Direkt zum Inhalt

Bilanzanalyse

Definition

das Zerlegen und Aufgliedern des Jahresabschlusses bzw. Konzernabschlusses einschließlich des darauf aufbauenden Beurteilungsvorgangs der Lage und Entwicklung einer Unternehmung. Gegenstand der Bilanzanalyse ist nicht nur die Bilanz, sondern der (Konzern-)Jahresabschluss, bestehend aus Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung (GuV) und Anhang, bei Kapitalgesellschaften auch dem Lagebericht.

GEPRÜFTES WISSEN
Über 200 Experten aus Wissenschaft und Praxis.
Mehr als 25.000 Stichwörter kostenlos Online.
Das Original: Gabler Wirtschaftslexikon

zuletzt besuchte Definitionen...

    Ausführliche Definition

    Inhaltsverzeichnis

    1. Begriff/Zweck
    2. Arten
    3. Methoden und Aussagewert

    Bilanzkritik.

    Begriff/Zweck

    1. Begriff: das Zerlegen und Aufgliedern des Jahresabschlusses bzw. Konzernabschlusses einschließlich des darauf aufbauenden Beurteilungsvorgangs der Lage und Entwicklung einer Unternehmung. Gegenstand der Bilanzanalyse ist nicht nur die Bilanz, sondern der (Konzern-)Jahresabschluss, bestehend aus Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung (GuV) und Anhang, bei Kapitalgesellschaften auch dem Lagebericht. Der Konzernabschluss besteht zusätzlich aus einer Kapitalflussrechnung und einem Eigenkapitalspiegel. Er kann um eine Segmentberichterstattung erweitert werden. Kapitalmarktorientierte Mutterunternehmen haben einen Konzerabschluss nach den in der EU anerkannten IFRS aufzustellen (§ 315 a HGB).

    2. Aufgaben: bes. die Beurteilung der finanziellen und ertragsmäßigen Lage und Entwicklung in der Vergangenheit und für die Zukunft, da die Liquidität und die Rentabilität bei auf Gewinnerzielung ausgerichteten Unternehmen Existenzvoraussetzungen sind (Zahlungsunfähigkeit ist bei allen Unternehmensformen Insolvenzgrund, die durch Verluste entstehende Überschuldung bei den Rechtsformen, bei denen die Haftung auf das eingelegte Kapital beschränkt ist).

    3. Interessenten: v.a. die bisherigen und potenziellen Eigen- und Fremdkapitalgeber, um Informationen über die Zweckmäßigkeit und Sicherheit ihrer Kapitalanlagen zu erlangen; die Arbeitnehmer wegen der Sicherheit ihrer Arbeitsplätze und den Möglichkeiten ihrer Einkommensentwicklung; der Staat zwecks Vorausschau über Steuereinnahmen und gesamtwirtschaftliche Entwicklungen.

    Arten

    1. Nach den Quellen der zur Verfügung stehenden Daten: a) Externe Bilanzanalyse: Bilanzanalyse durch außen stehende Dritte; muss sich auf das veröffentlichte oder sonst zugängliche Material beschränken. Bei Unternehmen, die bewusst öffentliche Meinungspflege (Public Relations (PR)) betreiben und deshalb ihre Jahresabschlüsse entsprechend gestalten und z.B. durch Presseinformationen ergänzen, bieten sich dem Bilanzkritiker gute Grundlagen, doch kann auch hier das Ausmaß der Legung bzw. Auflösung stiller Reserven (stille Rücklagen) nur in sehr beschränktem Maße erkannt werden. Dasselbe gilt für stille Verluste, die nach den Grundsätzen ordnungsmäßiger Buchführung (GoB) wegen des Imparitätsprinzips zwar weitgehend ausgeschlossen sein sollten, erfahrungsgemäß jedoch das größte Problem einer Insolvenzprognose darstellen (Bilanzpolitik).

    b) Interne Bilanzanalyse: Bilanzanalyse durch damit beauftragte Unternehmensangehörige oder betriebsfremde Vertrauenspersonen [Wirtschaftsprüfer (WP)]; ihnen stehen prinzipiell alle Unterlagen zur Verfügung, die für die Beurteilung der Jahresabschlussdaten von Bedeutung sein könnten. Dadurch gewinnt die interne Bilanzanalyse gegenüber der externen erheblich an Bedeutung für das rechtzeitige Erkennen positiver oder negativer Entwicklungen und damit für die Unternehmenssteuerung und -kontrolle.

    2. Nach dem Objekt der Bilanzanalyse: a) formelle Bilanzanalyse: bezieht sich auf die Gliederung der Bilanz und der Gewinn- und Verlustrechnung.

    b) Materielle Bilanzanalyse: bezieht sich auf die Bilanzierung dem Grunde (Aktivierungspflicht, Aktivierungswahlrecht, Passivierungspflicht, Passivierungswahlrecht) und der Höhe nach (Bewertung) sowie auf die Beurteilung der Zahlungsströme und ihrer Auswirkungen auf die Lage der Unternehmung.

    3. Nach dem zeitlichen Umfang: a) einperiodige Bilanzanalyse: beschränkt sich auf einen Jahresabschluss.

    b) Mehrperiodige Bilanzanalyse: Die Entwicklung im Zeitablauf steht im Vordergrund.

    4. Nach dem sachlichen Umfang: a) einbetriebliche Bilanzanalyse, b) zwischenbetriebliche Bilanzanalyse: Beurteilung der Lage und Entwicklung der Unternehmung mithilfe branchenspezifischer Vergleichsdaten (Betriebsvergleich).

    Methoden und Aussagewert

    Nach zweckentsprechender Bilanzaufbereitung: 1. Analyse der Finanzlage: a) Aus den Bilanzdaten werden Kennzahlen entwickelt:
    (1) Horizontale Kennzahlen stellen eine Beziehung zwischen Vermögens- und Kapitalpositionen her (z.B. Anlagendeckung durch langfristige Finanzierungsmittel, Liquiditätsgrade); damit kann beurteilt werden, wie weit der Grundsatz der Fristenentsprechung (goldene Bilanzregel) eingehalten wurde.
    (2) Vertikale Kennzahlen sollen Einblicke in die Vermögensstruktur (z.B. Anlagenintensität) und die Kapitalstruktur (z.B. Verschuldungskoeffizient, Eigenkapitalquote) sowie ihre Entwicklung bes. auch im Vergleich mit branchentypischen Relationen eröffnen.

    Beurteilung von Kennzahlen: Feste Relationen als Normgrößen lassen sich nicht ableiten, da die Möglichkeiten der Finanzdisposition zu vielfältig und der Vermögensaufbau der Unternehmen selbst innerhalb einer Branche zu verschieden sind. Außerdem sind Kennzahlen überwiegend stark bewertungsabhängig (stille Rücklagen), von den Zufälligkeiten des Bilanzstichtags geprägt oder gestaltet (Window Dressing), sodass sie nur vergangenheitsorientierte Aussagen zulassen. Wichtige Veränderungen der Vermögens- und Kapitalstruktur können vertraglich bereits eingeleitet sein, ohne dass sie sich in den Bilanzen und damit den Kennzahlen schon niederschlagen. Die verbreitete Verwendung in der Praxis ist v.a. darin begründet, dass mithilfe der Kennzahlen schlaglichtartig wichtige Beziehungen verdichtet wiedergegeben werden und ihnen eine Signalfunktion zugesprochen wird: Krasse Abweichungen im Zeit- und zwischenbetrieblichen Vergleich gelten als Indikator für die Notwendigkeit weitergehender Analysen. Versuche, durch Ordnung und Auswahl der Kennzahlensysteme unter Einsatz der EDV und mathematisch-statistischer Verfahren deren Aussagewert zu steigern, können die Mängel des Ausgangsmaterials kaum überwinden.

    b) Bei finanzwirtschaftlichen Bewegungsbilanzen werden die Vermögens- und Kapitalveränderungen aus den Anfangs- und Schlussbilanzdaten einer Periode als Mittelverwendung und Mittelherkunft dargestellt.

    Beurteilung: Die Einwendungen gegen Kennzahlen treffen auch hier zu. Darüber hinaus kann zu Fehlinterpretationen Anlass geben, dass rein buchmäßige Bewertungsänderungen fälschlicherweise als Mittelfluss erscheinen.

    c) Die Gewinn- und Verlustrechnung ist als Gegenüberstellung von Aufwendungen und Erträgen nicht unmittelbar für die Liquiditätsanalyse, die mit Einnahmen und Ausgaben rechnet, geeignet. Es ist daher eine Trennung der einnahme- und ausgabewirksamen Erträge und Aufwendungen vorzunehmen. Der Cashflow, eine positive Differenz zwischen Einzahlungen und Auszahlungen, ist der Zahlungsmittelzufluss der Periode, den die Unternehmung erwirtschaftet hat und der ihr für Investitionen, Tilgungen und Entnahmen zur Verfügung stand.

    Beurteilung: Der Cashflow ist zwar im Prinzip eine bewertungsunabhängige und damit bes. geeignete Kennzahl, doch bei externen Analysen nur in beschränktem Maße zu ermitteln. Durch geltendes Handelsrecht sind die Analysemöglichkeiten eingeschränkt, da in den Gewinn- und Verlustrechnungen von Kapitalgesellschaften wichtige ausgabe- und einnahmeunwirksame Beträge (wie z.B. die Erträge aus der Auflösung von Rückstellungen) und für die Beurteilung bedeutsame einmalige, d.h. nicht wiederholbare Einnahmen (z.B. Erträge aus dem Abgang von Gegenständen des Anlagevermögens) nicht gesondert auszuweisen sind. Dieses Informationsdefizit wird dadurch gemildert, dass der Konzernabschluss um eine Kapitalflussrechnung zu erweitern ist.

    d) Bei der externen Kapitalflussrechnung wird eine Rekonstruktion der Zahlungsströme aus den Daten der Anfangs- und Schlussbilanz sowie der Gewinn- und Verlustrechnung vorgenommen, soweit dies die Aufgliederung des Jahresabschlusses zulässt.

    Beurteilung: Da sie grundsätzlich alle zur Verfügung stehenden Daten verwendet, ist dieses Instrument für eine Beurteilung der Finanzlage am ehesten geeignet. Jedoch gelten auch hier die für den Cashflow genannten Einschränkungen.

    Vgl. auch Finanzanalyse.

    2. Analyse der Ertragslage: a) Benutzt wird v.a. die Gewinn- und Verlustrechnung, sofern nicht bei der internen Unternehmensanalyse auf die Daten der Kostenrechnung (Betriebsergebnis) zurückgegriffen werden kann. Zunächst muss versucht werden, das Unternehmensergebnis in seine Quellen aufzuspalten, v.a. alle einmaligen, nicht wiederholbaren und periodenfremden Aufwendungen und Erträge auszusondern, da für Beurteilung und Prognose der Ertragslage in erster Linie das betriebliche, ordentliche, periodeneigene Ergebnis von Bedeutung ist. Wie weit dies gelingen kann, ist abhängig von der Gliederung der Gewinn- und Verlustrechnung. Die nach dem § 275 HGB für Kapitalgesellschaften vorgesehene Gliederung lässt zwar eine Aufspaltung des Unternehmungsergebnisses in ein Finanz- und betriebliches Ergebnis zu, doch enthält v.a. Letzteres im betriebswirtschaftlichen Sinn betriebsfremde, außerordentliche und periodenfremde Elemente, von denen nur wenige eliminiert werden können (z.B. Erträge aus Zuschreibungen aufgrund des Anlagegitters). V.a. das Ausmaß der Legung und Auflösung stiller Reserven, das nur in einigen Fällen durch Angabepflichten im Anhang erkennbar wird, erschwert eine Beurteilung der Ertragslage.

    b) Kennzahlen: Neben der Untersuchung der Aufwands- und Ertragsstruktur zum Zweck der Analyse von Ursachen für Ertragsverschiebungen dienen als Maßstab im Zeit- und zwischenbetrieblichen Vergleich bes. die Kennzahlen der Rentabilität, indem das jeweilige Ergebnis zu den (ebenfalls bewertungsabhängigen) Größen Gesamt- und Eigenkapital oder als Umsatzrentabilität zu den Umsatzerlösen in Beziehung gesetzt wird.

    zuletzt besuchte Definitionen...

      Mindmap Bilanzanalyse Quelle: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/bilanzanalyse-30674 node30674 Bilanzanalyse node39685 Liquidität node30674->node39685 node35992 Finanzanalyse node30674->node35992 node40599 Kapitalflussrechnung node30674->node40599 node45028 Rentabilität node30674->node45028 node31477 Bilanz node30674->node31477 node30008 Branchenstatistik node35992->node39685 node33703 Gewinn- und Verlustrechnung ... node35992->node33703 node35992->node31477 node33697 Geschäftsbericht node35992->node33697 node39410 International Financial Reporting ... node33703->node30674 node31510 Bewegungsbilanz node40599->node39410 node40599->node33703 node40599->node31510 node45016 Prüfungsbericht node39135 Marktbeobachtung node29998 Auswertung node29998->node30674 node29998->node30008 node29998->node45016 node29998->node39135 node37558 Kapitalumschlag node45028->node37558 node40202 Maschine node40202->node31477 node40271 latente Steuern node40271->node31477 node37373 Lagerbuchführung node37373->node31477 node27154 Bilanzstichtag node31477->node27154 node53458 Umsatzrendite node53458->node45028 node38628 Kapitalrendite node38628->node45028 node38707 MAPI-Methode node38707->node45028
      Mindmap Bilanzanalyse Quelle: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/bilanzanalyse-30674 node30674 Bilanzanalyse node45028 Rentabilität node30674->node45028 node31477 Bilanz node30674->node31477 node40599 Kapitalflussrechnung node30674->node40599 node35992 Finanzanalyse node30674->node35992 node29998 Auswertung node29998->node30674

      News SpringerProfessional.de

      • Was Bewerber garantiert abschreckt

        Sie sollen Status symbolisieren und modern daher kommen, erreichen aber das genaue Gegenteil. Arbeitsuchende empfinden englische Jobtitel häufig als unnötig aufgebläht. Keep ist simple, ist der bessere Anglizismus im Recruiting.

      • Big Brother im Büro

        Die totale Überwachung von Mitarbeitern ist längst keine negative Utopie mehr, wie sie George Orwell oder Dave Eggers in ihren Romanen heraufbeschwören. Unternehmen können bereits jetzt die Aktivitäten ihrer Angestellten rundum erfassen. Wissenschaftler warnen vor Missbrauch.

      • Private Equity in Deutschland boomt

        Unternehmen günstig kaufen und mit Gewinn verkaufen. Das ist das Konzept von Private Equity-Gesellschaften. Sie sind in Deutschland nach wie vor sehr aktiv, wie eine aktuelle Studie zeigt.

      • Zu wenig Innovation vor lauter Transformation

        Im BCG-Innovations-Ranking 2018 liegen US- und Digitalunternehmen klar vorn. Deutsche Firmen sind erst ab Platz 21 zu finden. Doch was hemmt hierzulande eigentlich die Innovationskraft?

      • Talentierte Mitarbeiter finden und binden

        Im hart gewordenen "War for Talents", in dem Fachkräfte begehrter denn je sind, vergessen Unternehmen offenbar, auf die internen Talente zu setzen. Dabei schlummern in der Belegschaft oft ungeahnte Potenziale.

      • Digitalisierung in betrieblicher Altersvorsorge angekommen

        Mittlerweile ist die Digitalisierung auch in der betrieblichen Altersvorsorge angekommen. Die aktuelle Mercer-Studie deckt Details auf und erklärt, wieso sich zwei Drittel der befragten Unternehmen eine digitale Informationsplattform wünschen.

      • Industrie 4.0 – und Schicht im Schacht?

        Je nach Standpunkt und Blickwinkel scheint der Trend zu Digitalisierung und Vernetzung der Industrie zur Industrie 4.0 positive oder negative Auswirkungen auf die Arbeitsplatzentwicklung zu versprechen. Wirtschaftsforscher haben jetzt eine Gesamtschau versucht.

      • Agile Führung zur Stärkung der Veränderungsintelligenz

        Braucht Agilität überhaupt noch Führung? Oder sind Führung und Agilität nicht ein Widerspruch in sich? Wie das Konzept der Veränderungsintelligenz zeigt, hängt die Antwort vom jeweiligen Agilitätskontext ab, so Gastautorin Antje Freyth.

      Autoren der Definition und Ihre Literaturhinweise/ Weblinks

      Prof. Dr. Bernhard Pellens
      Univ. Bochum,
      Lehrstuhl für Internationale Unternehmensrechnung,
      FB Wirtschaftswissenschaft
      Lehrstuhlinhaber
      Dipl. Ök. Torben Rüthers
      Univ. Bochum,
      Lehrstuhl für Internationale Unternehmensrechnung,
      FB Wirtschaftswissenschaft
      wissenschaftlicher Mitarbeiter
      Prof. Dr. Thorsten Sellhorn
      WHU – Otto Beisheim School of Management,
      Lehrstuhl für Externes Rechnungswesen
      Lehrstuhlinhaber
      Prof. Dr. Thilo Seyfriedt
      Hochschule Offenburg, Fakultät Betriebswirtschaft und Wirtschaftsingenieurwesen
      Professur für ABWL sowie Finanzierung, Rechnungslegung und Steuern

      Literaturhinweise SpringerProfessional.de

      Springer Professional - Die Flatrate für Fachzeitschriften und Bücher
      Das Buch stellt umfassend, anwendungsorientiert und auf aktuellstem Stand das Instrumentarium für eine gezielte Auswertung des Jahresabschlusses vor. Behandelt wird die Analyse sowohl von Einzel- wie auch von Konzernabschlüssen. Viele …
      Die qualitative Bilanzanalyse beschäftigt sich im Gegensatz zur quantitativen Bilanzanalyse mit der Auswertung der Bilanz und zugehöriger Komponenten in verbaler Form.
      Die quantitative Bilanzanalyse ist eine auf Kennziffern basierende Auswertung von Bilanzen. Diese – schon seit sehr langer Zeit existierende Auswertungsmöglichkeit – kann wiederum unterteilt werden in eine erfolgs- und finanzwirtschaftliche …

      Sachgebiete

      Interne Verweise