Direkt zum Inhalt

Neokeynesianische Theorie

Definition

Die Neokeynesianische Theorie ist ein Mengenrationierungsansatz, bei dem Marktungleichgewichte, die wechselseitige Interdependenz der Märkte und Handel zu falschen (nicht markträumenden) Preisen betrachtet werden. Werden z.B. die Haushalte auf dem Arbeitsmarkt mengenmäßig rationiert (unfreiwillige Arbeitslosigkeit), so berücksichtigen sie diese Mengenschranke in ihren Konsumentscheidungen und gehen gemäß der dualen Entscheidungshypothese von Clower von der eigentlich geplanten, nur von den Preisen abhängigen unbeschränkten Konsumnachfrage zur effektiven über. Diese Verhaltensweise lässt sich mikrotheoretisch aus beschränkten Optimierungsansätzen begründen und führt dazu, dass Ungleichgewichte des Arbeitsmarktes zu Ungleichgewichten auf dem Gütermarkt führen (d.h. zu Abweichungen von den ursprünglichen Plänen), welche wiederum negative Rückwirkungen für den Arbeitsmarkt haben.

GEPRÜFTES WISSEN
Über 200 Experten aus Wissenschaft und Praxis.
Mehr als 25.000 Stichwörter kostenlos Online.
Das Original: Gabler Wirtschaftslexikon

zuletzt besuchte Definitionen...

    Ausführliche Definition

    Erweiterung der theoretischen Grundlagen der keynesianischen Analyse, da die Verkürzung der Keynesschen Lehre auf Rigiditätsfälle (keynesianische Positionen) zur Erklärung der Realität mit andauernden Ungleichgewichten nicht befriedigen konnte. Nominale Rigiditäten in Form von Preis- und Lohnstarrheiten sind nur eine von mehreren Ursachen für Ungleichgewichte und z.T. nur Folge der wahren Ursachen, wie Unsicherheit, Monopolisierung und Nachfragemangel.

    1. Ausgangspunkt der hier anknüpfenden Neokeynesianischen Theorie (Ungleichgewichtstheorie) ist das Patinkin-Modell (Patinkin, 1955), ein Ungleichgewichtsansatz, in dem anhaltende Abweichungen vom Gleichgewicht möglich und wahrscheinlich sind, wenn die Trägheit der Anpassungsmechanismen (Zins- und preisinduzierter Realkassenhaltungseffekt) die Erreichung des Gleichgewichts auf dem Gütermarkt verzögert und es daher zu Rückwirkungen auf dem Arbeitsmarkt kommt. Damit führt auch der Lohn-/Preismechanismus nicht zu einem grundsätzlich bestehenden Gleichgewicht zurück. Reallohnsenkungen vermindern in solchen Situationen die Arbeitslosigkeit nicht, da sich dadurch die im Vergleich zum Vollbeschäftigungseinkommen zu geringe gesamtwirtschaftliche Güternachfrage nicht erhöhen lässt.

    Der Patinkinsche Ungleichgewichtsansatz wurde dann Ausgangspunkt einer Reihe von Ungleichgewichtstheorien, von denen einige der bekanntesten kurz charakterisiert werden (Clower, Leijonhufvud, Barro/Grossman, Malinvaud).

    2. Clower, dessen Analyse von Leijonhufvud intensiv aufgegriffen wurde, vertritt eine duale Theorie (duale Entscheidungshypothese): Im walrasianischen Gleichgewicht ist ein bestimmtes, nur von Relativpreisen abhängiges Entscheidungssystem wirksam, in Ungleichgewichtszuständen ein anderes Entscheidungssystem, welches sich vom Gleichgewichtsfall löst. Nach Störungen des Gleichgewichts (z.B. am Arbeitsmarkt) sind für die Konsumentscheidungen nicht mehr allein die Preise bestimmend, sondern die vorgegebenen Mengen (d.h. das aus dem Rückgang der mengenmäßigen Arbeitsnachfrage resultierende Einkommen). Die (notionale oder unbeschränkte) Nachfrage ist nicht mehr relevant, sondern stellt nur noch potenzielle oder eigentlich geplante (hypothetische) Nachfrage dar. Stattdessen gelten jetzt die effektiven Nachfragefunktionen. Die effektive Nachfrage ist im Unterschied zur hypothetischen nicht nur von den Relativpreisen, sondern auch von der Mengenschranke des jeweils anderen Marktes (im Beispiel von der Rationierungsschranke der Arbeitsmarktes) abhängig. Dadurch wird die effektive Konsumnachfrage der privaten Haushalte aber keynesianisch, d.h. einkommensabhängig. Die ursprüngliche Störung am Arbeitsmarkt überträgt sich auf den Gütermarkt und wirkt dann wieder auf den Arbeitsmarkt zurück. Das konsistente, aus Mengenrationierungen resultierende Ungleichgewicht verfestigt sich und kann auch durch den Übergang zu flexiblen Preisen nicht beseitigt werden. Der Preismechanismus versagt. Wenn einmal zu „falschen” Preisen gehandelt wird, sog. false trading, kann sich das Ungleichgewicht auf Güter- und Arbeitsmarkt „verfestigen”.

    3. Weiterentwicklungen und Integrationsversuche der Ansätze von Patinkin und Clower sind die Ansätze von Barro/Grossman und Malinvaud. In beiden kommt es zu gegenseitigen Interdependenzen zwischen den Märkten (Gütermarkt und Arbeitsmarkt). Ungleichgewicht und Rationierung in einem Markt führen zum Ungleichgewicht im jeweils anderen Markt (Mengenrationierungsansatz). Die Ungleichgewichte können sich aufschaukeln und in einem „gleichgewichtigen” Ungleichgewichtszustand mit wechselseitiger Rationierung auf Güter- und Arbeitsmarkt verharren. Solche Ruhezustände sind nicht mehr durch die Übereinstimmung der hypothetischen, sondern der effektiven Angebots- und Nachfragepläne gekennzeichnet. Ist die Wirtschaft einmal in einer Ungleichgewichtssituation festgefahren, so ist der Preismechanismus weitgehend außer Kraft gesetzt (Ungleichgewichtsgleichgewicht). Das allgemeine Gleichgewicht (mit gleichgewichtigem Preisvektor) ist dabei als Spezialfall anzusehen. Das allgemeine Gleichgewichtsmodell neoklassischer Prägung (Walras-Modell) bleibt Ausgangs- und Bezugspunkt der Ungleichgewichtstheorien; insofern werden sie häufig auch als temporäre Gleichgewichtsmodelle bei Mengenrationierung bezeichnet. Unbestritten erfassen sie nur einen Aspekt Keynesscher Lehre, nämlich den des Unterbeschäftigungsgleichgewichts aufgrund fehlender effektiver Nachfrage, während andere Aspekte, z.B. Unsicherheit und deren Konsequenzen, nicht einbezogen werden.

    Vgl. zugehöriger Schwerpunktbeitrag Makroökonomik.

    zuletzt besuchte Definitionen...

      Mindmap Neokeynesianische Theorie Quelle: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/neokeynesianische-theorie-51433 node51433 Neokeynesianische Theorie node40574 keynesianische Positionen node51433->node40574 node33654 Fehlallokationshypothese node37571 Neue Klassische Makroökonomik node33654->node37571 node27948 Antigleichgewichtstheorie node27948->node51433 node49230 Ungleichgewichtstheorien node49230->node51433 node49230->node27948 node29040 allgemeines Gleichgewicht node49230->node29040 node38052 Keynesianismus node49230->node38052 node28820 Chaos-Theorie node49230->node28820 node54342 Impuls-Antwort-Folgen node38393 Neue Keynesianische Makroökonomik node51432 Neukeynesianische Makroökonomik node38393->node51432 node29040->node51433 node54311 Eigenwert node51432->node51433 node51432->node54342 node51432->node29040 node51432->node54311 node37055 makroökonomische Totalmodelle geschlossener ... node37055->node51433 node37055->node37571 node37571->node51433 node37571->node38052 node34043 Geldpolitik node37571->node34043 node38052->node51433 node38023 Lohnpolitik node38052->node38023 node38052->node34043 node47916 Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) node38052->node47916 node44986 Postkeynesianismus node28898 diskretionärer Mitteleinsatz node32031 Hicks node40574->node44986 node40574->node28898 node40574->node32031 node37240 Mindestlohn node37240->node38052
      Mindmap Neokeynesianische Theorie Quelle: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/neokeynesianische-theorie-51433 node51433 Neokeynesianische Theorie node40574 keynesianische Positionen node51433->node40574 node38052 Keynesianismus node38052->node51433 node37571 Neue Klassische Makroökonomik node37571->node51433 node51432 Neukeynesianische Makroökonomik node51432->node51433 node49230 Ungleichgewichtstheorien node49230->node51433

      News SpringerProfessional.de

      • Exportentwicklung Werkzeugmaschinen

        Ein aktueller Quest Report verbindet Exportmärkte und Durchschnittswerte von Werkzeugmaschinen in Euro und die Wirkung auf die Exporte nach China seit 2008. Steigende Durchschnittswerte von Werkzeugmaschinen gehen demnach mit rückläufigen Exporten nach China einher.

      • Banken genießen großes Vertrauen ihrer Kunden

        72 Prozent der Bankkunden in Deutschland gehen davon aus, dass Kreditinstitute mit ihren persönlichen Daten sorgsam umgehen. Keine andere Branche genießt einer aktuellen Umfrage zufolge höheres Vertrauen.

      • Neue Aufgaben für die Zentrale der Zukunft

        Unternehmen müssen agil und innovativ sein. Das althergebrachte Headquarter, von dem aus alles zentral gesteuert werden soll, scheint dazu nicht passen zu wollen. Muss die Unternehmenszentrale neu erfunden werden? 

      • So geht erfolgreiches Lead Nurturing im B2B-Segment

        Wenn nicht nur Leads, sondern in Folge auch Käufer generiert werden, ist von Lead Nurturing die Rede. Im B2B-Bereich müssen E-Mail-Marketer dafür besonders strategische sowie kontinuierliche Beziehungsarbeit leisten.

      • Globales E-Invoicing ist Herausforderung für Unternehmen

        Unternehmen sind aufgrund staatlicher Vorgaben zunehmend dazu verpflichtet, ihre Rechnungen elektronisch zu erstellen. Doch in jedem Land gelten andere rechtliche Regelungen. Entsprechend komplex gestalten sich die Prozesse. Erster Teil des Gastbeitrags.

      • Auf dem Rechtsweg ins Verderben

        Wer seinen Markt als Eigentum betrachtet und Neueinsteiger juristisch bekämpfen will, kann nur verlieren, meint Springer-Autor und Zukunftsmanager Heino Hilbig. Denn die Klage eines Taxifahrers gegen Moia wird neue Verkehrskonzepte nicht verhindern. 

      • Mit Location Based Marketing auf Neukundenfang

        Deutsche Marketing-Manager sehen in standortbasierter Werbung die Brücke, um Konsumenten online wie offline anzusprechen. Vor allem für die Neukundengewinnung setzen sie auf das Marketinginstrument.

      • Wie der Arbeitsplatz von morgen aussehen wird

        Während der Industrialisierung wanderte die Arbeit aus dem Haushalt in die Fabrik. Heute klopft sie wieder an die Haustür. Die Möglichkeit zu mehr zeitlicher und örtlicher Flexibilität, beispielsweise zur Arbeit im Homeoffice, macht vor keiner Branche mehr halt.

      • Java und JavaScript sind die beliebtesten Programmiersprachen

        Die meisten Softwareingenieure setzen auf Java und JavaScript, wenn es um die Entwicklung von Unternehmensanwendungen geht. Die angeblichen "In"-Programmiersprachen Python & Co. liegen in der Beliebtheitsskala teils weit abgeschlagen hinter den Klassikern.

      • Diese digitalen Marken sind top

        Digitale Dienste dominieren immer stärker die Markenwelt. In den Top 25 der relevantesten Marken Deutschlands machen sich analoge Marken eher rar.

      Autoren der Definition und Ihre Literaturhinweise/ Weblinks

      Prof. Dr. Hans-Werner Wohltmann
      Universität Kiel,
      Institut für Volkswirtschaftslehre
      Lehrstuhlinhaber

      Literaturhinweise SpringerProfessional.de

      Springer Professional - Die Flatrate für Fachzeitschriften und Bücher
      Schon zu Anfang dieses Kapitels ist eine Beschäftigung mit terminologischen Fragen fällig, da sich die „Neokeynesianische Theorie“ einer Fülle von Benennungen erfreut. Doch zuvor eine Definition. Die Neokeynesianische Theorie ist eine …

      Sachgebiete