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Theorie der Unternehmung

Definition

Die  „Theorie der Unternehmung“ (synonym engl. „theory of the firm“) ist ein uneinheitliches Feld von Modellen und Theorien, deren Gegenstand die Wirtschaftseinheit „Unternehmung“ im Wirtschaftssystem Marktwirtschaft ist.

Die unter diesem Oberbegriff subsummierbaren Theorien und Modelle konstituieren logisch zusammenhängende Aussagen, um  Entstehungsgründe, Entwicklung und Verhalten der Unternehmung sowie ihre Beziehungen zum Markt zu beschreiben, zu erklären und zu prognostizieren. Dabei sind zunächst grundsätzlich ein betriebswirtschaftlicher und ein volkswirtschaftlicher Ansatz der „Theorie der Unternehmung“ zu unterscheiden:
a) Der betriebswirtschaftliche Ansatz beschäftigt sich mit konkreten Ausgestaltungen eines Betriebs bzw. Unternehmens, also mit den spezifischen Merkmalsausprägungen von Unternehmen.
b) Der volkswirtschaftliche Ansatz befasst sich nicht mit dem Besonderen, also mit Verhalten und Struktur von Unternehmen oder deren Teilen bzw. Merkmalsausprägungen, sondern mit der Kategorie „Unternehmung“, also dem Allgemeinen aller Unternehmen.

Die Erkenntnisse der Theorie der Unternehmung sollen somit Allgemeingültigkeit erreichen, d. h. sie können grundsätzlich auf alle Unternehmen aller Branchen angewendet werden.

 

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Das Original: Gabler Wirtschaftslexikon

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    Ausführliche Definition

    1.  Begriff: Der Begriff „Unternehmung“ ist ein modell-theoretischer Gattungsbegriff für die wirtschaftlich und rechtlich selbstständige Organisationsform (Wirtschaftseinheit), die nach dem erwerbswirtschaftlichen Prinzip ausgerichtet ist (Gewinnorientierung). Als solches wird die Unternehmung von den Privathaushalten  abgegrenzt. Die Unternehmung ist im Wesentlichen ein mikroökonomischer (volkswirtschaftlicher) Begriff, während das Unternehmen das zentrale Erkenntnisobjekt der Betriebswirtschaftslehre ist. In diesem Sinne ist die Unternehmung nicht das Unternehmen oder der Betrieb in seiner konkreten Ausprägung, sondern die Gattung Unternehmung in ihrer gesamtwirtschaftlichen Wechselwirkung (Gutenberg).

    Die „Theorie der Unternehmung“ ist ein System ökonomischer Theorien und Theoreme. Ziel der Theorie der Unternehmung ist die Beschreibung der Unternehmung und deren Beziehungen zum Markt, die Erklärung der Existenz der Organisationsform Unternehmung sowie die  Prognose des Verhaltens und der Struktur der Unternehmung in allgemeiner Form. Die Theorie der Unternehmung versucht also ein System von deskriptiven (beschreibenden) und  kausalen (erklärenden) Aussagen über die Unternehmung zu erarbeiten, die für alle Unternehmen, also für eine Vielzahl von konkreten Erscheinungsformen und Merkmalsausprägungen gelten und  Prognosen ermöglichen.

    Die  „Theorie der Unternehmung“ (synonym engl. „theory of the firm“) ist ein uneinheitliches Feld von Modellen und Theorien. So ist die disziplinäre  Zuordnung der „Theorie der Unternehmung“  umstritten. Entsprechend gibt es eine betriebswirtschaftliche „Theorie der Unternehmung“ bzw. kann die Betriebswirtschaftslehre (BWL) selbst als „Theorie der Unternehmung“ gesehen werden.  Hingegen fokussiert die volkswirtschaftliche „Theorie der Unternehmung“ stärker auf die volkswirtschaftliche Funktion der Unternehmung insbes. in Form der  angelsächsischen „theory of the firm“.

    In der in Deutschland üblichen Aufteilung der Wirtschaftswissenschaften in BWL und VWL ist die BWL als Theorie der Unternehmung von volkswirtschaftlichen Theorien der Unternehmung zu unterscheiden.  Die volkswirtschaftliche Theorie der Unternehmung entspricht weitgehend der angelsächsischen „theory of the firm“.

    Insofern ergeben sich mindestens drei Anwendungsfelder bzw. Ursprünge einer Theorie der Unternehmung:
    a) eine  „Theorie der Unternehmung“ als Gegenstandsdefinition der BWL,
    b) die Betriebswirtschaftslehre als „Theorie der Unternehmung“,
    c) eine volkswirtschaftliche Theorie der Unternehmung.

    2. Forschungsgegenstand: a) „Theorie der Unternehmung“ als Gegenstandsdefinition der BWL
    Nach Gutenberg, Begründer der modernen deutschen BWL, ist das erwerbswirtschaftliche Prinzip, also die Erzielung eines größtmöglichen Gewinns auf eingesetztes Eigenkapital („Eigenkapitalrentabilität“ oder auch „Unternehmerrentabilität“) die Differenz zwischen der Unternehmung und  anderen Wirtschaftseinheiten, also „Öffentlichen Haushalten“, „Privathaushalten“ sowie „Öffentlichen Betrieben und Verwaltungen“, in denen das Prinzip der angemessenen Gewinnerzielung und der Kostendeckung wirksam ist.

    Kosiol (1972) sieht als konstitutive Merkmale der Unternehmung die Funktion der Fremdbedarfsdeckung über den Markt (Leistungen für Dritte im Gegensatz zu den privaten Haushalten), die wirtschaftliche und finanzielle Selbständigkeit (im Gegensatz zu den öffentlichen Haushalten und öffentlichen Betrieben) und die Übernahme unternehmerischen Risikos auf der Basis unternehmerischer Freiheit.

    Insgesamt identifiziert die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre  folgende, in allen Unternehmen empirisch vorfindbare Merkmale:
    Eine Unternehmung setzt originäre und derivative Produktionsfaktoren für die Erstellung von Leistungen für Dritte (Fremdbedarfsdeckung) ein.
    Im Gegensatz zu anderen Wirtschaftssubjekten sind für die Unternehmung das Autonomieprinzip, das erwerbswirtschaftliche Prinzip sowie das Prinzip des Privateigentums konstitutiv.
    Das Prinzip der Wirtschaftlichkeit und des finanziellen Gleichgewichts sind Funktionsvoraussetzungen der Unternehmung.
    Die Unternehmung trifft Entscheidungen über knappe Güter unter Berücksichtigung des Prinzips der Wirtschaftlichkeit und des finanziellen Gleichgewichts sowie auf der Basis des Autonomieprinzips.

    b) Die BWL als Theorie der Unternehmung: Die BWL als wissenschaftliche Disziplin ist in die verschiedenen Teilbereiche der Unternehmung aufgegliedert, die gesondert behandelt werden, sodass die Betriebswirtschaftslehre im Grunde keine geschlossene Theorie der Unternehmung ist (allgemeine Betriebswirtschaftslehre). Neben der Aufgliederung nach Unternehmensfunktionen wie Marketing, Personal etc. haben sich auch branchenspezifische Aufspaltungen entwickelt (spezielle Betriebswirtschaftslehren), die eben nicht die Unternehmung im Allgemeinen, sondern deren spezifischen Ausprägungen in verschiedenen Branchen behandeln wie z. B. die Bankbetriebslehre, Industriebetriebslehre oder die Handelsbetriebslehre.

    Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre als Theorie der Unternehmung sind alle in der Unternehmung ablaufenden Prozesse, die mit dem betrieblichen Umsatzprozess i.w.S. zu tun haben. Er erstreckt sich auf die Funktionsbereiche Beschaffung, Produktion (Umsatzprozess i.e.S.), Absatz, Management und Finanzierung. Die BWL verwendet verschiedene theoretische Ansätze bzw. Perspektiven, aus denen die Unternehmung betrachtet wird (z.B. faktor-, entscheidungs-, verhaltens-, systemtheoretischer Ansatz). Die Unternehmung wird als Aktionszentrum (Kosiol) und Entscheidungseinheit mit ihren vielfältigen Umweltbeziehungen als sozio-ökonomisches System gefasst. Von bes. Bedeutung sind der unternehmensinterne Prozess der Ziel- und Entscheidungsbildung sowie wirksame Anreizmechanismen, die kooperative Verhaltensweisen erzeugen (Verhaltenstheorie der Unternehmung). In der BWL werden die verschiedenen Teilbereiche der Unternehmung i.d.R. gesondert behandelt, sodass nicht von einer geschlossenen Theorie der Unternehmung gesprochen werden kann. Neben der funktionalen Differenzierung wird zudem eine branchenspezifische Aufspaltung des Untersuchungsgegenstandes Unternehmung vorgenommen (z.B. Bankbetriebslehre, Industriebetriebslehre, Handel, Produktion, Absatz etc.), um den verschiedenen rechtlichen, institutionellen und ökonomischen Besonderheiten Rechnung zu tragen.

    c) Volkswirtschaftliche Theorie der Unternehmung: Das Forschungsprogramm der VWL fokussiert nicht unmittelbar das Verhalten einzelner Wirtschaftssubjekte, sondern das Gesamtergebnis einer Vielzahl an individuellen Zielen orientierter, autonomer Handlungen der Wirtschaftseinheiten. Die Unternehmung in der volkswirtschaftlichen Theorie fußt also nicht auf der „Assoziation mit der wirklichen Unternehmung“ (Krüsselbert).  Vielmehr wird die Unternehmung verstanden
    als Institution der Wirtschaft, die auf Faktormärkten als Nachfrager von Produktionsfaktoren (Arbeit, Boden, Kapital, Information, Energie) auftritt,
    diese zur Erstellung von Produkten und Leistungen nutzt,
    die wiederum auf Gütermärkten angeboten werden,
    und die nach dem erwerbswirtschaftlichen Prinzip (Gewinnorientierung) und dem Ziel höchstmöglicher Eigenkapitalrentabilität arbeitet.

    In der mikroökonomischen Theorie haben Unternehmen eine doppelte Funktion: die Produktion von Gütern und Diensten zum Zweck der Bedürfnisbefriedigung (Konsum) bzw. zur Weiterverarbeitung (Zwischenprodukte) sowie zur Wertschöpfung durch die Kombination von Produktionsfaktoren,
    die Verteilung von Einkommen und Ressourcen.

    Insofern betrachtet die Mikroökonomie die Unternehmung  zunächst als Produktionsfunktion, deren Entstehungsgrund in den Vorteilen der Arbeitsteilung (Smith)  und der niedrigeren Transaktionskosten im Vergleich zur Markkoordinierung ist. Sie wird durch den Preismechanismusden in der VWL traditionell dominierenden Koordinationsmechanismus – koordiniert, sodass die Unternehmung in der mikroökonomischen Theorie der Unternehmung zunächst im Rahmen der Preistheorie behandelt wird. Marshall's Theorie der Unternehmung ist ein integraler Teil seiner Preistheorie. Die Unternehmung akzeptiert den Preis eine Gutes als gegeben und passt Produktionskosten und Ausbringungsmenge diesem an. Am Beispiel einer „representative firm“ – einer repräsentativen Firma, die weder besondere Wettbewerbsvorteile noch -nachteile aufweist – erklärt Marshall, dass Wettbewerb die Gewinnspanne aller Unternehmungen angleicht, dadurch die Produktionskosten  insgesamt minimiert werden und in Folge der Konsument den niedrigst möglichen Preis  erhält. Dies führe zu einer immer besseren Organisation in der Unternehmung und zur Steigerung der Gesamtwohlfahrt.

    Der wesentliche Gegenstandsbereich der mikroökonomischen Betrachtung der Unternehmung ist also das Problem der Outputmaximierung (Maximalproduktkombination) und das der Kostenminimierung (Minimalkostenkombination) zum Zwecke der Gewinnmaximierung auf der Basis des Preismechanismus.

    Während die Betriebswirtschaft die Existenz der Unternehmung nicht weiter problematisiert, fragt die Theorie der Unternehmung danach, warum es diese Organisationsform überhaupt gibt. Da die Unternehmung ein hierarchischer Koordinationsmechanismus ist, wäre das aus Sicht der klassischen und neoklassischen Theorie eigentlich ineffizient. Die Frage, weshalb es Unternehmungen gibt und wie ihre Grenzen bestimmt werden, wenn es bereits einen leistungsfähigen Koordinationsmechanismus in Form des Marktes gibt, hat das Marktversagen bzw. das Versagen des Preismechanismus zum zentralen Erklärungsansatz werden lassen (Coase: Theory of the Firm). Das Marktversagen wird verursacht durch die Kosten der Marktbenutzung in Form von Informations- und Vertragskosten (vgl. Transaktionskostentheorie der Unternehmung). Verträge und ihre Eigenschaften spielen deshalb eine zentrale Rolle für die Erklärung ökonomischer Beziehungen von Vertragspartnern innerhalb und mit der Unternehmung (vgl. Prinzipal-Agent-Theorie der Unternehmung).

    Die angelsächsische Theory of the Firm (insbesondere Coase, Penrose, Chandler, Kirzner) ist als Kritik entstanden, an der Vorstellung der Unternehmung als Signalverarbeitungsrelais von Preisinformationen, die  nur entsprechend dieser Signale Ressourcen-Allokationen vornimmt. Coase: Transaction cost theory (1937: The Nature of the Firm) forderte ein „realistic theory of the firm in economics“. Seit Adam Smith habe die Wirtschaftswissenschaft zu sehr nur die „unsichtbare Hand“ untersucht.  In Anlehnung an Marshall sieht Coase den Ursache für die Gründung von Firmen darin, Transaktionskosten für die Koordination der Produktion zu senken, die höher wären, wenn die Produktion oder Leistungserstellung über den Markt organisiert wäre. Mit zunehmender Wertschöpfungstiefe sinken die externen Transaktionskosten durch imperfekte Information und Koordinationsaufwand.

    Auch ist bereits von Schumpeter und Hayek die allgemeine Gleichgewichtstheorie (Smith: die „unsichtbare Hand“) der klassischen und neoklassischen Theorie kritisiert worden, da Innovationssprünge und längere konjunkturelle Wellen nicht erklärt werden könnten. Dies hat zur Frage nach der Rolle der Unternehmung im Entwicklungs- und Innovationsprozess geführt und zu einer dynamisch-evolutorischen Theorie der Unternehmung. Nach dieser ist die Unternehmung eng verbunden mit dem Unternehmer als zentralem Akteur. Der Unternehmer kombiniert die Produktionsfaktoren nicht nach Preissignalen, sondern in Form von Produkt-, Prozess-, Management-, Vermarktungs- oder Designinnovationen. Er ist damit die „sichtbare Hand“ (Chandler) und − nach Schumpeter − die „treibende Kraft“ der Wirtschaft. Die Unternehmung ist so Instrument zur Umsetzung unternehmerischer Ideen.

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