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Dependencia-Theorien

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    Ausführliche Definition

    1. Begriff und Hintergrund: a) Dependencia-Theorien sehen die Unterentwicklung der Dritten Welt in erster Linie als Folge ihrer unausgewogenen Einbindung in die Weltwirtschaft. Ihre Eingliederung in den kapitalistischen Weltmarkt, erzwungen durch Kolonialismus, Imperialismus und Neokolonialismus war verbunden mit Ausbeutung, der Entstehung von Strukturdefekten und strukturellen Abhängigkeiten. Dependencia-Theorien entstanden Mitte der 1960er-Jahre in Lateinamerika, beherrschten in kürzester Zeit die sozialwissenschaftliche Diskussion und nahmen dort erheblichen Einfluss auf die praktische entwicklungspolitische Diskussion. Die Enttäuschung über die Ergebnisse der von den Vereinten Nationen proklamierten Entwicklungsdekade brachte die bis dahin verfolgte Modernisierungsstrategie in Misskredit.

    b) Als alternatives Erklärungsmuster wird Unterentwicklung nicht als ein Zurückbleiben hinter dem Entwicklungsstand der Industrieländer gesehen, sondern als Konsequenz effizienter Weltmarktintegration.

    2. Einordnung und methodisches Vorgehen: Dependencia-Theorien greifen auf Ergebnisse der Imperialismustheorie, der Prebisch-Singer-These, des Verelendungswachstums und der entwicklungspolitischen Kontereffekte zurück. Im Gegensatz zur Modernisierungstheorie wird Unterentwicklung nicht als endogen, sondern als exogen verursacht dargestellt (Entwicklungstheorie). Unterentwicklung ist damit kein geschichtlicher Naturzustand, sondern das Ergebnis eines historischen Prozesses, dessen Determinanten zu untersuchen sind.

    Die Dependencia-Theorien entwickelten sich in verschiedenen Ausprägungen: Sozialistische Autoren betonen den Gedanken der Ausbeutung und Mehrwertaneignung seitens der Industrieländer. Andere Autoren streben eine Neue Weltwirtschaftsordnung an. Strukturelle Heterogenität galt als wichtiges Merkmal peripherer Entwicklungsgesellschaften (Strukturalismus). Die rasche Verschlechterung der Terms of Trade führe zur Verschuldungskrise. Gefordert wird eine Abkoppelung aus der Weltwirtschaft (autozentrierte Entwicklung) und eine Politik der Importsubstitution.

    3. Hauptkomponenten einer „abhängigen” Entwicklung: Nach der direkten Ausbeutung während der Kolonialzeit wurden die Entwicklungsländer der klassischen internationalen Arbeitsteilung unterworfen, die nur einer kleinen metropolitanen Schicht Wohlfahrt brachte. Die Masse der Bevölkerung wurde von der Entwicklung ausgeschlossen. Entwicklungsländer wurden in zunehmendem Maße von Industrieländern abhängig: Von den importierten Investitionsgütern, von der Exportnachfrage nach ihren Rohstoffen und in ihrer Produktionsstruktur. Abhängigkeit, Strukturdefekte und Ausbeutung sind damit nicht nur Ausdruck der Unterentwicklung, sondern sie haben auch negative Entwicklungswirkungen.

    Merkmale: Charakterisiert wird die Abhängigkeit durch Phänomene wie hoher Anteil ausländischer Investitionen im modernen Sektor, Stützung der Industrialisierung auf ausländische Technologien, Angewiesenheit des Absatzes auf einseitig vermachtete Exportmärkte, finanzielle Abhängigkeit durch z.T. hohe Auslandsverschuldung. In Entwicklungsländern bildet sich eine strukturelle Heterogenität heraus, deren Interpretation theoretisch kaum fundiert werden kann. Der Ausdruck Heterogenität steht oft für soziale Ungerechtigkeit, mangelnde Integration (Partizipation) der Masse der Bevölkerung in den Entwicklungsprozess und unzulängliche Ausschöpfung des verfügbaren Entwicklungspotenzials. Ausbeutung wird entweder im Marxschen Sinn als Aneignung des Mehrwerts oder im Sinn der Imperialismustheorie durch ungleichen Tausch dargestellt. Für vergleichbare Leistungen erhalten Arbeiter der Entwicklungsländer ein geringeres Entgelt als die der Industrieländer. Die Verschlechterung der Terms of Trade führt zu einem Einkommenstransfer von armen Entwicklungsländern in wohlhabende Industrieländer. Als Vehikel dazu dient der Transfer hoher Gewinne ins Ausland durch ausländische Investoren, wodurch es ggf. zu einer Dekapitalisierung der Peripherie kommt.

    4. Beurteilung: Bis in die 1970er-Jahre beherrschten Dependencia-Theorien die sozialwissenschaftliche Diskussion Lateinamerikas und auch die entwicklungstheoretische Debatte in Deutschland. Die Übertragung des Ansatzes auf die Afrika-Forschung blieb fast aus, obgleich der Begriff des Neokolonialismus dort aufgegriffen wurde. Die Auswirkungen auf die asiatische Diskussion blieb unbedeutend. Die Wachstumserfolge ostasiatischer Schwellenländer mit weltmarktorientierter Industrialisierungsstrategie und unbestreitbaren Wachstumserfolgen unter Beachtung einer autozentrierten Entwicklung widersprachen den dependenztheoretischen Annahmen. Die heterogene Entwicklung der Entwicklungsländer ließ sich mithilfe der einfachen Zweiteilung der Welt in Zentrum und Peripherie nicht mehr erklären. Die starke Fixierung auf die exogene Ursache der Weltmarktintegration zeigte bei unterschiedlichen Reaktionen der Entwicklungsländer auf die Weltmarktintegrierung, dass die endogenen Ursachen der Unterentwicklung stark unterschätzt wurden.

    Modifikation: Einige Dependencia-Theorien korrigierten ihre Konzeption (exemplarisch: D. Senghaas), sodass unterschiedliche Transformations- und Innovationsfähigkeiten der einzelnen Gesellschaften analysiert wurden. Damit wurden Gedanken der Modernisierungstheorien aufgegriffen.

    Kritik wird an der einseitigen Analyse und unklaren Begriffsabgrenzungen geübt. Abhängigkeit und Unterentwicklung werden gleich definiert, obgleich Abhängigkeit für Unterentwicklung ursächlich sein soll. Auch der Begriff der Ausbeutung trifft auf die internationalen Wirtschaftsbeziehungen nicht unbedingt zu, da nicht jeder Gewinn als Ausbeutung bezeichnet werden kann. Teilweise wurde Ausbeutung auch durch die Wirtschaftspolitik der Entwicklungsländer hervorgerufen. Ebenfalls bereitet der Begriff strukturelle Heterogenität Schwierigkeiten, da sie im Grunde genommen bei jedem Wachstum auftritt, eine strukturelle Homogenität wäre bei unterschiedlicher Produktivität von Produktionsfaktoren und unterschiedlicher Verteilung von Ressourcen kaum möglich. Während die Beschreibungen der Dependencia-Theorien als Situationsanalyse für Teile der Dritten Welt nicht an Aktualität verloren hat, sind ihre wirtschaftspolitischen Rezepte als gescheitert anzusehen. Entwicklung wurde nicht durch Abkoppelung, sondern durch die Herausforderung des internationalen Wettbewerbs ermöglicht. Übrigens leiden Dependencia-Theorien an verschwommenen wirtschaftspolitischen Vorstellungen, die konkrete wirtschaftspolitische Maßnahmen zur Verbesserung der ökonomischen Entwicklung vermeiden und kaum auf die zu verfolgende Industrialisierungsstrategie, Außenhandels-, Währungs-, Steuerpolitik etc. eingehen.

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      Autoren der Definition und Ihre Literaturhinweise/ Weblinks

      Prof. Dr. Martin Klein
      Martin-​Luther-​Universität Halle-​Wittenberg,
      Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät,
      Lehrstuhl für Internationale Wirtschaftsbeziehungen

      Literaturhinweise SpringerProfessional.de

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      Die Dependencia, vor wenigen Jahren noch das Thema der entwicklungstheoretischen Diskussion und von manchen als Königsweg gefeiert, ist in Verruf geraten. Es ist schon beinahe Mode geworden, sich von dieser Theorierichtung zu distanzieren (z.B.
      Sozialer Wandel kann als die prozessuale Veränderung der Sozialstruktur einer Gesellschaft in ihren grundlegenden Institutionen, Kulturmustern, zugehörigen sozialen Handlungen und Bewusstseinsinhalten verstanden werden.

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