Direkt zum Inhalt

Beschäftigungspolitik

Definition

Maßnahmen zur Beeinflussung der Beschäftigung mit dem Ziel, ein möglichst hohes Beschäftigungsniveau zu erreichen.

GEPRÜFTES WISSEN
Über 200 Experten aus Wissenschaft und Praxis.
Mehr als 25.000 Stichwörter kostenlos Online.
Das Original: Gabler Wirtschaftslexikon

zuletzt besuchte Definitionen...

    Ausführliche Definition
    1. Charakterisierung: Das Hauptziel der Beschäftigungspolitik des Staates sowie der Tarifpartner (Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände) besteht in der Aufrechterhaltung bzw. Wiederherstellung einer Vollbeschäftigungssituation (bzw. eines möglichst hohen Beschäftigungsgrades). In quantitativer Hinsicht ist der maximale Auslastungsgrad des Produktionsfaktors Arbeit mit der Beschäftigung aller arbeitsfähigen und arbeitswilligen Erwerbspersonen gleichzusetzen (Erwerbspersonenpotenzial). Dabei werden bestimmte Personengruppen, wie z.B. Ausländer, Ältere, Behinderte etc., nicht ausgenommen (Vollbeschäftigung). Die Erreichung dieses Ziels bedeutet allerdings nicht, dass die Arbeitslosenquote gegen null tendieren muss, da in einem marktwirtschaftlichen System ein gewisses Ausmaß an friktioneller bzw. natürlicher Arbeitslosigkeit stets gegeben und für die Bewältigung des Strukturwandels notwendig ist (Beschäftigungsgrad). In qualitativer Hinsicht bedeutet ein hoher Beschäftigungsstand, dass die Arbeitsplätze nicht nur der Zahl nach mit dem Erwerbspersonenangebot übereinstimmen, sondern auch bestimmte qualitative Anforderungen erfüllen sollen, wie z.B. Beschäftigungsmöglichkeiten im zeitlich gewünschten Umfang auf Teilzeitarbeitsplätzen, Beschäftigungschancen in der erworbenen Qualifikationsstufe (Vermeidung unterwertiger Beschäftigung) sowie Verbesserung der Beschäftigungsstruktur nach folgenden Gesichtspunkten: Qualifikation (Verringerung des Anteils der An- und Ungelernten) (Humankapitaltheorien), Risiken am Arbeitsplatz (Verringerung der Gesundheitsgefährdung und der Unfallhäufigkeit), Sektoren (Abbau von Monostrukturen und der Konzentration der Beschäftigung auf einen oder wenige Wirtschaftszweige) sowie Regionen (Herstellung der Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse).

    2. Die staatliche Beschäftigungspolitik umfasst drei Strategiebereiche:

    a) Nachfragepolitik (Erhöhung der Nachfrage nach Erwerbspersonen) mit folgenden Instrumenten:
    (1) nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik (Konjunkturpolitik), z.B. Steuer- und Zinssenkungen, Erhöhung der Staatsausgaben (Fiskalpolitik, Geldpolitik).
    (2) angebotsorientierte Wirtschaftspolitik, z.B. Verbesserung der Produktions- und Investitionsbedingungen, marktwirtschaftliche Erneuerung und Förderung des Wettbewerbs durch Deregulierungsmaßnahmen (z.B. Ladenschlussgesetz), Liberalisierung des Arbeitsrechts (z.B. Kündigungsschutzregeln) und der Arbeitnehmerüberlassung.
    (3) Technologiepolitik, z.B. Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit durch Produkt- und Prozessinnovationen sowie der Förderung des Humankapitals der Erwerbspersonen.
    (4) Arbeitszeitverkürzung und -flexibilisierung, z.B. Verkürzung der individuellen Arbeitszeiten bei gleichzeitiger Verlängerung der Betriebsnutzungszeiten, Umwandlung von Voll- in Teilzeitarbeitsplätze sowie Einführung von Teilruhestandsphasen gegen Ende des Erwerbslebens (Arbeitszeitpolitik).
    (5) beschäftigungsorientierte Lohnpolitik, z.B. Abschluss von nominellen Tariflohnsteigerungen unterhalb des Produktivitätszuwachses und der von der Zentralbank angestrebten, mit Vollbeschäftigung kompatiblen Preissteigerungsrate, Reduzierung der Lohnnebenkosten, Förderung des Strukturwandels hin zum tertiären Sektor und zur Digitalisierung der Arbeit, einseitige (generelle) Nominallohnsenkungen, um über resultierende Güterpreissenkungen und damit implizierte Nachfragesteigerungen die Volkswirtschaft nach einem exogenen Angebotsschock wieder auf ihr Vollbeschäftigungsniveau zurückzuführen (Tarifpolitik).

    b) Angebotspolitik (Anpassung des Angebots an Erwerbspersonen an die verfügbare Zahl der Arbeitsplätze) mit folgenden Instrumenten:
    (1) Verkürzung der Erwerbslebensdauer, z.B. vorzeitiges Ausscheiden aus oder späteres Eintreten in den Arbeitsmarkt durch expansive Bildungspolitik, Einführung von Sabbaticals und Langzeiturlaubsphasen, Erwerbsunterbrechung durch Mutterschafts- und Erziehungszeiten, Betreuung pflegebedürftiger Personen, Fort- und Weiterbildung sowie Umschulung.
    (2) Aussiedler- und Ausländer- sowie Flüchtlingspolitik, z.B. Maßnahmen zur Integration, Anreize zum Verbleib im Herkunftsland, wachstumsorientierte Einwanderungspolitik.
    (3) Wanderungspolitik, z.B. Förderung der regionalen und beruflichen Mobilität von Erwerbspersonen (Arbeitskräftemobilität).

    c) Arbeitsmarkt-Ausgleichspolitik mit folgenden Instrumenten:
    (1) (Berufs-)Beratung (Berufsberatung) und Arbeitsvermittlung, z.B. Maßnahmen zur Beschleunigung des Arbeitsmarktausgleichs sowie zur qualitativen Verbesserung des Vermittlungserfolges, Kooperation privater und öffentlicher Arbeitsvermittlung, Arbeitsvermittlung unter dem Dach des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes, Förderung der internationalen Berufs- und Arbeitsberatung sowie der internationalen Arbeitsvermittlung.
    (2) Einsatz neuer Suchstrategien auf beiden Seiten des Arbeitsmarktes: z.B. Internet, Networking, Personal-Leasing, Crowdwork.
    (3) Qualifizierungspolitik, z.B. Förderung der allg. und der beruflichen Ausbildung sowie der beruflichen Weiterbildung mit dem Ziel des Erwerbs von Schlüsselqualifikationen (Schlüsselqualifikation).
    (4) Lohnabstandsgebot: Die Lohnersatzleistungen sollen so bemessen sein, dass sich die Aufnahme einer zumutbaren Erwerbstätigkeit lohnt.

    Vgl. auch Arbeitslosigkeit, Europäische Beschäftigungspolitik, Arbeitsmarktpolitik.

    zuletzt besuchte Definitionen...

      Mindmap Beschäftigungspolitik Quelle: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/beschaeftigungspolitik-29744 node29744 Beschäftigungspolitik node27801 Arbeitslosigkeit node29744->node27801 node34948 Humankapitaltheorien node29744->node34948 node31474 Arbeitskräftemobilität node29744->node31474 node34043 Geldpolitik node29744->node34043 node33596 Erwerbspersonen node29744->node33596 node28168 Arbeitsmarktpolitik node28168->node29744 node36502 Europäische Kommission node31143 Beschäftigungsfähigkeit node31143->node29744 node31143->node28168 node31143->node36502 node32581 Europäische Beschäftigungspolitik node31143->node32581 node31583 Arbeitslosenquote node48770 Vollbeschäftigung node48770->node29744 node49970 Unterbeschäftigung node49970->node29744 node49970->node27801 node49970->node31583 node49970->node48770 node34948->node31474 node31119 Arbeitsmarkttheorien node31474->node27801 node31474->node31119 node33294 Europäische Währungsunion (EWU) node34043->node33294 node48893 unselbstständige Erwerbspersonen node48893->node33596 node51344 Erwerbstätigenrechnung node51344->node33596 node30087 Arbeitsmarktrisiken node30087->node33596 node41715 Labor-Force-Konzept node33596->node41715 node40659 Inflationsbekämpfung node40659->node34043 node45517 Spitzenrefinanzierungsfazilitäten des ESZB node45517->node34043 node38052 Keynesianismus node38052->node34043 node32581->node29744
      Mindmap Beschäftigungspolitik Quelle: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/beschaeftigungspolitik-29744 node29744 Beschäftigungspolitik node34043 Geldpolitik node29744->node34043 node33596 Erwerbspersonen node29744->node33596 node31474 Arbeitskräftemobilität node29744->node31474 node49970 Unterbeschäftigung node49970->node29744 node31143 Beschäftigungsfähigkeit node31143->node29744

      News SpringerProfessional.de

      • Was Bewerber garantiert abschreckt

        Sie sollen Status symbolisieren und modern daher kommen, erreichen aber das genaue Gegenteil. Arbeitsuchende empfinden englische Jobtitel häufig als unnötig aufgebläht. Keep ist simple, ist der bessere Anglizismus im Recruiting.

      • Big Brother im Büro

        Die totale Überwachung von Mitarbeitern ist längst keine negative Utopie mehr, wie sie George Orwell oder Dave Eggers in ihren Romanen heraufbeschwören. Unternehmen können bereits jetzt die Aktivitäten ihrer Angestellten rundum erfassen. Wissenschaftler warnen vor Missbrauch.

      • Private Equity in Deutschland boomt

        Unternehmen günstig kaufen und mit Gewinn verkaufen. Das ist das Konzept von Private Equity-Gesellschaften. Sie sind in Deutschland nach wie vor sehr aktiv, wie eine aktuelle Studie zeigt.

      • Zu wenig Innovation vor lauter Transformation

        Im BCG-Innovations-Ranking 2018 liegen US- und Digitalunternehmen klar vorn. Deutsche Firmen sind erst ab Platz 21 zu finden. Doch was hemmt hierzulande eigentlich die Innovationskraft?

      • Talentierte Mitarbeiter finden und binden

        Im hart gewordenen "War for Talents", in dem Fachkräfte begehrter denn je sind, vergessen Unternehmen offenbar, auf die internen Talente zu setzen. Dabei schlummern in der Belegschaft oft ungeahnte Potenziale.

      • Digitalisierung in betrieblicher Altersvorsorge angekommen

        Mittlerweile ist die Digitalisierung auch in der betrieblichen Altersvorsorge angekommen. Die aktuelle Mercer-Studie deckt Details auf und erklärt, wieso sich zwei Drittel der befragten Unternehmen eine digitale Informationsplattform wünschen.

      • Industrie 4.0 – und Schicht im Schacht?

        Je nach Standpunkt und Blickwinkel scheint der Trend zu Digitalisierung und Vernetzung der Industrie zur Industrie 4.0 positive oder negative Auswirkungen auf die Arbeitsplatzentwicklung zu versprechen. Wirtschaftsforscher haben jetzt eine Gesamtschau versucht.

      • Agile Führung zur Stärkung der Veränderungsintelligenz

        Braucht Agilität überhaupt noch Führung? Oder sind Führung und Agilität nicht ein Widerspruch in sich? Wie das Konzept der Veränderungsintelligenz zeigt, hängt die Antwort vom jeweiligen Agilitätskontext ab, so Gastautorin Antje Freyth.

      Autoren der Definition und Ihre Literaturhinweise/ Weblinks

      Privatdozent Dr. rer. soc. Fred Henneberger
      Universität St. Gallen (HSG)
      Dozent für Volkswirtschaftslehre
      Prof. Dr. Berndt Keller
      Universität Konstanz,
      FB Politik-/Verwaltungswissenschaft
      - Arbeits- und Sozialpolitik -
      Professor
      Prof. Dr. Thomas Bartscher
      Technische Hochschule Deggendorf
      Professor für die Lehrgebiete Human Resources Management, Innovations- und Transformationsmanagement
      Regina Nissen
      IPP-Institut GmbH
      Geschäftsführung

      Bücher

      Literaturhinweise SpringerProfessional.de

      Springer Professional - Die Flatrate für Fachzeitschriften und Bücher
      Dieser Beitrag gibt einen Überblick über den Themenkomplex Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik aus politik- und wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive. Arbeitsmarktpolitik verbindet ökonomische mit sozialpolitischen Zielsetzungen: …
      Arbeitsmarktpolitik im weiteren Sinne — deckungsgleich mit „Beschäftigungspolitik“ — bezeichnet die institutionellen, prozessualen und entscheidungsinhaltlichen Dimensionen globaler politischer Steuerung des Arbeitsangebotes und der …
      Langsam wird das beschäftigungspolitische Profil der großen Koalition deutlich. Wie unterscheidet es sich von den Reformen der rot-grünen Regierungszeit? Oder zeigt sich eine längerfristige Kontinuität bei den Arbeitsmarktreformen in

      Sachgebiete