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Digitalisierung und Arbeit 4.0

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Das Original: Gabler Wirtschaftslexikon

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    Ausführliche Definition

    Inhaltsverzeichnis

    1. Digitalisierungs- und Automatisierungsgrad
    2. Auswirkungen der Technologien 4.0 auf Tätigkeitsfelder in der Produktion und der Verwaltung
    3. Blick in die Zukunft

    Digitalisierungs- und Automatisierungsgrad

    Welche erwartbaren Auswirkungen auf die Aufgabenbereiche bzw. Tätigkeitsfelder in den Unternehmen zeichnen sich angesichts der digitalen Veränderungen in den Arbeitssystemen ab? Es lassen sich drei Technologieklassen unterscheiden, deren Automatisierungs- und Digitalisierungsgrad zunehmend ansteigt. Bei den Produktionsmitteln reicht die Unterscheidung von „manuell gesteuerten“ Arbeitsmitteln bis hin zu „selbststeuernden“ Maschinen und Anlagen. Bei ersteren ist der Mensch noch im hohen Maße selbst tätig, bei letzteren werden die Arbeitsabläufe/-vorgänge weitgehend selbstgesteuert und automatisch durch „die Technik“ bearbeitet. Die Büro- und Kommunikationsmittel in der Verwaltung von Produktions- sowie Dienstleistungsbetrieben werden analog eingeteilt. Diese erstrecken sich von „nicht IT-gestützten“ Arbeitsmitteln, wie etwa Telefon oder Fax, bei denen der Mensch noch in hohem Maße selbst tätig ist, bis hin zu IT-integrierten Computersystemen und Plattformen, deren Software und Algorithmen Arbeitsprozesse weitestgehend selbstständig und automatisch durchführen.  

    Auswirkungen der Technologien 4.0 auf Tätigkeitsfelder in der Produktion und der Verwaltung

    Die selbststeuernden Produktionsmittel und die IT-integrierten Büro- und Kommunikationsmittel (BuK-Mittel) können damit als Technologien der vierten Industriellen Revolution bezeichnet werden. Um nun untersuchen zu können, wie sich der vermehrte Einsatz von 4.0-Technologien auf einzelne Tätigkeitsfelder auswirkt, wird auf eine in der Arbeitsmarktforschung übliche Einteilung Bezug genommen und zwischen  Routinetätigkeiten, manuellen und abstrakten Tätigkeiten unterschieden. Routinetätigkeiten beinhalten dabei vor allem klar definierte Aufgaben, die sich zudem immer wiederholen. Manuelle Tätigkeiten umfassen einerseits situative Anpassungen, aufgrund von sprachlicher und visueller Erkennung und andererseits die zwischenmenschliche Interaktion. Abstrakte Tätigkeiten erfordern Problemlösungskompetenzen, Kreativität, Intuition und Überzeugungskraft.

    Es zeigt sich, dass der vermehrte Einsatz von 4.0-Technologien branchenübergreifend vor allem Routinetätigkeiten verdrängt, insbesondere dann, wenn diese auf Basis standardisierter, strukturierter Daten und bei eineindeutiger Informationslage durchgeführt werden. Beispiele hierfür sind etwa die Bearbeitung von Formularen oder das Überwachen von technischen Prozessen. Diese Automatisierungstendenz ist inzwischen bei Berufen mit einfacher, mittlerer und hoher Aufgabenkomplexität und den daraus resultierenden Anforderungen an die Qualifikation der Mitarbeiter feststellbar. Es ist zu erwarten, dass diese Entwicklung anhält und zunehmend auch Tätigkeiten erfasst, bei denen weniger strukturierte Daten und volatilere Datenlagen verarbeitet werden. In den letzten Jahren werden repetitive Routineaufgaben in der Produktion und der Verwaltung vor allem mittels Robotic Process Automation (RPA) automatisiert.

    „Robotic Process Automation (RPA) ist eine Softwaretechnologie, die Front- und Backoffice-Prozesse automatisiert durchführt. RPA, manchmal auch als Software-Roboter oder Bot bezeichnet, imitiert, wie Menschen ihren Computer bedienen, Anwendungen nutzen und Prozesse durchführen. Durch das Nachahmen von Benutzereingaben über die Benutzeroberfläche einer Anwendung entfällt das aufwendige Programmieren einer Anwendungsschnittstelle. RPA greift nicht in die bestehenden Systeme oder die IT-Infrastruktur eines Unternehmens ein oder nimmt Veränderungen in den Anwendungen vor. Somit muss kein kostspieliges Investment zur Anpassung der Software erfolgen“ (Safar 2018). Im Zuge der Digitalisierung werden also im ersten Schritt vor allem Routinetätigkeiten automatisiert (Abbildung 1).

    Abb. 1: Y-Modell zum Tätigkeitswandel durch die Digitale Transformation (Bartscher/Nissen 2019)

     

    Im Verwaltungsbereich von Unternehmen und in der Dienstleistungsbranche führt diese Entwicklung aktuell vor allem noch dazu, dass Menschen zunehmend manuelle und damit einfachere Tätigkeiten ausführen, die situatives Reagieren erfordern. Im Produktionsbereich ist der Trend hin zu manuellen Tätigkeiten durch den Mensch dagegen kaum ausgeprägt, teilweise sogar bereits rückläufig. Denn Tätigkeiten wie zum einen Sichern, Schützen und Bewachen und Reparieren, Instandsetzen und Warten zum anderen, werden ebenfalls zunehmend in 4.0 Technologien integriert. Bei den manuellen Tätigkeitsbereichen ist darüber hinaus die Tendenz feststellbar, dass dem Mensch lediglich noch eine Assistenzfunktion zugeschrieben wird. In der Produktion geht der Einsatz von 4.0-Technologien somit offensichtlich mit einem relativen Bedeutungsverlust sowohl von menschlichen Routinetätigkeiten als auch manuellen Tätigkeiten einher. Dagegen zeichnet sich ab, dass abstrakte Tätigkeiten, wie etwa Analysieren, Programmieren, Mitarbeiterführung, Entwickeln, Forschen, Konstruieren sowie Verhandeln stark an Bedeutung gewinnen werden, vor allem in produzierenden Unternehmen, die in 4.0-Technologien investieren.

    Blick in die Zukunft

    Zukünftig wird die Arbeit der Beschäftigten flexibler, abwechslungsreicher, vielgestaltiger und damit auch anspruchs- und verantwortungsvoller, sowie sinnstiftender. Daneben ist aufgrund des exponentiellen Verlaufs der IT-technischen Performanz bereits heute absehbar, dass sich die allgemeinen Arbeitsanforderungen und die Tätigkeitsinhalte beständig ändern. Dies ist darin begründet, dass Aufgaben von digitalen und physische Robotern übernommen werden, die bislang Menschen ausgeübt haben. Arbeitnehmer übernehmen dann andere Aufgaben. Und zwar solange, bis auch diese von digitalen und physische Robotern übernommen werden.

    Weiterhin führen die (IT-)technologischen Entwicklungen dazu, dass sich die Basistechnologien,die in Unternehmen genutzten Anwendungstechniken und Arbeitssysteme, aber auch die Geschäftsmodelle in kürzeren, oder längeren Zeitabständen immer wieder ändern. Work-Life-Learning-Integration, also Lernfähigkeit, sowie Lernbereitschaft, aber auch Veränderungsfähigkeit, sowie Veränderungsbereitschaft werden zu noch bedeutsameren Kernkompetenzen der Beschäftigten, als ehedem. Wie die Unternehmen müssen sich damit auch die Arbeitnehmer regelmäßig strategisch (neu) positionieren. Sie müssen sich regelmäßig darüber Gedanken machen, für welche Tätigkeitsbereiche sie insbesondere ihre fachlichen und methodischen Kompetenzen aus- und aufbauen möchten. Sie müssen darüber hinaus überdenken, zu welchen generischen Job-Familien sie prinzipiell Zugang haben oder Zugang finden können. Es ist davon auszugehen, dass sich die Berufsbilder/Job-Familien tendenziell auflösen werden und zukünftig dagegen vermehrt in professionell beherrschten Kompetenz- und Themenfeldern gedacht werden wird, die Bartscher/Nissen (2019) als übergreifende KompetenzBoutiquen bezeichnen. Die Autoren unterscheiden diesbezüglich vereinfacht drei Boutiquen: Die Boutique „Industrie 4.0“, die Boutique „Gig-Work“ und die Boutique „New Work“. Jede dieser Boutiquen ist durch spezifische institutionelle Arrangements, durch Arbeitsformen und Arbeitsanforderungen, typische Interaktionsmuster, sowie Themengebiete und Tätigkeitsfelder gekennzeichnet (siehe Abbildung 1). Insoweit muss jeder Arbeitnehmer auch für sich entscheiden, welche dieser KompetenzBoutiquen generell und welche ihrer Tätigkeits- bzw. Themenbereiche für sie/ihn attraktiv und damit erstrebenswert sind.

    Zusammengefasst ist zu erwarten, dass die Jobs der Zukunft körperlich weniger anstrengend, dafür geistig anspruchsvoller, vielfältiger, aber auch komplexer werden. Die Arbeitnehmer sind aufgefordert, sich durch kontinuierliches Lernen (Work-Life-Learning-Integration) an die sich schnell verändernden Kompetenzanforderungen flexibel anzupassen, um ihre Beschäftigungsfähigkeit zu sichern. Die Anforderungen an die Beschäftigten verschieben sich dabei verstärkt in Richtung übergreifender Kompetenzen wie Prozess-Knowhow, interdisziplinäre Arbeitsweise oder fachlich übergreifende Fähigkeiten. Diese umfassen vor allem persönliche und psychosoziale Kompetenzen sowie Problemlösungskompetenzen. Hier hat der Mensch nach wie vor einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Maschinen und Robotern. Nebenwirkung dieser Entwicklung ist das zunehmende Arbeiten unter starker geistiger Belastung. Die Gesundheitsrisiken der digitalen Entwicklung, sowie die arbeitsplatzbezogenen psychischen Belastungen werden damit ansteigen.

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      Bücher

      Arntz, M. et al.: Tätigkeitswandel und Weiterbildungsbedarf in der digitalen Transformation. ZEW-Gutachten und Forschungsberichte
      Mannheim, 2016
      Arntz, M., Gregory, T., Zierahn, U.: Digitalisierung und die Zukunft der Arbeit: Makroökonomische Auswirkungen auf Beschäftigung, Arbeitslosigkeit und Löhne von morgen
      Mannheim, 2018
      Bartscher, T., Nissen, R.: KompetenzBoutiquen in der digitalen Arbeitswelt
      München, 2019
      Bartscher, T., Nissen, R.: Change Management (nicht nur) für Personaler
      München/Freiburg, 2018
      Hirsch-Kreinsen, H., Ittermann, P., Niehaus, J. (Hrsg.): Digitalisierung industrieller Arbeit. Die Vision Industrie 4.0 und ihre sozialen Herausforderungen
      Baden-Baden, 2015
      Lorenz, M. et al.: Man and Machine in Industry 4.0. BCG-Studie
      München, 2015

      Zeitschriften

      Safar, M.: Was Sie schon immer über RPA wissen wollten, in: Computerwoche 16.11.2018

      Literaturhinweise SpringerProfessional.de

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