Direkt zum Inhalt

Wirtschaftsgeografie

Definition

Die Wirtschaftsgeografie beschäftigt sich mit der räumlichen Dimension wirtschaftlicher Prozesse und Aktivitäten. An der Schnittstelle zwischen Geowissenschaften, Geografie und Wirtschaftswissenschaften untersucht sie das Verhältnis von Wirtschaft und Raum und bemüht sich deshalb um eine Synthese von Wirtschaftsforschung und geografischer Forschung. Hierbei findet die Wirkung natürlicher Raumfaktoren auf wirtschaftliches Handeln (bzw. umgekehrt) bes. Beachtung.

GEPRÜFTES WISSEN
Über 200 Experten aus Wissenschaft und Praxis.
Mehr als 25.000 Stichwörter kostenlos Online.
Das Original: Gabler Wirtschaftslexikon

zuletzt besuchte Definitionen...

    Ausführliche Definition

    Inhaltsverzeichnis

    1. Begriff
    2. Forschungsgegenstände
    3. Klassifizierung
    4. Fachliche Entwicklungs- und Forschungstraditionen

    Begriff

    Die Wirtschaftsgeografie beschäftigt sich mit der räumlichen Dimension wirtschaftlicher Prozesse und Aktivitäten. An der Schnittstelle zwischen Geowissenschaften, Geografie und Wirtschaftswissenschaften untersucht sie das Verhältnis von Wirtschaft und Raum und bemüht sich deshalb um eine Synthese von Wirtschaftsforschung und geografischer Forschung. Hierbei findet die Wirkung natürlicher Raumfaktoren auf wirtschaftliches Handeln (bzw. umgekehrt) bes. Beachtung. Daneben weisen auch Schnittstellen zu Disziplinen im weiteren Feld der Sozialwissenschaften, so z.B. im soziokulturellen Bereich, hohe Relevanz auf. Zentraler Forschungsgegenstand ist der Wirtschaftsraum in seinen verschiedenen Maßstabsebenen bzw. wirtschaftliche Aktivitäten von Akteuren in räumlicher Perspektive. Es gilt, alle vom Wirtschaftsleben ausgehenden bzw. darauf einwirkenden Interaktionen sowie Struktur- und Prozessmechanismen auf ihre Raumrelevanz hin zu untersuchen. Generelles Ziel ist es, räumliche Verbreitungs- und Verknüpfungsmuster bzw. Organisations- und Interaktionsformen, die sich aus dem wirtschaftlichen Handeln unterschiedlicher Akteure ergeben, zu erfassen und fachlich zu bewerten.

    Forschungsgegenstände

    Das Forschungsgebiet der Wirtschaftsgeografie ist heute zum größten Teil in dem weiten Überlappungsbereich zwischen Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften angesiedelt. Sowohl Forschungsmethodik als auch Fragestellungen orientieren sich stark an denen der benachbarten Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Im Einzelnen lassen sich folgende Forschungsgegenstände bzw. Aufgabenstellungen anführen:

    • Standortforschung (Standort): Analyse des Verhaltens bei der Standortwahl; Durchführung von Standortanalysen; Entwicklung von Konzepten zur betrieblichen Standortplanung; Gründungsforschung, Clusteranalysen (Cluster).
    • Regionale Strukturforschung: Erforschung der Ursachen und Entwicklung regionaler Disparitäten sowie daraus Ableitung von Maßnahmen der Regionalpolitik und Regionalentwicklung.
    • Risiko- bzw. Hazardforschung (Risiko): Untersuchung der Auswirkungen bestimmter Risikokategorien (Natural Hazards, Man-made Hazards, Social Hazards) auf einzelne Wirtschaftsräume.
    • Ressourcenforschung: Analyse der Knappheit und Verteilung von Rohstoffen und Ressourcen, ihres Einsatzes in der Wirtschaft, ihrer Regenerierbarkeit (Recycling), Erkundung und Bewertung der Gewinnungs-, Transport- und Nutzungsrisiken.
    • Internationalisierung der Wirtschaft: Untersuchung der Raumwirksamkeit von Organisationsformen und Unternehmensentscheidungen auf internationaler Ebene (z.B. internationale Verteilung von Wertschöpfungsaktivitäten, internationale Standortwahl, Außenhandels­verflechtungen, Direktinvestitionen) unter Berücksichtigung zeitlicher Veränderungen und regional differierender Einflüsse (z.B. Länderrisiken, kulturelle Faktoren).
    • Strukturwandel in räumlicher Perspektive: Der Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft; die Verschiebung des ökonomischen Schwerpunktes von der industriellen Massenproduktion hin zu flexiblen, spezialisierten Produktionssystemen; die Globalisierung wirtschaftlicher Prozesse bei gleichzeitiger Bildung regionaler Unternehmenskonzentrationen und Aufwertung regionaler Bezüge; die Ausbreitung regionaler und supranationaler Integrationssysteme (z.B. die Erweiterungen der Europäischen Union); die Transformation der Wirtschaftssysteme in den ehemaligen sozialistischen Staatshandelsländern, d.h. der Übergang von der Zentralverwaltungs- zur Marktwirtschaft; der Primat einer nachhaltigen, d.h. sozialökologischen Modernisierung der Wirtschaft.

    Klassifizierung

    Nach ihrem räumlichen Anwendungsbezug lässt sich die Wirtschaftsgeografie wie folgt unterscheiden: Die Allgemeine Wirtschaftsgeografie befasst sich mit den allgemeinen Regelhaftigkeiten und Gesetzmäßigkeiten von Wirtschaftsräumen. Theoriegeleitet versucht sie, den Nachweis räumlicher Verbreitungs- und Verknüpfungsmuster als Resultat ökonomischer Aktivitäten des Menschen und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen in ihrer Raumbedingtheit bzw. Raumwirksamkeit zu erbringen. Die Regionale Wirtschaftsgeografie untersucht dagegen die spezifischen, individuellen Systemelemente und Entwicklungsmerkmale einzelner Wirtschaftsräume, die sich von der Mikro-, über die Makro-, bis hin zur globalen Ebene erstrecken können. Die Angewandte Wirtschaftsgeografie hält ein Grundlagenwissen zur Bearbeitung raumbezogener und raumfunktionaler Probleme des praktischen Lebens bereit (z.B. die Evaluierung von Maßnahmen zur Wirtschaftsförderung bzw. zur Entwicklung ländlicher oder industrieller Räume) und wird - oftmals planerische und interdisziplinäre Ziele verfolgend - für außerwissenschaftliche Bedürfnisse betrieben. Nach Produktionszweigen bzw. Wirtschaftssektoren kann die Wirtschaftsgeografie in die Agrargeografie, die Bergbaugeografie, die Industriegeografie und die Geografie des Tertiären Sektors (v.a. Dienstleistungsgeografie, Handelsgeografie, Verkehrsgeografie, Freizeitgeografie, Tourismusgeografie) unterteilt werden. Die Wirtschaftsgeografie weist ferner Verbindungen zu anderen Teilbereichen der Humangeografie auf. So bestehen thematische Anknüpfungspunkte u.a. zur Siedlungsgeografie (z.B. Wirtschaftsstrukturen und Standortmuster städtischer oder ländlicher Siedlungen), zur Bevölkerungsgeografie (z.B. die Raumwirksamkeit des Arbeits- und Freizeitverhaltens einzelner Bevölkerungsgruppen) sowie zur Politischen Geografie (z.B. die Auswirkungen der räumlichen Lage einschließlich der politisch-administrativen Untergliederung von Staaten sowie deren prägenden politischen Kräfte auf die nationalen und internationalen Wirtschaftsbeziehungen). Wirtschaftsgeografische Aspekte kommen ferner auf dem Gebiet der Regional Governance zum Tragen. Thematische Beziehungen bestehen auch zu einzelnen Teilbereichen der Physischen Geografie. So weist z.B. die Agrargeografie Anknüpfungspunkte zur Klima-, Vegetations- und Bodengeografie auf. Enge Verbindungen zur Geomorphologie und Hydrogeografie gehen u.a. - neben ihren Bezügen etwa zur Geologie und Mineralogie - von der Bergbaugeografie aus, indem diese sich mit der durch bergbauliche Tätigkeiten veränderten Natur- (und Kultur-)landschaft sowie Problemen der Rekultivierung bzw. dem Flächenrecycling von Bergbauregionen befasst. Eine weitere Schnittstelle ist mit der umweltbezogenen Risikoforschung auszumachen. Denn einerseits können bestimmte wirtschaftsräumliche Nutzungsentscheidungen (z.B. ein exponierter Industrialisierungsdruck oder der Einsatz spezifischer Technologien in stark naturgefährdeten Regionen) eine Ursache bzw. Verstärkung der Gefahr durch länder- bzw. regionsspezifische Naturrisiken darstellen. Andererseits beschäftigt sich die Wirtschaftsgeografie auch mit der Erfassung und der Analyse der regionalwirtschaftlichen Auswirkungen von Naturgefahren.

    Fachliche Entwicklungs- und Forschungstraditionen

    Im Rahmen der wirtschaftlichen Länderkunde versteht sich die Wirtschaftsgeografie bis ins 19. Jh. als Wirtschaftskunde der Staaten auf der Grundlage des funktionalen Ansatzes. Sie versucht, wirtschaftliche Grundfunktionen in ihren räumlichen Strukturen und Prozessen abzubilden. Wirtschaftsgeografische Forschung reichte i.d.R. zunächst nicht über eine deskriptiv ausgerichtete Empirie hinaus. Im raumwirtschaftlichen Paradigma (raumwirtschaftlicher Ansatz, Raumwirtschaftslehre) stehen nicht mehr die länderspezifische Wirtschaftskunde und die Beschreibung von Wirtschaftslandschaften, sondern die wissenschaftlich fundierte Erklärung der räumlichen Verteilung und funktionalen Verflechtungen einzelner Elemente (z.B. Standortstrukturen, Handelsbewegungen, Unternehmenskonzentrationen), die aufgrund räumlicher Gesetzmäßigkeiten aufgezeigt, erklärt und bewertet werden sollen, im Mittelpunkt. Der Raum wird zumeist als Kostenfaktor betrachtet, wodurch ökonomische Theorien in die Wirtschaftsgeografie integriert werden (z.B. Industriestandorttheorie, Thünen-Modell, System zentraler Orte). Das unterstellte Menschenbild ist stets der Homo oeconomicus. Kritisiert wird an dieser Richtung der Wirtschaftsgeografie, dass Räume als Untersuchungsobjekte quasi personifiziert und zu Akteuren gemacht werden, während sozial- und verhaltenswissenschaftliche Parameter weitgehend ausgeblendet bleiben. Eine Gegenposition stellt die New Economic Geography dar, die sich durch Kritik und zunehmende Komplexität in der Untersuchung ökonomischer und sozialer Prozesse gegenüber dem raumwirtschaftlichen Ansatz legitimiert. Im Gegensatz zum raumwirtschaftlichen Ansatz rücken im handlungs- und akteursorientierten Ansatz die Akteure (z.B. Individuen, Unternehmen, Organisationen) in den Fokus der Betrachtung, indem ihr Handeln als Ursache für räumliche Strukturen anerkannt wird. Das Ziel der rein-deterministischen Theorie- und Modellbildung wird zugunsten der Anschauung, dass das Handeln menschlicher Akteure nicht gesetzmäßig beschrieben werden kann, aufgegeben. Als Menschenbild des ökonomisch Handelnden wird der Satisfizer unterstellt. Ein jüngerer Ansatz ist die relationale Wirtschaftsgeografie. Dabei wird ökonomisches Handeln nicht als abstraktes, sondern als soziales, in konkrete Strukturen eingebundenes Handeln (Embeddedness) gesehen. Es werden nicht mehr isoliert räumliche Strukturen, sondern akteursgebundene Aspekte in räumlicher Perspektive, wie z.B. ökonomische Innovationen, unternehmensübergreifende Organisationsformen und Prozesse des kollektiv-institutionellen Lernens, analysiert.

    zuletzt besuchte Definitionen...

      Mindmap Wirtschaftsgeografie Quelle: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/wirtschaftsgeografie-51025 node51025 Wirtschaftsgeografie node42973 Standortwahl node51025->node42973 node46412 Standort node51025->node46412 node37380 Industriestandorttheorie node51025->node37380 node50573 Wirtschaftsformation node51025->node50573 node42206 Regionalanalyse node51025->node42206 node47900 Wirtschaftslandschaft node51025->node47900 node30617 Dienstleistungsgeografie node51025->node30617 node48607 Wirtschaftsraum node51025->node48607 node39624 Innovation node51025->node39624 node47662 Wirtschaftsgebiet node45087 Standorttheorie node37380->node42973 node37380->node45087 node37380->node46412 node46500 Standortdreieck node37380->node46500 node50573->node47900 node27829 Agrarlandschaft node27829->node47900 node47900->node42206 node48671 Verkehrsgeografie node48671->node51025 node48671->node48607 node38162 neue internationale Arbeitsteilung node39045 kreatives Milieu node34231 Freizeitgeografie node30617->node34231 node34910 Handelsgeografie node30617->node34910 node27943 Dienstleistungssektor node30617->node27943 node48607->node47662 node48607->node38162 node48607->node39045 node40581 Innovationsdichte node40581->node39624 node40363 Innovationsforschung node40363->node39624 node52239 Gründungsidee node52239->node39624 node54513 Corporate Entrepreneurship node54513->node39624 node34231->node51025 node34910->node51025
      Mindmap Wirtschaftsgeografie Quelle: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/wirtschaftsgeografie-51025 node51025 Wirtschaftsgeografie node30617 Dienstleistungsgeografie node51025->node30617 node39624 Innovation node51025->node39624 node48607 Wirtschaftsraum node51025->node48607 node47900 Wirtschaftslandschaft node51025->node47900 node37380 Industriestandorttheorie node51025->node37380

      News SpringerProfessional.de

      • Persönlichkeit und Motivation müssen stimmen

        Beim Besetzen vakanter Stellen achten Vertriebsleiter oft stärker auf die fachliche Qualifikation der Bewerber als auf deren Persönlichkeit und Motivation. Michael Schwartz, Leiter des Instituts für integrale Lebens- und Arbeitspraxis in Esslingen, erläutert, warum diese beiden Faktoren im Vertrieb so wichtig sind.

      • Neue Recruitingstrategien gegen den Fachkräftemangel

        Für den deutschen Mittelstand wird der Fachkräftemangel zum Geschäftsrisiko, zeigen Studien. Und die Situation soll sich noch verschärfen. Höchsten Zeit also, bei der Personalbeschaffung neue Weg zu gehen, so Gastautor Steffen Michel. 

      • Weniger IPO-Prospekt, dafür mehr Anlegerschutz

        Wer sich bislang per Börsengang Geld am Kapitalmarkt besorgen wollte, musste einen aufwendigen Prospekt erstellen. Eine Neuregelung sorgt jetzt bei kleineren IPOs (Initial Public Offering) für Abhilfe. Wie die Voraussetzungen aussehen, erklärt Rechtsanwalt Jörg Baumgartner in seinem Gastbeitrag.

      • Whatsapp startet Business-Offensive

        Im Servicefall können Verbraucher einige Unternehmen bereits über den Messenger-Dienst Whatsapp kontaktieren. Doch was passiert, wenn der Kundenservice Nachrichten initiativ versendet? Ein neues Business-Tool soll genau das ermöglichen.

      • Kundennutzenmodelle im B2B-Vertrieb von E-Marktplätzen

        Elektronische B2C-Marktplätze müssen ihre über Jahre errungene dominante Marktstellung in Gewinne umzumünzen, ohne ihre Marktstellung zu gefährden. Dazu gehört, Preise für langjährige Händler drastisch zu erhöhen. Kundennutzenmodelle spielen dabei eine wichtige Rolle.

      • "Belastete Geschäftsmodelle sind meistens nicht genug innoviert"

        Der ehemalige Roland-Berger-Krisenberater Thomas Knecht hat an der Spitze von Hellmann den Turnaround des weltweiten Logistikers geschafft. Branche und Wirtschaft fordert er zu mehr Wachsamkeit auf. Im Interview spricht er über Anpassungsfähigkeit und Insolvenzschutz.

      Autoren der Definition und Ihre Literaturhinweise/ Weblinks

      Prof. Dr. Hans-Dieter Haas
      Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie,
      Ludwig-Maximilians-Universität München
      o. Univ.-Prof. i. R.
      Dr. Simon-Martin Neumair
      Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie
      Ludwig Maximilians-Universität

      Bücher

      Zeitschriften

      Schamp, E. : Raum, Interaktion und Institution: Anmerkungen zu drei Grundperspektiven der deutschen Wirtschaftsgeographie
      47. Jg., Nr. 3/4, 2003, S. in: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie, S. 145-158

      Literaturhinweise SpringerProfessional.de

      Springer Professional - Die Flatrate für Fachzeitschriften und Bücher
      Von der Arrondierung über Footloose Industry und Isolinien bis zur Zeitdistanzmethode: Die Sprache der Wirtschaftsgeografie ist von zahlreichen Fachtermini und Anglizismen geprägt. Einen ersten schnellen Überblick verschafft das vorliegende Nachsc

      Sachgebiete

      Interne Verweise