Direkt zum Inhalt

Prozesskostenrechnung

Definition

Prozesskostenrechnung ist ein Begriff, der in der jüngeren Vergangenheit die Kostenrechnungsdiskussion und -gestaltung maßgeblich beeinflusst hat. Prozesskostenrechnung wird in Deutschland z.T. auch als Vorgangskalkulation bezeichnet. In den USA werden - bei gleichem Inhalt - die Begriffe Activity Based Costing oder Cost Driver Accounting verwandt.

GEPRÜFTES WISSEN
Über 200 Experten aus Wissenschaft und Praxis.
Mehr als 25.000 Stichwörter kostenlos Online.
Das Original: Gabler Wirtschaftslexikon

zuletzt besuchte Definitionen...

    Ausführliche Definition

    Inhaltsverzeichnis

    1. Begriff
    2. Grundsätzliche Charakterisierung
    3. Vorgehen
      1. Prozessanalyse
      2. Zuordnung von Kosten zu Prozessen
      3. Bestimmung der Kostentreiber (Cost Driver)
      4. Prozesskostenermittlung
      5. Prozesskostenkalkulation
    4. Beurteilung

    Begriff

    Prozesskostenrechnung ist ein Begriff, der in der jüngeren Vergangenheit die Kostenrechnungsdiskussion und -gestaltung maßgeblich beeinflusst hat. Prozesskostenrechnung wird in Deutschland z.T. auch als Vorgangskalkulation bezeichnet. In den USA werden - bei gleichem Inhalt - die Begriffe Activity Based Costing oder Cost Driver Accounting verwandt.

    Obwohl z.T. anders dargestellt, stellt Prozesskostenrechnung kein neues Kostenrechnungssystem dar, das den traditionell unterschiedenen Systemen der Vollkostenrechnung, der Plankostenrechnung oder den unterschiedlichen Formen der Deckungsbeitragsrechnung vergleichbar wäre. Die Kernideen der Prozesskostenrechnung sind in all diesen Kostenrechnungssystemen realisierbar, haben ihren Anwendungsschwerpunkt jedoch bislang innerhalb von Vollkostenrechnungen (Prozesskostenrechnung als Vollkostenrechnung).

    Grundsätzliche Charakterisierung

    Prozesskostenrechnung setzt an Praxismängeln der traditionellen Kostenrechnungssysteme, speziell an Mängeln in der Behandlung von Gemeinkosten, an.

    • Die Kritik betrifft zum einen die Lohnzuschlagskalkulation der Vollkostenrechnung. Man argumentiert, dass Fertigungslöhne angesichts der stark vorangeschrittenen Produktionsautomatisierung (CIM) nur noch ein schlechter Indikator für die produktbezogene Kostenverursachung in den Fertigkostenstellen seien. Diese Kritik findet sich besonders in den USA, in der auch heute noch häufig auf der Basis von direct labor kalkuliert wird.
    • Die Kritik betrifft zum anderen die Behandlung der der Fertigung vor- und nachgelagerten Dienstleistungsbereiche, wie z.B. Bestelldisposition, Fertigungsvorbereitung und -steuerung, Lagerungen und Transporte. Für sie dominieren in der Vollkostenrechnung sehr grobe, pauschale Verrechnungsmodi (z.B. in Form von Umlagenanlastung), und auch in der Plankostenrechnung werden sie unzureichend durchdrungen (z.B. genereller Verzicht auf eine analytische Kostenplanung in derartigen Kostenstellen). Durch die verbesserte Durchdringung der Gemeinkostenbereiche verspricht die Prozesskostenrechnung sowohl eine bessere Steuerung dieser Bereiche als auch eine genauere Produktkalkulation.

     

    Vorgehen

    Prozesskostenrechnung geht in mehreren Schritten vor.

    Prozessanalyse

    Pro Gemeinkostenbereich (Kostenstelle, wie z.B. Fertigungssteuerung) sind diejenigen Dienstleistungen zu bestimmen, deren Erfüllung der Bereich dient. Hierbei kann man sich methodisch auf Verfahren der Gemeinkostenwertanalyse, des Zero-Base-Budgeting oder ähnlicher Techniken stützen. Zudem liegen für einige Bereiche einschlägige Erfahrungen vor (besonders für die Logistik). Für das Beispiel der Fertigungssteuerung kann es sich bei den Dienstleistungsarten etwa um die Prozesse „Montageaufträge disponieren, Teile abrufen sowie Fertigungsablauf Montage überwachen“ handeln.

    Zuordnung von Kosten zu Prozessen

    Jedem Prozess sind die ihm verursachten Kosten zuzuordnen. Je mehr Kostenverbunde bestehen, desto größere Schwierigkeiten sind mit dieser Aufgabe verbunden.

    Bestimmung der Kostentreiber (Cost Driver)

    Für die Prozessarten sind im nächsten Schritt die jeweiligen Kostentreiber zu ermitteln, also die Faktoren, die die Inanspruchnahme der entsprechenden Leistungen bestimmen. Für das begonnene Beispiel wäre dies für die beiden ersten Prozesse die Zahl der zu bearbeitenden Fertigungsaufträge, gegebenenfalls unterteilt in Standard- und Sonderaufträge. Für die Überwachungsaufgabe findet sich ein solcher Kostentreiber nur schwer. Derartige Prozesse werden in der Prozesskostenrechnung auch als „leistungsmengenneutral“ bezeichnet.

    Prozesskostenermittlung

    Für die Kostentreiber sind die jeweiligen Mengenausprägungen (z.B. Zahl abgewickelter bzw. im nächsten Jahr abzuwickelnder Fertigungsaufträge) zu bestimmen. Dies bedeutet nicht zusätzlichen Erfassungs- und/oder Planungsaufwand. Wie in gewöhnlichen Bezugsgrößenkalkulationen werden Kosten pro Prozessmengeneinheit (z.B. pro Fertigungsauftrag) ermittelt. Es gibt innerhalb der Prozesskostenrechnung unterschiedliche Auffassungen, ob man in diese Prozesskosten pro Prozesseinheit auch die Kosten der leistungsmengenneutralen Prozesse einbeziehen sollte oder nicht.

    Prozesskostenkalkulation

    Im letzten Schritt werden die Prozesskosten den Produkten im Rahmen der Kostenträgerrechnung belastet. In kostenrechnerischen Termini ausgedrückt wandelt die Prozesskostenrechnung dazu den Charakter bisheriger Vorkostenstellen in Endkostenstellen um: Während bislang z.B. die Fertigungssteuerung an die Fertigungsendkostenstellen verrechnet wurde, verrechnet sie ihre Kosten in der Prozesskostenrechnung direkt auf die Produkte. Hierzu muss man zusätzlich festhalten, wie viel Prozessmengeneinheiten jedes Produkt jeweils in Anspruch genommen hat. Auch hiermit sind erhebliche Erfassungs- und/oder Planungskosten verbunden.

     

    Beurteilung

    Die Grundgedanken zur Prozesskostenrechnung hat Schmalenbach bereits 1899 geäußert. Bei Kilger finden sich viele Gedanken der Prozesskostenrechnung präziser und differenzierter dargestellt. Die Prozesskostenrechnung postuliert zudem nachdrücklich den Weg zu höherer Detaillierung, ohne den Beleg der Wirtschaftlichkeit dieses Vorgehens anzutreten. Die Prozesskostenrechnung als Element der laufenden Kostenrechnung ist häufig zu aufwendig, sie wird in den Unternehmen deshalb zumeist als fallweise Rechnung betrieben. Auf der anderen Seite hat die Diskussion um die Prozesskostenrechnung dazu geführt, den Gemeinkostenbereichen eine stärkere (und dringend erforderliche) kostenrechnerische Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

    zuletzt besuchte Definitionen...

      Mindmap Prozesskostenrechnung Quelle: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/prozesskostenrechnung-44779 node44779 Prozesskostenrechnung node34363 Gemeinkostenwertanalyse node44779->node34363 node46926 Zero-Base-Budgeting node44779->node46926 node33256 Gemeinkosten node44779->node33256 node30724 CIM node44779->node30724 node46326 strategisches Management node34363->node46326 node39216 Kreativitätstechniken node34363->node39216 node47520 Wertanalyse node34363->node47520 node34363->node33256 node30977 Budgetierung node30977->node46926 node50100 Sunset Legislation node40767 Kosten-Nutzen-Analyse node46926->node50100 node46926->node40767 node27505 CAM node32784 Einzelkosten node33256->node32784 node29408 CAD node42854 PPS-System node28034 Computersystem node30724->node27505 node30724->node29408 node30724->node42854 node30724->node28034 node41101 Kostenplanung node41101->node33256 node41097 Kostenerfassung node41097->node33256 node46300 Proportionalitätsprinzip node46300->node33256 node27563 Activity Based Costing node27563->node44779
      Mindmap Prozesskostenrechnung Quelle: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/prozesskostenrechnung-44779 node44779 Prozesskostenrechnung node33256 Gemeinkosten node44779->node33256 node30724 CIM node44779->node30724 node34363 Gemeinkostenwertanalyse node44779->node34363 node46926 Zero-Base-Budgeting node44779->node46926 node27563 Activity Based Costing node27563->node44779

      News SpringerProfessional.de

      • "Freibeträge in Abfindungsregelungen wieder einführen"

        Seit 1. Januar gilt die Institutsvergütungsverordnung (IVV). Mit ihr wurden in erster Linie die Anforderungen der Leitlinien der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde EBA für eine solide Vergütungspolitik in deutsches Recht umgesetzt. Wie sich das auf die Personal- und Abfindungsstrategien bei den Banken auswirkt, erklärt Jurist Christoph Abeln im Interview.

      • So teuer wird der Fachkräftemangel

        Dass der Fachkräftemangel die deutsche Wirtschaft bremst, ist nicht neu. Allerdings war bislang nicht klar, wie sehr fehlendes Personal zu Buche schlägt. Einer Studie zufolge drohen bis zum Jahr 2030 wirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe. 

      • KMU zögern bei tiefgreifender Digitalisierung

        Der digitale Wandel wirkt sich auf die gesamte Wertschöpfungskette aus. Viele kleine und mittelständische Unternehmen haben das nicht vollends erkannt, weshalb sie sich auf die Optimierung einzelner interner Prozesse versteifen.

      • Welche Themen CFOs 2018 bewegen

        Die Wirtschaftslage für deutsche Unternehmen ist gut. Dennoch gibt es einige Themen, die CFOs Kopfzerbrechen bereiten. Was steht auf der Agenda der Finanzvorstände ganz oben für die kommenden Monate?

      Autoren der Definition und Ihre Literaturhinweise/ Weblinks

      Prof. Dr. Dr. h.c. Jürgen Weber
      WHU – Otto Beisheim School of Management,
      Institut für Management und Controlling
      ICM
      Direktor

      Literaturhinweise SpringerProfessional.de

      Springer Professional - Die Flatrate für Fachzeitschriften und Bücher
      Prozesskostenrechnung und Target Costing werden im deutschen Sprachraum bereits länger diskutiert. Im Rahmen eines strategischen Kostenmanagements werden diese Instrumente auch in Unternehmen unterschiedlicher Branchen eingesetzt. Aufgrund deren …
      Die Diskussionen über den Kostendruck in den Krankenhäusern haben das Thema der Prozesskostenrechnung in der letzten Zeit immer weiter in den Fokus gerückt.Hintergrund ist, dass das deutsche Gesundheitssystem mit zahlreichen Reformen konfrontiert …

      Sachgebiete