibt umstritten:

    • Einerseits wird in der Aktivierung des Niedriglohnsektors ein Ansatz zur Verringerung der Arbeits- bzw. Erwerbslosigkeit (Arbeitslosigkeit), dem größten Armutsrisiko, und zur Erhöhung der Erwerbstätigkeit gesehen. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass im Niedriglohnsektor die Anreize, einer Erwerbsarbeit nachzugehen, nur gering ausgeprägt seien, da das niedrige Einkommen kaum die Bedürftigkeitsgrenze für den Bezug von Sozialhilfe übersteige („Sozialhilfefalle”), mithin das Lohnabstandgebot verletzt sei. Konzepte für einen Ausstieg aus der Sozialhilfe liegen vor in Form der verschiedenen Modelle des sog. Kombilohns (Kombilohn-Modelle), bei dem bei Aufnahme einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit z.B. ein Zuschuss zu den Sozialversicherungsbeiträgen und ein Zuschlag zum Kindergeld  (Mainzer Modell) oder ein Lohnzuschuss, der nur teilweise auf die Sozialhilfe angerechnet wird (Einstiegsgeld nach § 16b SGB II), gewährt wird. Weitergehende Konzepte sehen – wie in den USA und Großbritannien – einen staatlichen „Lohnzuschlag für Geringverdienende” vor, der auch Arbeitseinkommen erfasst, die den Bedarf für den Sozialhilfebezug überschreiten. Solche Ansätze stellen grundsätzlich eine Alternative zur reinen bedarfsorientierten Grundsicherung dar.
    • Andererseits führen die Herausbildung einer Zwei-Klassengesellschaft auf dem Arbeitsmarkt, eine geringe Beschäftigungsstabilität und -fähigkeit (Beschäftigungsfähigkeit) bei einer gleichzeitig (zu) geringen Statusmobilität vor allem bezogen auf Übergangsbewegungen in Richtung eines Normalarbeitsverhältnisses sowie erkennbare soziale bzw. Prekaritätsrisiken einer zunehmenden Zahl von Beschäftigten dazu, dass die Finanzierung der Systeme der sozialen Sicherung über hinreichend hohe Beiträge auch von dieser Seite langfristig infrage gestellt wird. So beläuft sich z.B. die Zahl der Aufstocker, die neben ihrer Erwerbstätigkeit zusätzlich Arbeitslosengeld II beziehen müssen, um die Grundsicherung zu erreichen (Leistungen zur Eingliederung in Arbeit nach SGB II), bereits auf rund 1,2 Mio. abhängig Beschäftigte. Da der Anteil des Niedriglohnsektors in Deutschland in den vergangenen Jahren auch im internationalen Vergleich überproportional ausgebaut wurde, ist die früher vor allem aus den USA bekannte Working-Poor-Problematik (Erwerbsarmut bzw. Armut trotz Vollzeiterwerbstätigkeit) in Deutschland angekommen. Eine (Teil-)Lösung dieses Problems wird in dem 2015 in Deutschland eingeführten allgemeinen, flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn gesehen. Außerdem wird in neuerer Zeit immer öfter die Einführung eines (solidarischen) Bürgergeldes bzw. (bedingungslosen) Grundeinkommens (Bedingungsloses Grundeinkommen) diskutiert (siehe auch die Negative Einkommensteuer, die jeder Bürger ohne bzw. mit geringem Einkommen erhält, und die das Existenzminimum abdeckt).
    Mindmap Niedriglohnsektor Quelle: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/niedriglohnsektor-41294 node41294 Niedriglohnsektor node54193 Bedingungsloses Grundeinkommen node41294->node54193 node34680 Hartz-Gesetze node41294->node34680 node37240 Mindestlohn node41294->node37240 node27801 Arbeitslosigkeit node41294->node27801 node53543 Atypische Beschäftigung node41294->node53543 node45094 Organisation node54193->node45094 node50306 Wertschöpfung node54193->node50306 node54032 Industrie 4.0 node54193->node54032 node54195 Digitalisierung node54193->node54195 node29485 Arbeitslosenversicherung node34680->node29485 node44033 Personalmanagement node44033->node37240 node38052 Keynesianismus node37240->node38052 node37240->node53543 node29485->node53543 node27801->node34680 node27801->node37240 node29988 Benchmarking node27801->node29988 node27801->node54195 node35179 Erwerbstätige node32920 Humankapital node53543->node34680 node53543->node27801 node53543->node35179 node53543->node32920 node38767 Konjunkturphasen node38767->node27801 node31465 Arbeit node31465->node27801
    Mindmap Niedriglohnsektor Quelle: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/niedriglohnsektor-41294 node41294 Niedriglohnsektor node27801 Arbeitslosigkeit node41294->node27801 node53543 Atypische Beschäftigung node41294->node53543 node54193 Bedingungsloses Grundeinkommen node41294->node54193 node37240 Mindestlohn node41294->node37240 node34680 Hartz-Gesetze node41294->node34680

    News SpringerProfessional.de

    Zeitschriften

    Lohmann, H./ Andreß, H.-J. : Autonomie oder Armut? Zur Sicherung gleicher Chancen materieller Wohlfahrt durch Erwerbsarbeit
    64. Jg., Nr. 4, 2011, S. in: WSI-Mitteilungen, S. 178-187
    Schäfer, H./Schmidt, J.: Einmal unten – immer unten? Empirische Befunde zur Lohn- und Einkommensmobilität in Deutschland
    44. Jg., 2017, S. IW-Trends, Nr. 1

    Literaturhinweise SpringerProfessional.de

    Bücher auf springer.com

    Sachgebiete